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Friday, October 23, 2026

Neuwahlen in Serbien: Sie lehren Vučić das Fürchten

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In Serbien möchte Aleksandar Vučić Ministerpräsident werden. Doch eine Studentenbewegung könnte ihm gefährlich werden – obwohl sie ohne Studierende antritt.

A us Westen, Norden und Osten strömen am Mittwochabend endlose Kolonnen von Studierenden nach Belgrad. Zu Fuß haben sie zuvor Hunderte Kilometer zurückgelegt. Es ist der Endspurt im Wahlkampf der Studentenliste, die bei der vorgezogenen Parlamentswahl am Sonntag gegen das Lager des langjährigen Präsidenten Aleksandar Vučić antritt.

Die jungen Menschen erreichen die Stadt mit voller Energie und in der Hoffnung auf politischen Wandel. Tausende Belgrader begrüßen sie. Feuerwerk steigt in den Nachthimmel, Trommeln und Bläser sorgen für Musik. Die Menge tanzt und singt Lieder, in denen die Niederlage von Vučić beschworen wird. „Sieg, Sieg!“, hallt es durch die Straßen.

Die Stimmung ist ausgelassen. Doch die Ungewissheit bleibt: Was geschieht in der Wahlnacht? Wird das Regime Gewalt provozieren?

„Wir haben uns in den vergangenen zwei Jahren an alle möglichen Provokationen gewöhnt“, sagt Tara. Sie macht ihren Master an der Fakultät für Politikwissenschaften an der Universität Belgrad. Seit Beginn der Massenproteste ist sie in der Studentenbewegung aktiv. „Wir wissen, woher die Gefahren kommen und wie wir gewaltsamen Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen können.“

Wie die anderen jungen Menschen, die man darauf anspricht, ist auch sie vom Sieg der Studentenliste überzeugt. Doch was, wenn Vučić den Sieg für sich beansprucht? Tara lächelt nur.

Auch Serbiens starker Mann tourt unermüdlich durchs Land. Die Kameras der gleichgeschalteten Fernsehsender sind stets dabei. Seit Jahresbeginn trat er fast 600-mal im TV auf. Seine zentrale Botschaft: Die Studenten seien getarnte Terroristen, die Serbien zerstören wollten. Das Land werde man ihnen keinesfalls überlassen; ihr einziges Ziel sei es, den Staat zu ruinieren. „Wir werden sie besiegen“, brüllt er jeden Tag auf Kundgebungen.

Das Parlament hätte regulär erst Ende 2027 neu gewählt werden sollen. Doch nach fast zwei Jahren studentischer Massenproteste setzte Vučić vorgezogene Neuwahlen für den 25. Oktober an. Offiziell sollen sie die politische Krise beenden und klären, welchen Kurs das Land nehmen soll. Kritiker vermuten jedoch, Vučić wolle damit die Initiative zurückgewinnen und seine Macht nach den monatelangen Protesten neu festigen.

Vučić verfolgt noch ein weiteres Ziel: Er will vom Präsidentenamt an die Spitze der Regierung wechseln. Seine zweite Amtszeit hätte im Frühjahr geendet, eine dritte Amtszeit als Präsident ist verfassungsrechtlich ausgeschlossen. Ende September trat er bereits zurück. Seine Serbische Fortschrittspartei (SNS) hat ihn inzwischen als Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten nominiert.

Während Vučić seine Macht nach den monatelangen Protesten festigen will, knüpft die Studentenbewegung an ihre bisherigen Erfolge an. Die Fußmärsche zum Abschluss der Wahlkampagne sollen bei den Wählern Erinnerungen an das Vorjahr wecken. Damals zogen Studentenkolonnen durch das Land und stießen vielerorts auf große Resonanz. Gerade in ländlichen Regionen, in denen Vučićs Partei traditionell stark ist, wurden sie von den Menschen mit Begeisterung empfangen. Viele fühlten sich von den lokalen Funktionären der regierenden Serbischen Fortschrittspartei unter Druck gesetzt. Nach Jahren der Einschüchterung bot sich ihnen ein ungewohntes Bild: junge Menschen, die offen auftraten, lachten und sich dem politischen Druck widersetzten.

Die Menschen versorgten die Studenten auf ihren Märschen mit Braten und Kuchen, boten ihnen eine Unterkunft. Es waren bewegende Szenen. In Serbien sprach man von einer Jugend, die wie aus dem Nichts auftauchte und Hoffnung brachte.

Als die Studenten am Mittwochabend in Belgrad eintrafen, kehrte die Hoffnung von damals zurück. Für den folgenden Tag war die letzte große Kundgebung vor den Wahlen geplant. Sie fand auf dem zentralen Slavija-Platz statt. Dort waren am 15. März 2025 Hunderttausende dem Aufruf der Studenten gefolgt und gegen die Regierung auf die Straße gegangen. Es war eine der größten Demonstrationen in der Geschichte Serbiens.

Ein Gegner aus dem Albtraum eines Autokraten

Serbiens Präsident Aleksandar Vučić, der das Land seit Jahren mit harter Hand regiert, hatte es mit der chronisch zerstrittenen bürgerlichen Opposition bisher leicht. Er schien unangreifbar.

Seit mehr als einem Jahrzehnt hält er das Land in einem permanenten Wahlkampf und versetzt es immer wieder in einen politischen Ausnahmezustand. Das verschafft ihm einen dauerhaften Vorteil: Seit 2012 haben die Serben sechsmal ein neues Parlament und dreimal einen Präsidenten gewählt. Hinzu kommen zahlreiche Kommunalwahlen.

Dann stürzte am 1. November 2024 das Vordach des Bahnhofs in Novi Sad ein, 16 Menschen starben. Die Studenten stellten eine einfache Frage: Wer trägt die Verantwortung? Als sie keine befriedigenden Antworten erhielten, beschlossen sie, selbst Druck zu machen.

Mit einem Gegner wie der Studentenbewegung hat es Vučić bislang nicht zu tun gehabt. Sie hat keine öffentlich sichtbaren Anführer, die er gezielt unter Druck setzen oder auf seine Seite ziehen könnte. Die Bewegung vereint nach eigenen Angaben mehr als 200.000 junge Aktivisten. Sie organisieren sich dezentral, lassen sich bislang nicht einschüchtern und tragen ihren politischen Kampf mit einer Energie aus, die bisweilen an ein Fest erinnert.

Als sich die Studentenbewegung schließlich zur Wahl anmeldete, zeigte sich, dass ihre Aktivitäten der vergangenen fast zwei Jahre längst den Charakter einer Wahlkampagne angenommen hatten. Nun musste sie diese nur noch in eine formelle Wahlkampagne überführen.

Von Dorf zu Dorf, von Tür zu Tür

Finanziell ist die Studentenliste dem von Vučić geführten Wahlbündnis Vereintes Serbien weit unterlegen. Das gleicht sie mit einem intensiven Fußwahlkampf aus. Ihr Hauptziel: Nichtwähler überzeugen, am 25. Oktober zur Wahl zu gehen.

Maja und Andrej, beide Studierende in Belgrad, gehen durch ein mehrstöckiges Gebäude im Block 22 im Stadtbezirk Novi Beograd. Sie drücken der Reihe nach die Knöpfe an der Gegensprechanlage, bis jemand öffnet. Nach Monaten im Wahlkampf wissen sie genau, was sie tun.

Ein Ehepaar in Bademänteln öffnet die Tür, es ist Sonntagmorgen. Der Mann will eigentlich hören, was die Studenten zu sagen haben, doch sie stellen die Fragen: „Was ist für Sie das größte lokale Problem?“ Und dann: „Was sehen Sie als das größte Problem im Land?“ Das Paar antwortet unisono: „Die Korruption!“

Andrej erklärt später, das sei die mit Abstand die häufigste Antwort. Schon an der nächsten Tür, im Stockwerk darunter, sagt eine Frau dasselbe. In der nächsten Wohnung: ebenso. Der Slogan der Studentenliste lautet nicht zufällig: „Entweder Serbien oder die Mafia.“

Allein in Belgrader Wohnblöcken suchen zahlreiche Studententeams Tausende Haushalte auf. Rund 150 Studenten schaffen es, wöchentlich mehr als 7.000 Wohnungen zu besuchen. Diese Zahl steigt, je näher die Wahlen rücken.

Noch etwas könnte den Wahlausgang entscheiden: Keine serbische Oppositionspartei stellte je so viele ausgebildete Wahlbeobachter wie die Studentenliste. Sie decken fast alle 8.392 Wahllokale im Land ab. In Serbien sind über 6,4 Millionen Menschen wahlberechtigt.

Diese vorgezogenen Parlamentswahlen, die in einer angespannten, gespaltenen Gesellschaft stattfinden, beobachten internationale Stellen wie die parlamentarische Versammlung der OSZE und die heimische Beobachtermission CRTA. Auch Gruppen aus Russland, den USA und Aserbaidschan sind vertreten.

Der Name „Studentenliste – Studenten siegen“ täuscht, denn unter den Kandidaten für die 250 Parlamentssitze findet sich kein einziger Student. Es sind Menschen mit erfolgreicher beruflicher Laufbahn, die meisten der Öffentlichkeit unbekannt. Kein Berufspolitiker ist darunter. Ein weiteres Kriterium: Sie haben sich durch zivilgesellschaftliches Engagement in ihrem Wohnort einen Namen gemacht. Die Liste entstand in einem langen, komplizierten Verfahren, bei dem studentische Vertretungen ein Vetorecht hatte.

Einer der Ausgewählten ist Slobodan Bubnjević, Physiker, Schriftsteller und Wissenschaftsjournalist. „Es ist natürlich eine große Ehre, Teil einer solchen historischen Liste zu sein, aber wie die meisten Kandidaten erfüllt mich die Politik mit Abscheu und ich möchte die Aufgabe, für die mich die Studierenden vorgeschlagen haben, so schnell wie möglich hinter mich bringen und zu dem Buch, an dem ich arbeite, sowie zu meinem normalen Leben zurückkehren“, sagt er.

Inzwischen fühlt er sich den jungen Menschen verpflichtet, die ihm vertrauen: „Unser Land ist von einem illegalen Regime besetzt, dem sich ein freier Bürger einfach widersetzen muss. Und ich bin dabei, eben weil die Aufgabe so schwierig ist“, sagt er.

Was er nicht sagt: Die Studentenliste ist eine Organisation ohne sichtbare Anführer, in der Erwachsene den Studenten Rechenschaft ablegen müssen. Es ist ein neues, politisch waghalsiges Experiment.

Angst vor Gewaltausbruch

Viele politische Beobachter in Serbien gehen davon aus, dass es in der Wahlnacht zu Gewaltausbrüchen kommen könnte. „Wenn das nur gut geht“, hört man dieser Tage besorgte Menschen sagen, wo immer man hingeht.

Vertreter des Regimes bezeichnen die Studentenliste als aus dem feindlichen Ausland finanzierte Terrororganisation, die Vučićs Sieg nicht akzeptieren wolle. Sie nennen sie „Verräter“, „Vergewaltiger“, „Antiserben“.

Auf der anderen Seite glaubt man, Vučić werde unter keinen Umständen eine Niederlage anerkennen. Seit er an der Macht ist, manipuliert er Wahlen, schaltet Medien gleich, missbraucht öffentliche Ressourcen und staatliche Institutionen für Parteizwecke. Polizei und Sicherheitsdienste schützen nicht Recht und Ordnung, sondern das Regime.

Journalisten empfehlen sich, vor den Parlamentswahlen Schutzhelme und Gasmasken zu besorgen. Als ginge es am Sonntag an die Front.

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