«Nicht fair»: 2-Meter-Tim muss zum Fliegen immer Upgrade zahlen

- Tim Peters ist zwei Meter gross und hat nach eigener Schätzung schon 5000 Euro für mehr Beinfreiheit im Flugzeug bezahlt.
- Mit einer Petition fordert er XL-Plätze für sehr grosse Menschen zum Preis einer normalen Sitzplatzreservierung.
- Er erzählt von Alltagshürden, die mit seiner Grösse verbunden sind.
Wenn sich der zwei Meter grosse Tim Peters ins Flugzeug setzt, stossen seine Knie am Vordersitz an. Die Beine bewegen kann der 37-Jährige kaum, nach etwa zwei Stunden wird das Sitzen schmerzhaft. «Und wehe, klappt vorne jemand die Rückenlehne zurück», sagt er zu 20 Minuten. Dann muss er erklären, weshalb es hinter dem Sitz nicht weitergeht, und nett bitten, dass die Person die Rückenlehne wieder nach vorn klappt. Manchmal müssen sogar die Flugbegleiter intervenieren.
5000 Euro mehr, um Platz zu haben
Damit es nicht so weit kommt, sucht Peters schon vor der Buchung nach Sitzen mit mehr Beinfreiheit. Rund 5000 Euro hat Tim Peters nach eigener Schätzung schon ausgegeben, denn mit seinen zwei Metern Körpergrösse hat er kaum Beinfreiheit in einem normalen Economy-Sitz. «Alleine dieses Jahr waren es etwa 200 bis 300 Euro», erzählt er. Manchmal hilft aber auch kein Aufpreis: In Vancouver musste er einen privaten Rundflug mit dem Wasserflugzeug absagen, weil er nicht auf den Sitz passt.
Mit einer Petition fordert der 37-Jährige deshalb, dass sehr grosse Menschen XL-Plätze zum Preis einer üblichen Sitzplatzreservierung buchen können. «Niemand sucht sich seine Körpergrösse aus», sagt er. Bisher haben 350 Menschen unterschrieben, Tim erhofft sich 1000 Unterschriften bis Ende der Petition am 20. Februar 2027.
«Körpergrösse sollte kein Upgrade benötigen»
Seine konkrete Forderung: Airlines sollen ein Kontingent an Sitzen mit extra Beinfreiheit zurückhalten und ungenutzte Plätze 48 Stunden vor Abflug für alle freigeben. Als Nachweis schlägt er die Grössenangabe im Ausweis vor, die Sicherheitsregeln am Notausgang sollen weiter gelten.
Seine vorgeschlagene Grenze liegt bei etwa 1,90 Metern. Im Gespräch räumt Peters aber ein, dass auch kleinere Menschen mit langen Beinen betroffen sein können. Ihm geht es um schmerzfreies Fliegen: «Für manche ist zusätzliche Beinfreiheit Komfort. Für sehr grosse Menschen ist sie schlicht Platzbedarf», sagt er.
Das sagen Swiss und Edelweiss
Die angefragten Airlines Swiss und Edelweiss zeigen Verständnis für den erhöhten Platzbedarf, planen derzeit aber keinen entsprechenden Pilotversuch. Ihre Begründung:
- Swiss: Laut Mediensprecher Remo Müller bietet die Swiss Sitze mit zusätzlicher Beinfreiheit an, deren Aufpreis unter anderem von Strecke, Tarif und Sitzplatzkategorie abhängt. Beim kostenlosen Zuteilen der Sitze am Check-in berücksichtige man individuelle Wünsche nach Möglichkeit, könne zusätzliche Beinfreiheit aber nicht garantieren. Beim vorgeschlagenen Kontingent sieht Swiss mehrere Hürden: Die ohnehin begrenzten Plätze wären für andere Gäste bis kurz vor Abflug gesperrt. Zudem müsste die Anspruchsprüfung über verschiedene Buchungskanäle funktionieren, der Umgang mit persönlichen Daten geklärt werden und die Regelung auch bei kurzfristigen Flugzeugwechseln greifen. Ein Pilotversuch ist derzeit nicht geplant, Swiss sei aber offen für Anregungen.
- Edelweiss: Auch Edelweiss sieht derzeit keine Sonderregelung aufgrund der Körpergrösse vor. Laut Mediensprecher Andreas Meier erfordern diese Sonderregelungen Anpassungen in den weltweiten Buchungs- und Abfertigungsprozessen und werfen Fragen zur Anspruchsberechtigung auf. Ein Kontingent hat laut der Airline zudem wirtschaftliche Folgen, weil die zurückgehaltenen Plätze während eines grossen Teils des Buchungszeitraums nicht regulär angeboten werden können. Einen Pilotversuch plant auch Edelweiss nicht.
Die Airlines Lufthansa, Condor, Easyjet und Wizz Air haben bisher nicht auf eine Anfrage der Redaktion geantwortet.
Das sind Tims Alltagshürden
Tim ist jedoch nicht nur beim Fliegen mit Problemen konfrontiert, auch im Alltag kommt ihm seine Grösse oft in die Quere. Er spricht von einer Welt, die ihm oft zu klein ist – von kleinen Betten über Zusatzgebühren bis hin zu nervigen Sprüchen.
Bett zu klein, Spiegel zu tief
In Ferien ist für Tim nach dem Flug der Kampf um ausreichend Platz nicht vorbei. Oft klärt er schon vor der Unterkunftsbuchung ab, ob ein Bett mindestens zwei Meter lang ist. «Einmal wurden mir in einem Airbnb zwei Meter zugesichert, doch vor Ort war das Bett nur 1,80 Meter lang.» Angenehmes Schlafen sei dann nicht möglich. «Ich habe mehrmals meine Unterkunft aufgrund des Betts gewechselt, leider auf meine eigenen Kosten.»
Und im Badezimmer einer Unterkunft auf Teneriffa hilft auch das Improvisieren nicht: «Zwischen Armatur und Wand bleibt mir so wenig Raum, dass ich mich nicht weit genug zum tief hängenden Spiegel beugen kann, um mein Gesicht zu sehen.»
Mietauto: Wechsel mit Aufpreis
Auch beim Mietauto zeigt sich oft erst vor Ort, ob der Zwei-Meter-Mann darin Platz hat. Schon mehrfach musste er das Fahrzeug wechseln – manchmal auch für einen Kostenzuschlag. «Es ist fast wie ein Glücksspiel, man weiss nie, was einen erwartet», sagt er.
Nervige Sprüche: «Spielst du Basketball?»
Neben der Suche nach Platz begleiten Peters seit seiner Jugend Fragen und Kommentare zu seiner Grösse. «Die Frage, ob ich Basketballspieler bin, nervt mich am meisten. Oder ständige Fragen, ob ich beim Familienbesuch mal wieder das Laub aus der Regenrinne am Terrassendach hole, weil ich dafür keine Leiter brauche.» Früher fiel Tim ungern auf, heute kommt er zurecht – auch wenn er immer wieder Blicke und Getuschel auf der Strasse mitbekommt.
Er hört über seinen Instagram-Kanal aber auch, wie andere darunter leiden: Eine 1,85 Meter grosse Frau bekommt zum 16. Geburtstag ein Leuchtturmkostüm geschenkt und empfindet den Scherz als belastend. Eine andere erinnert sich daran, wie unangenehm es ihr war, auf dem Klassenfoto sogar die Lehrerin zu überragen. Eine weitere Frau berichtet von Mobbing und Zurufen fremder Männer: «Hübsch bist du, aber gibts dich auch in klein?»
Zu kleine Kleider und Schuhe
Auch Kleider und Rucksäcke sind ihm oft zu kurz. Deshalb gründet er 2024 das Ratgeberportal grosse-menschen.info, auf dem er geeignete Produkte wie etwa Betten in Überlänge, XXL-Bürostühle, Schuhe in Übergrösse oder Autoideen für grosse Menschen zusammenträgt. Er plant zudem, einen Onlineshop mit Produkten für grosse Menschen zu entwickeln.
Zum Glück gibt es auch Momente, in denen seine Grösse hilft, sagt Tim: Im Stadion oder am Konzert geniesse er den Überblick, obwohl manche auch nervige Kommentare abgeben und sagen: «Bleibt der echt hier stehen?»
Findest du es gerecht, wenn grosse Menschen nicht für extra Beinfreiheit zahlen müssten? Oder findest du, es braucht generell mehr Beinfreiheit im Flugzeug? Schreibs in die Kommentare!
Martine Anastasiou (man), Jahrgang 2001, arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Wirtschaft.
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