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Tuesday, September 29, 2026

Reliquien als Mittel im Krieg – Warum schickt Putin Knochen eines Heiligen an die Ukraine-Front?

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In kleinen goldenen Sarkophagen werden Reliquien des heiligen Dmitri Donskoi zu den russischen Soldaten in die Ostukraine gebracht. Der Historiker Carsten Goehrke ordnet die enge Verknüpfung zwischen Staat und Kirche ein, die den Herrscher als Platzhalter Gottes auf Erden sieht.

Carsten Goehrke

Osteuropa-Historiker

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Carsten Goehrke ist emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich. Er war der erste Ordinarius für Osteuropäische Geschichte in der Schweiz. Goehrke ist einer der profiliertesten Russland-Historiker und Autor mehrerer Bücher.

SRF: Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat die Entsendung der Reliquien pompös inszeniert. Wie weit unterstützt sie den Krieg gegen die Ukraine?

Carsten Goehrke: Patriarch Kyrill hat den Krieg gegen die Ukraine von Anfang an gesegnet. Er hat ihn als «heiligen Krieg» dargestellt, als Krieg gegen die Mächte des Bösen. Als Kampf um das wahre Christentum. Die Mächte des Bösen – das ist natürlich die Ukraine, aber auch der Westen. Dieser ist für die russische Kirche, und auch in der Darstellung Putins, verkommen und moralisch dekadent, während Russland die wahre Menschlichkeit und das wahre Christentum verkörpert.

Präsident Putin gibt sich gerne fromm, er hat offenbar am offenen Sarkophag Donskois gebetet. Warum schickt er die Knochen eines Heiligen an die Front?

Das frage ich mich auch. Der heilige Dmitri Donskoi dürfte in der russischen Bevölkerung völlig unbekannt sein. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Übersendung seiner Reliquien an die Front die Moral der russischen Soldaten sonderlich hebt, da die meisten von ihnen wahrscheinlich noch nie etwas von diesem Heiligen gehört haben. Aber es ist für Putin ein Ritual. So wie er an Ostern seine Osterkerze anzündet. Es ist ein Ritual, das nationale Identität stiften soll, das aber mit dem Glauben nichts zu tun hat.

Der Herrscher ist Platzhalter Gottes auf Erden. Er ist sakrosankt, unantastbar.

Und was sagt dieses Ritual über das politische Weltbild Putins?

Er steht da ganz in der Tradition des Verhältnisses von Staat und Kirche in Russland, das auf byzantinischem Vorbild beruht. Russland ist ja nicht von Rom, sondern von Konstantinopel, von Byzanz her christianisiert worden. Und damit wurde auch die spezielle Staatsvorstellung der Kirche nach Russland exportiert. Und zwar wird die so gesehen, dass der Herrscher Platzhalter Gottes auf Erden ist. Er ist sakrosankt, unantastbar. Widerstand gegen ihn ist ausgeschlossen.

Wer war Dmitri Donskoi?

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Zwei Männer in Anzügen stehen vor einer Wand mit religiösen Gemälden.
Legende: Wladimir Putin vor den Reliquien des heiligen Dmitri Donskoi im Kreml in Moskau im August 2026. Vyacheslav Prokofiev, Sputnik, Kremlin Pool Photo via AP

Dmitri Donskoi war ein russischer Grossfürst und lebte in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Damals stand Russland unter der Tributherrschaft der Tataren, die in der Mitte des 13. Jahrhunderts als Reiter-Nomaden aus Asien das Land erobert hatten.

Donskoi versuchte, diese Herrschaft zu brechen. «Er hat es als erster russischer Grossfürst gewagt, die Tataren militärisch herauszufordern», ordnet der Historiker Carsten Goehrke ein. Er hat sie 1380 sogar erstmals besiegt, doch er konnte die Herrschaft nicht beenden.

Der Sieg Donskois sei letzten Endes ohne Bedeutung gewesen, sagt Goehrke, Russland sei noch 100 Jahre lang unter der Tributherrschaft der Tataren geblieben. Dennoch sieht ihn die russische Geschichtsschreibung als Helden.

«Die russischen Chroniken, die ja von Mönchen geschrieben wurden, stellten ihn als erfolgreichen Verteidiger des Christentums gegen die muslimischen Ungläubigen dar», so der Historiker. 1988 wurde Donskoi von der russischen Kirche heiliggesprochen.

Im Westen ist das Widerstandsrecht gegen Gewaltherrschaft religiös legitimiert. In Russland ist das völlig ausgeschlossen. Da sind Staat und Kirche, Herrscher und Patriarch eine Einheit. Zwischen beide passt kein Blatt Papier, könnte man sagen. Die Kirche vertritt vollkommen und ohne jeden Abstrich die staatliche Politik. Und die Stellung der Kirche gegenüber der Invasion der Ukraine bestätigt das ja nur.

Welche Rolle spielt denn die Kirche für Russinnen und Russen heute im Alltag?

Für die Masse der russischen Bevölkerung ist die Kirche ein nationales Symbol. Das hat mit dem Glauben nichts zu tun. Und dieses Symbol hält man natürlich hoch. Aber im praktischen Leben spielt die Kirche für die allermeisten Russinnen und Russen keine Rolle. Für die junge Generation schon gar nicht. Die Kirche ist, überspitzt gesagt, eine Kulturabteilung der staatlichen Verwaltung, eine zeremonielle Hülle eines autoritären Machtstaates.

Wie kommt dann diese Aktion rund um Dmitri Donskoi beim russischen Publikum an?

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