Junge Kulturszene in Jerewan: Wo das kulturelle Magma brodelt

Im postsowjetischen Armenien schafft sich die Kulturszene neue Freiräume. In Wohnblocks und Kunststudios wächst die Sehnsucht nach Unabhängigkeit.
Rot leuchten die gefärbten Haare von Arpi Balyan vor dem Rohbeton der Plattenbauten. Sie steht auf dem Balkon in der 9. Etage eines Wohnblocks und blickt auf die grauen Dächer Jerewans. Abgase und Staub liegen über der armenischen Hauptstadt. Hier oben, eingerichtet in einer Privatwohnung, befindet sich die „Fem Library“, Armeniens erste queer-feministische Bibliothek.
Kurz nach der Revolution 2018 gründete die heute 35-jährige Balyan gemeinsam mit einem studentischen Kollektiv ihre kleine Bibliothek, die sich als Raum kritischen Denkens begreift. In den Regalen stapeln sich Beauvoir, Federici und Butler, an den Wänden hängen bunte Plakate. Die karierten Vorhänge zieht man hier lieber zu, um sich vor unerwünschten Blicken zu schützen.
Schon dreimal musste die Bibliothek in den letzten Jahren umziehen, zu groß seien die Anfeindungen der Nachbarschaft gewesen. „Als sie sahen, wie sich zwei Frauen küssten, riefen sie die Polizei“, erinnert sich Balyan. Auch Sticker und Plakate seien immer wieder abgerissen worden.
Foto: Ella Rendtorff
Wer sich in der „Fem Library“ ein Buch ausleihen will, sollte den Weg durch den verwinkelten Wohnblock genau kennen. Queeres Leben findet in Armenien trotz Liberalisierung noch hinter verschlossenen Türen statt. Auch wenn sich die Spielräume im Jerewan dieser Tage zu erweitern scheinen – inspiriert von einer Freiheit, die aus Europa hinüberweht.
Nach dem Protest die Musik
Noch vor drei Jahren gingen die Menschen im Zentrum Jerewans auf die Straße. Erschüttert vom Verlust der armenischen Enklave Bergkarabach an Aserbaidschan, protestierten sie gegen die Regierung. Heute wippt die Stadt abends vor den beleuchteten Treppen der Kaskade zu Musik: auf einer Schulter die Last der Vergangenheit, auf der anderen ihre Kinder, die einer helleren Zukunft entgegenblicken sollen.
Foto: Ella Rendtorff
Betritt man am Wochenende eine der Hinterhofkneipen, ist die Stimmung spürbar elektrisiert. Bunte Lichterketten säumen die bröckelnden Fassaden, an der Bar wird armenisches Bier ausgeschenkt, man kennt und vertraut sich. An kleinen Tischen im Innenhof sitzen junge Menschen, rauchen, lachen. Einer von ihnen ist Tigran Gevorkyan: schwarzes Tanktop, Ohrring, wacher Blick. Gevorkyan ist Performancekünstler – und tritt in Drag-Shows auf.
Geboren ist der 30-Jährige in Russland, nach dem Angriffskrieg auf die Ukraine floh er nach Jerewan. Im Vergleich zu den umliegenden Staaten sei Armenien für die queere Community ein relativ sicherer Hafen, sagt er. In den letzten Jahren habe sich vieles verändert: „Man spürt, dass etwas brodelt. Ein kulturelles Magma.“
Gevorkyan spricht schnell und bestimmt, mit einer Euphorie, die ansteckt. Der Konflikt mit Aserbaidschan, die wirtschaftliche Isolation, die ungewisse Zukunft, all das scheint im warmen Licht der Bar an Bedrohlichkeit zu verlieren. „Da ist dieses berauschende Gefühl, etwas Neues, Eigenes zu schaffen. 35 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion spüren die Menschen zum ersten Mal, was Unabhängigkeit bedeutet. Was ein Armenien ohne Russland bedeutet.“
Der Zukunft zugewandt
Das Land blickt auf eine Geschichte zurück, die von Fremdherrschaft gezeichnet ist, von einem grausamen Genozid, Flucht und Vertreibung. Laut Verfassung ist Armenien seit 1991 eine unabhängige Republik; 2018 erkämpfte sich die Bevölkerung dann durch friedliche Proteste eine weitgehend demokratische Führung. Unter der kürzlich wiedergewählten proeuropäischen Regierung Nikol Paschinjans will sich das Land weiter öffnen – und doch bleibt die zermürbende Vergangenheit spürbar.
„Als die Sowjetunion zusammenbrach, begann die Welt, wie wir sie kannten, zu zerbröckeln“, sagt die armenische Autorin und Übersetzerin Shushan Avagyan bei einem Spaziergang unweit der Universität, an der die 50-Jährige unterrichtet. Jerewan sei auch heute eine Stadt im Wandel.
Auf den schmalen Gehsteigen sitzen alte Frauen und verkaufen für ein paar armenische Dram Schnittblumen und Walnüsse. Daneben rasen glänzende Neuwagen über die breiten Boulevards. Immer wieder blicken von den Fassaden aufgemalte Gesichter gefallener Soldaten, bedrückende Mahnmale der jüngsten Vergangenheit. In Jerewan habe jeder Häuserblock einen Sohn an den Krieg verloren, heißt es. „In dieser Zeit herrschte absolute Stille“, sagt Avagyan.
Für das, was während des Krieges mit Aserbaidschan geschah, habe sie als Autorin bislang keine Worte finden können. „Tsavd tanem“, „Lass mich deinen Schmerz nehmen“, das sind Worte, die im Armenischen dafür immer wieder zu hören sind.
Foto: Ella Rendtorff
Atelier „Arko Place“
Auch die Künstlerin Armina Baghdasaryan sagt diesen Satz zu ihren Töchtern, wenn sie in ihrem Atelier zusammensitzen, das für die Familie Arbeitsplatz und Wohnort zugleich ist. „Arko Place“ nennt sich das Atelier.
Im Dachgeschoss eines Wohnhauses richtete der Maler Arko Baghdasaryan in den 1980er Jahren sein Studio ein. Als einer der Ersten der armenischen Abstraktion versammelte er hier die künstlerische Avantgarde der Stadt.
Man hörte amerikanisches Radio, las Zeitung, diskutierte über moderne Kunst jenseits des sozialistischen Realismus, so seine Tochter. Zwischen den hohen Wänden, dicht behängt mit Werken ihres Vaters, führt die 50-Jährige heute eine Kunstschule.
Es ist früher Vormittag, die Farben sind angerührt, die Pinsel im Atelier bereitgelegt. Bevor der Tag beginnt, sitzt Armina Baghdasaryan mit Kaffee und Zigarette auf dem Balkon. Ihre Art zu leben sei in Armenien nicht selbstverständlich. Sozialisiert in der Sowjetunion, habe sie für ihre Freiheiten lange kämpfen müssen. „Ich werde niemals Teil des Systems sein, weder des kapitalistischen noch des sowjetischen. Ich werde immer den Weg der Kunst gehen.“
Autonomie und Zigarettenqualm
In der neuen Generation sei das anders. „Die jungen Menschen kommen auf die Welt und sind frei“, sagt sie. Und steckt sich eine neue Zigarette auf die silberne Zigarettenspitze. Sie rauche viel, den Tod fürchte sie nicht.
Das Einzige, wovor sie Angst habe, sei der Krieg. Eingekesselt von Großmächten und autoritären Regimen, bleibt Armenien in seiner Unabhängigkeit leicht angreifbar. Mit ihrer Kunstschule will Baghdasaryan einen autonomen Raum bewahren, in dem jeder seiner eigenen Vision nachgehen kann.
Freiräume für Kunst und Kultur entstehen in Jerewan oft dort, wo früher das Regime bestimmte. Etwa in einem bunkerartigen Gebäude am Stadtrand, wo sich die Wohnblocks langsam in der steinigen Steppe des Umlands verlieren. Hier stehen auch die Hayfilm-Studios, das ehemalige Zentrum der staatlich ausgerichteten armenischen Filmproduktion.
Seit den 1990er Jahren liegt die bizarre Anlage weitgehend brach. Wo einst Filmmusik mit großem Orchester eingespielt wurde, ist ein Techno-Club eingezogen. Zwischen den alten Tonbandmaschinen der ehemaligen Studiohallen wummern so regelmäßig elektronische Beats.
Foto: Ella Rendtorff
Das Nopa-Festival
Den Leerstand monumentaler Sowjetbauten neu zu erschließen, ist auch das Konzept von „Nopa“, einem Festival für Sound Art und experimentelle Musik, das seit nunmehr drei Jahren in Off-Spaces rund um Jerewan stattfindet. Mit dem Anspruch, traditionelle armenische Klänge mit zeitgenössischen, westlichen Einflüssen zu verbinden, sei das Festival in der Kaukasus-Region einzigartig, sagt Kurator Varoujan Chetirian.
Über 60 internationale und armenische Künstler:innen haben er und sein Team in diesem Herbst eingeladen.
Eine von ihnen ist die DJ Varder Baghdasaryan. Die 30-Jährige hat sich das Auflegen selbst beigebracht, inzwischen wird sie für Auftritte bis nach Berlin eingeladen. Mit der Welt verbunden zu sein, nach Europa reisen zu können, das sei für sie etwas völlig Neues. „Es fühlte sich nie einfach an, in Armenien eine Künstlerin zu sein. Bevor man Kunst machen kann, braucht man Sicherheit.“
Als das Gespräch kurz in die dunklen Zeiten der vergangenen Jahre führt, hat sie Tränen in den Augen. Und doch scheint auch sie voller Enthusiasmus. „Da ist ein Lichtstrahl in uns allen: Hoffnung. Ich glaube, dass die Welt Armenien gerade das erste Mal sieht.“
Transparenzhinweis: Die Reise wurde durch das journalistische Austausch-Programm der Deutschen Gesellschaft e. V. unterstütz.
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