Nach dem AfD-Triumph – Friedrich Merz und der Anfang vom Ende einer Kanzlerschaft?

Manchmal braucht es grosses Glück, eine Kanzlerschaft zu retten. Helmut Kohl war im Sommer 1989 politisch praktisch am Ende, Angriffe von allen Seiten, Putschversuche. Doch dann kam der Mauerfall – und Kohl blieb bis 1998 Regierungschef. Als «Kanzler der Einheit».
Manchmal endet eine Kanzlerschaft abrupt – wie jene von Gerhard Schröder, als er bei der Wahl 2005 von Angela Merkel geschlagen aus dem Amt gedrängt wurde. Oder Olaf Scholz, als er im November 2024 seinen Finanzminister Christian Lindner entliess – und bei den anschliessenden Neuwahlen komplett unterging. Sein Nachfolger im Kanzleramt: Friedrich Merz.
Der AfD-Schock des Kanzlers
Im Gesicht dieses Friedrich Merz war heute zu sehen, wie der Mann bei einer Rücktrittsankündigung aussehen könnte. Der Schock, die Enttäuschung, das Unverständnis. Merz gibt zu: In dieser Form hätte man das nicht erwartet. 44 Prozent für die AfD in Sachsen-Anhalt, nur hauchdünn von der absoluten Mehrheit entfernt. Für die CDU sei es die «schwerste Wahlniederlage, welche die CDU seit Jahrzehnten eingefahren hat».
Viele Wählerinnen und Wähler sagen: Würde in Berlin besser regiert, hätte ich nicht AfD gewählt. Das ist auch insofern plausibel, als 60 Prozent der AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt nichts im Rechtsextremismus zu tun haben. Die ARD hat diese Zahlen bei der Nachwahlbefragung erhoben. Es ging um Protest, um einen Denkzettel für Merz, für die schwarz-rote Regierung.
Merz und das Desaster mit der Kinderärztin
Er habe verstanden, sagt Merz. Verstanden, dass er besser erklären müsse, wofür die schmerzhaften Reformen gut seien, die seine Regierung plant. Besser erklären. Das sagt Merz immer – um beim nächsten Pressetermin wieder in der Hölle zu landen. «Der CEO im Kanzleramt», spotten viele. Top-down, durchregieren.
Nach seinen Ferien wollte Merz einer Kinderärztin die Gesundheitsreform, ja, erklären – und bezeichnete die Frau als «Nutzniesserin» des Gesundheitssystems – dabei kritisierte die Ärztin nur die Streichung von gewissen Leistungen für Kinder. In den sozialen Medien löste das einen Sturm der Stärke 8 aus.
Kann aus Merz ein einfühlsamer Kanzler werden?
Politik hat viel mit Sachkenntnis, Fairness, Klugheit oder Weitsicht zu tun. Doch auch der Gescheiteste scheitert, wenn er nicht auch als Mensch spürbar ist. Aber wie soll Merz, der Millionär, mit jemandem mitfühlen, dem die Beinzinkosten fast das Genick brechen? Es braucht eine Erzählung. Ein Narrativ.
AfD-Mann Ulrich Siegmund lieferte in dieser Frage. «Was kann ich für Dich tun?», fragte er im Wahlkampf tausende Wählerinnen und Wähler. Gleichzeitig versteckte die CDU im Wahlkampf ihren Kanzler, keine Marktplätze, keine Events – bloss nicht, es wird sonst alles noch schlimmer. Er macht sonst alles noch schlimmer.
Kann Merz die «Zerstörung der CDU» aufhalten?
Vielleicht würde es helfen, wenn Merz mal einen halben Tag lang Siegmund-Videos auf Instagram schauen würde. Jeder Sportler, jeder Fussballtrainer macht das: den Gegner analysieren, seine Stärken, seine Schwächen ausmessen. Denn die AfD formuliert ihr Ziel offen: die Zerstörung der CDU. Jener christlichen Volkspartei, die Deutschland nach der Hitler-Diktatur massgeblich wieder aufbaute, zusammen mit den Sozialdemokraten.
Wenn die beiden grossen – oder wie die AfD es gerne erzählt – ehemaligen grossen Volksparteien die Wende jetzt nicht schaffen, könnte es zu spät sein. Die Zerstörung der CDU. Als Regierungschef hat es Merz jetzt in der Hand.
Manchmal braucht es neben Glück auch Können. Um ein abruptes Ende zu verhindern.
Stefan Reinhart
Leiter der Auslandkorrespondentinnen und -korrespondenten
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Stefan Reinhart ist Leiter der Auslandkorrespondentinnen und ‑korrespondenten und Chef vom Dienst im Newsroom Zürich. Zuvor war er Deutschlandkorrespondent für SRF.
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