«Worauf wartet ihr?»: Warum viele im Notfall zögern statt helfen

Darum gehts
- In Wohlen AG hat Ajdin Limoni (53) vier Personen aus einem brennenden Fiat gerettet, nachdem zunächst niemand der Umstehenden eingegriffen haben soll.
- Ein Fiat Punto prallte auf der Alten Bremgarterstrasse gegen einen Baum und fing Feuer. Zwei der vier Insassen erlitten schwerste Verletzungen.
- ZHAW-Dozentin Melanie Wegel erklärt die Untätigkeit der Passanten unter anderem mit Verantwortungsdiffusion: Wer nicht selbst helfen kann, ist trotzdem verpflichtet, Hilfe zu organisieren.
«Worauf wartet ihr?» Für Ajdin Limoni ist noch immer schwer zu begreifen, was er am Mittwoch in Wohlen AG erlebt hat. Der 53-Jährige war auf dem Nachhauseweg, als er einen brennenden Fiat sah. Rund um das Auto seien mehrere Personen gestanden – doch den vier Insassen soll zunächst niemand geholfen haben. Limoni zögerte nicht. Er rannte zum Wagen, riss die hintere Tür auf und begann, die Menschen aus dem Auto zu holen. Andere hätten ihm schliesslich dabei geholfen.
Am Tag danach beschäftigt ihn, die Reaktion der Passantinnen und Passanten: «Man sollte nicht zuschauen, sondern tun, was möglich ist». Auch kritisiert er, dass offenbar mehrere Autos vorbeigefahren seien, obwohl man sie zu stoppen versucht habe. Doch wieso greifen gewisse Menschen nicht ein?
Melanie Wegel ist Dozentin am Institut für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und arbeitet zum Thema Zivilcourage. Sie betont: «Wenn man sich dabei nicht selbst in Gefahr bringt, muss man helfen.» Wer einem Menschen in unmittelbarer Lebensgefahr nicht hilft, obwohl ihm dies zugemutet werden könnte, kann sich der unterlassenen Nothilfe strafbar machen.
«Es könnte der Eindruck entstehen, andere kümmerten sich schon»
Bei einem brennenden Auto könne allerdings die Angst vor der eigenen Gefährdung eine Rolle spielen. Manche hätten möglicherweise Bilder von explodierenden Fahrzeugen im Kopf. Doch auch wer nicht selbst eingreifen könne, könne Hilfe organisieren, sagt Wegel. Laut einer Mitteilung der Polizei hat einerseits ein Handy eine automatische Unfallmeldung ausgelöst. Andererseits seien Meldungen von Drittpersonen eingegangen, dass ein Auto verunfallt sei und brenne.
Dass Menschen untätig bleiben, obwohl bereits andere vor Ort sind, erklärt Wegel auch mit der sogenannten Verantwortungsdiffusion: «Wenn da schon andere Leute stehen, könnte bei Einzelnen der Eindruck entstehen, jemand anderes würde sich schon kümmern.» Die Verantwortung werde dadurch gedanklich auf die Gruppe verteilt.
Wieder andere wollten möglicherweise auch keine Zeit verlieren oder nicht mit der Polizei in Kontakt kommen, so die Expertin. Weshalb die Menschen in Wohlen konkret nicht eingegriffen hätten, könne sie aus der Distanz jedoch nicht beurteilen.
Schwerste Verletzungen bei Autoinsassen
Der Selbstunfall ereignete sich am Mittwoch gegen 20.45 Uhr auf der Alten Bremgarterstrasse. Gemäss der Kantonspolizei Aargau fuhr der Fiat Punto in einer Linkskurve aus noch ungeklärten Gründen geradeaus weiter und prallte frontal gegen einen Baum. Das Auto geriet in Brand.
Im Wagen befanden sich eine 17-Jährige sowie drei Männer im Alter von 17, 18 und 21 Jahren. Als die Einsatzkräfte eintrafen, hatten mehrere Ersthelfer die vier bereits aus dem brennenden Fahrzeug gerettet und betreut.
Zwei Insassen erlitten schwerste Verletzungen, die beiden anderen wurden mittelschwer bis schwer verletzt. Auch mehrere Ersthelfer wurden leicht verletzt. Die Kantonspolizei Aargau ermittelt, die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eröffnet.
Lynn Sachs (sac) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Sie ist stellvertretende Leiterin des Ressorts News.
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