Warum sich hohe Abfindungen für Konzerne rechnen können
Immer mehr Unternehmen legen Abfindungsprogramme auf. Das ermöglicht ihnen eine unkompliziertere Personalentwicklung. Dabei rechnen sich für die Firman selbst hohe Angebote.
03.11.2026 | 0:56 minEs ist eine auf den ersten Blick widersprüchliche Strategie: Unternehmen wollen sparen und geben dafür zunächst viel Geld aus. BMW hat sein im Oktober 2026 gestartetes Abfindungsprogramm in Deutschland nach nicht einmal zwei Wochen wieder geschlossen.
Der Andrang war so groß, dass die angestrebte Zahl an interessierten Mitarbeitern bereits erreicht war. Bis Ende 2027 will der Konzern weltweit rund 8.000 Stellen abbauen. In Einzelfällen sollen Abfindungen mehr als 650.000 Euro erreichen, so ein Insider aus Industriekreisen. BMW selbst wollte diese Zahl nicht kommentieren.
Mercedes-Benz plant im Dezember bereits die nächste Runde freiwilliger Abgänge. Im ersten Durchgang erhielten rund 40.000 Beschäftigte ein Abfindungsangebot, rund 5.500 nahmen es an. Microsoft bietet rund 60.000 Beschäftigten in ausgewählten Teams und Ländern die Möglichkeit, gegen finanzielle Unterstützung auszuscheiden.
Zehntausende Beschäftigte haben laut den Gewerkschaften gegen die Sparpläne des Autokonzerns Mercedes-Benz protestiert. Die IG Metall fordert eine aktive Industriepolitik.
03.07.2026 | 1:27 minWarum Konzerne freiwillige Abfindungsprogramme anbieten
Die Unternehmen reagieren mit den Abfindungsprogrammen auf zahlreiche Probleme, die sich derzeit überlagern: schwache Geschäfte in wichtigen Märkten, steigender Wettbewerbsdruck, hohe Kosten und der technologische Umbau.
So unterschiedlich die Gründe, der wirtschaftliche Grundgedanke hinter den Abfindungsprogrammen ist derselbe: Konzerne akzeptieren hohe Einmalkosten, um ihre Kostenstruktur dauerhaft zu verändern.
Während BMW seinen Mitarbeitern hohe Abfindungen anbietet, setzt Audi auf einen anderen, ungewöhnlichen Weg: Fachkräfte sollen an boomende Rüstungsunternehmen ausgeliehen werden.
30.10.2026 | 1:32 minWann sich hohe Abfindungen für Unternehmen rechnen
Die betriebswirtschaftliche Rechnung ist vergleichsweise einfach. Ein Beschäftigter kostet den Arbeitgeber weit mehr als sein Bruttogehalt. Hinzu kommen die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung, betriebliche Leistungen, Altersversorgung und weitere Kosten. Da können sich auch hohe Abfindungssummen für Unternehmen lohnen, meint Volker Görzel, Fachanwalt für Arbeitsrecht.
Entscheidend ist das Verhältnis zwischen der einmaligen Abfindungszahlung und den dauerhaft eingesparten Personalkosten.
Volker Görzel, Fachanwalt für Arbeitsrecht
Kostet ein Arbeitsplatz insgesamt 120.000 Euro jährlich und beträgt die Abfindung 180.000 Euro, ist die Einmalzahlung nach anderthalb Jahren rechnerisch ausgeglichen. Bleibt die Stelle anschließend weitere dreieinhalb Jahre unbesetzt, summieren sich die Einsparungen auf 600.000 Euro. Abzüglich der Abfindung bleiben 420.000 Euro, vor zusätzlichen Kosten und möglichen Folgewirkungen.
Arbeitsrechtler Thomas Gennert erklärt, dass zusätzlich der Zeitfaktor eine Rolle spiele.
Ein freiwilliges Ausscheiden kann Stellen schneller abbauen, als dies über Einzelkündigungen und Gerichtsverfahren möglich wäre.
Dr. Thomas Gennert, Fachanwalt für Arbeitsrecht
Der Einstieg in die Arbeitswelt wird für Berufseinsteiger immer schwieriger. Laut einer Online-Jobbörse haben sich die Stellenangebote für Einstiegsjobs seit 2022 um zwei Drittel verringert.
23.09.2026 | 0:32 minDas schaffe Planungssicherheit für die Restrukturierung und könne verhindern, dass Unternehmen über Monate Personal- und Prozesskosten tragen, obwohl Arbeitsplätze dauerhaft wegfallen sollen, so Gennert weiter.
Warum Personalabbau in Deutschland schwierig ist
Insbesondere der in Deutschland vergleichsweise ausgeprägte Kündigungsschutz und die betriebliche Mitbestimmung stellten hohe Hürden dar, erklärt Gennert: "Arbeitgeber müssen unter anderem den dauerhaften Wegfall des Beschäftigungsbedarfs darlegen, die Kündigungsfrist einhalten, den Betriebsrat ordnungsgemäß beteiligen und - soweit vergleichbare Arbeitnehmer betroffen sind - eine Sozialauswahl durchführen."
BMW will bis Ende 2027 rund 8.000 Jobs streichen, vor allem in der Verwaltung, nicht aber in der Produktion. Dafür sollen etwa 40.000 Beschäftigte Abfindungsangebote bekommen.
29.07.2026 | 0:18 minDamit nicht genug: Bei größeren Umstrukturierungen kämen Verhandlungen mit dem Betriebsrat über Interessenausgleich und Sozialplan hinzu, ergänzt Volker Görzel. Das alles könne man mit freiwilligen Abfindungsprogrammen umgehen.
Allerdings setzen solche Programme nicht die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats außer Kraft. Beispielsweise müsse der Betriebsrat bei größeren Personalumbauten einbezogen werden, so Görzel. Außerdem gebe es bei Abfindungsprogrammen auch immer ein Risiko für das Unternehmen.
Nicht immer verlassen diejenigen Arbeitnehmer das Unternehmen, von denen es sich trennen möchte.
Volker Görzel, Fachanwalt für Arbeitsrecht
Gerade besonders junge, mobile und qualifizierte Beschäftigte könnten attraktive Abfindungen nutzen, um sich beruflich neu zu orientieren, so Görzel weiter.
Immer mehr junge Menschen in Deutschland haben weder einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Laut Statistischem Bundesamt war 2025 bei den 20- bis 24-Jährigen jede zehnte Person betroffen.
17.08.2026 | 0:21 minBeschäftigte sollten Abfindungsangebot gut durchrechnen
Auch Beschäftigte sollten gut überlegen, bevor sie eine Abfindung annehmen. Wer nach Jahrzehnten im Konzern ausscheidet, muss prüfen, wie schnell sich eine neue Stelle finden lässt, wie hoch das künftige Gehalt ausfällt und welche steuerlichen und sozialrechtlichen Folgen entstehen. Die Bruttosumme auf dem Papier sagt wenig über die finanzielle Sicherheit der kommenden Jahre aus.
Frank Bethmann ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
Wiedereinstieg nach Kündigung
:Wie Transfergesellschaften nach Jobverlust helfen könnenJob weg - und dann? Zwischen Kündigung und Neustart sollen Transfergesellschaften Beschäftigte auffangen. Warum sie jetzt an Bedeutung gewinnen und was sie wirklich leisten können.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.