Senioren in Korea: Rüstig für die KI-Zukunft

Südkoreas rapide alternde Bevölkerung lernt den Umgang mit künstlicher Intelligenz. Der technologische Wandel hinterlässt nicht nur positive Spuren im Land.
Foto: Fabian Kretschmer
Wenn Lee Eun-hwa mit dem Unterricht beginnt, ist ihre gute Laune regelrecht ansteckend. „Man kann die Adresse kopieren. Klappt das bei Ihnen?“, sagt die Lehrerin langsam, während sie auf einen riesigen Bildschirm hinter sich zeigt. Darauf ist die App von Youtube geöffnet. „Das Kopiersymbol schaut so aus, als würden zwei Blätter übereinanderliegen, nicht wahr?“, fragt Lee betont laut in die Runde.
Auf den Rängen sitzen ihre Schülerinnen und Schüler, vor sich jeweils einen Computer. Die Teilnehmenden im digitalen Lernzentrum am östlichen Stadtrand von Seoul sind in ihrer Neugierde und Motivation vorbildlicher als so manche Oberstufenklasse. Nur hören die meisten nicht mehr so gut, und einige tragen Brillen mit dicken Gläsern. Genau das ist allerdings der Sinn der Sache: Lehrerin Lee bringt älteren Menschen bei, wie sie mit digitalen Plattformen und künstlicher Intelligenz umgehen können.
„Es gibt eine zunehmende digitale Kluft und die möchte ich durchbrechen“, sagt Lee nach Unterrichtsschluss: „Vor allem möchte ich meinen Teilnehmern lehren, wie sie die Technologie nutzen können, um ihr Leben unterhaltsamer zu machen.“ Lernen solle man schließlich zuerst das, was einem auch Spaß macht.
Schülerin Yoon Bok-soon, 72 Jahre alt, pflichtet bei. Zweimal pro Woche kommt die Koreanerin ins digitale Lernzentrum. Ihre Fortschritte können sich sehen lassen. „Früher habe ich immer meine Kinder fragen müssen, wie man Dinge macht – etwa Onlineshopping. Jetzt kann ich das selbst machen“, sagt Yoon.
Doch ihre Leidenschaft fürs Digitale geht weit darüber hinaus. „Ich mochte schon immer Musik und Malen – nun habe ich mit meinem Smartphone ein neues Hobby erlernt“, sagt die Seniorin mit strahlendem Lächeln. Stolz zeigt sie ihr Handydisplay und scrollt durch ihren eigenen Youtube-Kanal.
Angefangen hat sie damit, eigene Bilder hochzuladen, Blumenbestecke und Landschaftsmalereien, und sie mithilfe von KI-Programmen in kleine Videosequenzen zu verwandeln. Inzwischen spricht sie auf ihrem Kanal auch über japanische Anime-Serien, analysiert Bücher wie „Der kleine Prinz“ und den Sisyphus-Mythos oder veröffentlicht selbst verfasste Gedichte. Dazu laufen KI-generierte Videosequenzen.
Enkeltrick mit KI
Landesweit gibt es inzwischen 69 solcher staatlich finanzierten digitalen Lernzentren. Bis 2029 will das Ministerium für Wissenschaft und Informationstechnologie, kurz MSIT, die Zahl dieser Einrichtungen in den nächsten drei Jahren auf knapp 230 erhöhen. „KI sollte nicht ausschließlich Experten vorbehalten sein, sondern ein Werkzeug sein, von dem alle profitieren – auch marginalisierte Gruppen wie ältere Menschen. Sie sollte ihre Lebensqualität im Alltag spürbar verbessern“, sagt Lee Do-gyu, Generaldirektor beim MSIT.
Dem Regierungsbeamten zufolge geht es aber auch darum, Senioren gegen die technologischen Gefahren der KI zu wappnen. Tatsächlich sind Betrugsanrufe organisierter Verbrecherbanden, die oft aus Südostasien operieren, in Südkorea ein großes Problem. Beim sogenannten Voice-Phishing nutzen Täter zunehmend künstliche Intelligenz, um beispielsweise Stimmen von Angehörigen zu imitieren und ihre Opfer zu Geldüberweisungen zu bewegen. Allein bei den fünf größten südkoreanischen Banken wurden im Vorjahr knapp 8.800 Transaktionen infolge solcher Betrugsmaschen registriert. Das waren mehr als doppelt so viele wie im Jahr davor. Unter den Opfern sind zunehmend auch ältere Menschen.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: KI-generierte Falschinformationen verschärfen in der hochvernetzten Gesellschaft Südkoreas die extreme Polarisierung. Vor allem dem politisch rechten Rand gelingt es mit Verschwörungstheorien über eine angebliche kommunistische Unterwanderung durch Nordkorea oder China vorwiegend ältere Menschen für Demonstrationen zu ködern. Wer auf rechtskonservativen Straßenprotesten im Zentrum von Seoul mit den meist älteren Teilnehmern spricht, hört nicht selten krude Thesen. Nach Belegen gefragt, verweisen sie auf dubiose Kurzvideos in sozialen Medien.
Wer durch das digitale Lernzentrum am Stadtrand von Seoul geht, trifft auf eine geradezu surreale Erlebniswelt. Eine alte Frau mit Dauerwellenfrisur hat gerade eine Virtual-Reality-Brille aufgesetzt. In der nächsten Ecke kann man mit einem Roboter-Hund spielen. Daneben steht ein digitales Selbstbedienungsterminal, an dem man probeweise Burger bestellen kann.
Alltag nur mit Digitalkompetenz
Was spaßig anmutet, hat einen ernsten Hintergrund. Südkorea ist die am schnellsten alternde Gesellschaft der Welt. Inzwischen ist ein Fünftel der Bevölkerung älter als 65 Jahre, Tendenz steigend. Zugleich gehört das Land am Fluss Han mit seiner weltweit führenden Chipindustrie zur digitalen Avantgarde.
Für manche Bevölkerungsgruppen führt das zu Problemen. Der Alltag in Südkorea ist ohne grundlegende Digitalkompetenz kaum noch zu bewältigen. Für Arzttermine braucht man oft eine Smartphone-App, für den Kauf von Zugtickets ohnehin. Und wer im Restaurant oder Café bestellen will, muss das meist an einer digitalen Maschine tun.
„Ich bin 83 Jahre alt. Aber das Alter spielt beim Lernen keine Rolle“, sagt Seo Jong-hyun, ein stattlicher Senior mit Macherattitüde. Auch er ist Schüler im digitalen Lernzentrum. „Zunächst kam ich hierher, weil ich Excel lernen wollte. Aber das hat keinen Spaß gemacht“, sagt Seo. Doch beim KI-Kurs habe ihn die Leidenschaft gepackt. „Mein Leben wurde dadurch wirklich besser. Das Smartphone ist mittlerweile mein persönlicher Assistent: Die KI gibt mir Informationen über medizinische Dinge, oder sie hilft mir bei meinen Reiseplänen“, sagt Seo. Auch er hat nun einen eigenen Youtube-Kanal, auf dem er seinen Altersgenossen Ratschläge für ein gesundes Leben gibt. Hin und wieder bekommt er auch mal ein Like.
Der digitale Wandel hat in Südkorea allerdings auch negative Spuren hinterlassen. Wo noch vor 15 Jahren lebhafte Marktgassen waren, herrscht heute Leerstand. Eingekauft wird nur noch online. Auch spontane Gespräche in der Nachbarschaft, beim Warten auf den Bus oder in Bürofahrstühlen sind selten geworden. Die meisten Koreaner gehen mit erhobenem Smartphonedisplay durch ihren Alltag.
Inwieweit die Digitalisierung auch die Einsamkeitskrise verschärft, lässt sich empirisch schwer belegen. Doch Fakt ist: Südkorea hat eine der höchsten Suizidraten der Welt, und die Zahlen steigen mit zunehmenden Alter überproportional an. Am stärksten betroffen sind Männer über 80 Jahren. Eine im Vorjahr erschienene Studie im Journal of the Korean Medical Association nennt soziale Isolation als einen der entscheidenden Faktoren.
2025 registrierten die Behörden fast 4.000 „godoksa“ – zu Deutsch: einsame Tote. Meist handelt es sich um ältere Männer, die ohne Verwandte oder enge Bekannte sterben. Oft übernimmt dann der Staat jenes Beerdigungsritual, das es nach koreanischer Tradition braucht, damit die Seele ihren Frieden finden kann.
In der KI-Ära angekommen
Einen nostalgischen Blick nach dem Motto „Früher war alles besser“ findet man in Südkorea jedoch kaum. „Nach dem Koreakrieg waren wir ein Agrarland und jetzt leben wir in der KI-Ära“, sagt Herr Seo pragmatisch: „Natürlich bin auch ich besorgt, welche Zukunft wir sehen werden. Doch deswegen sollen wir nicht aufhören, weiterzulernen.“
Seine Klassenkameradin Yoon Bok-soon sieht das ähnlich: „Sobald man im Leben etwas gewinnt, verliert man auch etwas. Aber die Veränderungen stimmen mich im Großen und Ganzen positiv.“ Natürlich kommuniziere man ab einem gewissen Alter nicht mehr so viel mit seinen Kindern, sagt Yoon. Doch nun teile sie ihren Lebensalltag eben über das Internet.
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