Filmessay „Holofiction“ über Holocaust: Die Bilder berichten von sich selbst

Der monumentale Filmessay „Holofiction“ des Regisseurs Michal Kosakowski geht den Bildern des Kinos zum Holocaust nach. Sein Blick ist wortlos kritisch.
Auch wenn er im Ergebnis spartanisch wirkt, liegt diesem Film eine geradezu monumentale Arbeit zugrunde. Acht Jahre lang hat der Regisseur Michal Kosakowski in internationalen Filmarchiven recherchiert und mehr als 3.000 Filme gesichtet. Ein unüberschaubares Meer an Bildern, dem aber nach der Auswertungs- und Sortierarbeit mit einem Mal Struktur und Regelhaftigkeit verliehen wird. Die Filme, die hier ausgewertet wurden, erzählen vom Holocaust, nicht dokumentarisch, sondern mittels Fiktionen: „Holofiction“.
Die Wortneuschöpfung und das Zitat von Claude Lanzmann, mit dem Kosakowski seinen Filmessay beginnen lässt, deuten schon an, dass der Blick auf dieses Riesenkonvolut an Bildern ein kritischer ist: „Fiktion ist eine Überschreitung. Ich bin davon überzeugt, dass die Darstellung bestimmter Dinge verboten ist.“ Mit diesen Worten sprach sich Lanzmann damals gegen Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ und insbesondere gegen die Sequenz aus, in der eine Gruppe von Insassen von Auschwitz zum Duschen gezwungen wird. Die Spannung steigt – und dann ist es doch nur Wasser. Suspense vor der Kulisse eines Vernichtungslagers.
Die Szene sticht heraus, denn die unmittelbare Darstellung des Massenmords galt im Kino lange als Tabu. Filme wie „Son of Saul“ gehen in ihrer Rekonstruktion der Vernichtung sehr weit, reflektieren aber die Debatte um Darstellbarkeit und Darstellungsweisen mit und lassen sie in ihre Bildkonstruktionen einfließen.
Der Film
„Holofiction“. Regie: Michal Kosakowski. Deutschland/Österreich 2025, 102 Min.
Die Herkunft der einzelnen Einstellungen wird jeweils am unteren Bildrand mit Filmtitel und Produktionsjahr ausgewiesen. Darüber hinaus gibt es keine Erläuterungen, keinen erklärenden Voice-over-Kommentar. Die Bilder stehen für sich und werden allein durch ihre Anordnung miteinander in Beziehung gesetzt.
Die in wechselndem Tempo, mal schneller, mal langsamer montierten Einstellungen von „Holofiction“, in denen sich über knapp zwei Stunden Bilder aus unzähligen Filmen miteinander verbinden, ergeben einen Meta-Film: Motive, anhand derer das Kino von der Shoah erzählt, werden so angeordnet, dass sie nun nicht mehr vom Geschehen selbst, sondern von der Inszenierung handeln. Bürokratie, Razzien, Türen eintreten, Verstecke und Flucht, Lastwagen und Züge, Deportationen, Ghettos, Wachtürme, Baracken, die Rampe, Nummern auf Armen, lachende Täter, weinende Opfer, Krankheit, Zwangsarbeit, Sterben.
Alle Produktionen sind als Bildmaterial gleichberechtigt
„Holofiction“ verzichtet auf den Originalton der Filmausschnitte. Keine Dialoge oder Geräusche, stattdessen begleitet eine eigens komponierte Musik von Paolo Marzocchi die Montage. Kosakowskis Montage behandelt alle Produktionen gleichberechtigt als Bildmaterial: die beiden Verfilmungen von „Jakob der Lügner“, „Schindlers Liste“ und „Der Pianist“, verschiedene Adaptionen des Tagebuchs der Anne Frank, „Das Leben ist schön“ und „Inglourious Basterds“ stehen neben zahlreichen, hierzulande weniger bekannten osteuropäischen Filmen, aber auch neben der obszönen Erotisierung von KZ-Aufseherinnen in Filmen wie „Ilsa – She Wolf of the SS“ oder „Der Nachtportier“.
Ein bleibender Eindruck: Wohl kein Ereignis wurde so oft mit den Mitteln des Genrekinos rekonstruiert und in eine erzählbare Form gebracht wie die Vernichtung der europäischen Juden. Die Bilder in „Holofiction“ beginnen von sich selbst zu berichten, und die Montage untersucht gleichsam ihre Regelhaftigkeit. Die Schlüsse, die man aus all dem zieht, gibt Kosakowskis Montage nicht vor.
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Eine Lesart: In der Regelhaftigkeit und der endlosen Wiederholung der immer gleichen Motive liegt möglicherweise eine Überschreitung im Sinne Lanzmanns. Nicht im einzelnen Bild eines Geschehens, das sich der Darstellung entzieht, sondern in der unablässigen Wiederholung von Bildern, welche die Darstellung der Shoah den Erzählmustern des Genrekinos unterordnen.
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