Schicksalswahl in Israel: Wird Netanjahu heute abgewählt?

- In Israel sind rund 7,3 Millionen Menschen aufgerufen, die 120 Abgeordneten der Knesset zu wählen.
- Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kämpft um den Machterhalt, sein Hauptrivale ist Ex-Armeechef Gadi Eisenkot.
- Letzte Umfragen sehen weder Netanjahus Lager noch die Opposition bei der nötigen Mehrheit von 61 Sitzen.
Die Welt blickt am Dienstag nach Israel: Rund 7,3 Millionen Menschen sind aufgerufen, die 120 Abgeordneten des israelischen Parlaments, der Knesset, zu wählen. Die Wahl gilt als Richtungsentscheidung über Netanjahus politische Zukunft und den künftigen Kurs des Landes. Direkt gewählt wird der Ministerpräsident jedoch nicht – entscheidend ist, welches Lager nach der Wahl mindestens 61 der 120 Sitze hinter sich vereinen kann.
Auch bis zu 67’000 im Ausland lebende Israelis sollen laut Schätzungen für die Stimmabgabe anreisen. Landesweit stehen rund 12’000 Wahllokale offen, die meisten noch bis 21 Uhr Schweizer Zeit. 20 Minuten beantwortet die drängendsten Fragen zur Wahl.
Wird Netanjahu seine Regierungsmehrheit verteidigen können?
Die letzten Umfragen vor der Wahl sahen weder Netanjahus Lager noch die Opposition bei der für eine Regierung nötigen Mehrheit von 61 Sitzen. Entscheidend wird deshalb sein, ob Netanjahu seine bisherigen ultraorthodoxen und rechtsextremen Koalitionspartner hinter sich halten und zusätzliche Mandate gewinnen kann.
Der Konflikt um den Justizumbau und die Befreiung vieler Ultraorthodoxer vom Militärdienst gehören zu den zentralen Streitpunkten. Bei den Wahlen geht es daher nicht nur um Netanjahus politische Zukunft, sondern auch um die künftige demokratische Ordnung des Landes.
Wer könnte Netanjahu ersetzen?
Es zeichnet sich ein Rennen zwischen Benjamin Netanjahu und Gadi Eisenkot ab. Der frühere Armeechef Eisenkot wird mittlerweile auch als «Anti-Bibi» bezeichnet. Eisenkot sei der perfekte Kandidat für all jene Wähler, die Netanjahu als Ministerpräsidenten satthaben, sagte eine Politikwissenschaftlerin im Juli der «Times of Israel».
Eisenkots 2025 gegründete Zentrumspartei Jaschar, auf Deutsch «gerade» oder «aufrecht», verspricht den Schutz von Justiz und Rechtsstaat sowie Reformen der Wehrpflicht. In der Sicherheitspolitik vertritt sie einen harten Kurs gegen die Hamas, lehnt aber eine Annexion des Westjordanlands und weiteren Siedlungsausbau ab. Einen palästinensischen Staat strebt Eisenkot jedoch nicht an.
Jaschar hebt sich vor allem innenpolitisch von Netanjahus rechtskonservativer Partei Likud ab: Diese regiert mit ultraorthodoxen und rechtsextremen Partnern, während Eisenkot auf institutionelle Reformen und eine breitere politische Mitte setzt.
Wer sind die möglichen Königsmacher?
In einer Ende September veröffentlichten Analyse schrieb Peter Lintl, Israel-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, kleinere Parteien könnten bei der Regierungsbildung entscheidend werden. Dazu zählen die arabisch geführten Parteien Ra’am und Gemeinsame Liste: Ihre Unterstützung könnte einer Opposition um Eisenkot zur Mehrheit verhelfen, mehrere bürgerlich-rechte Oppositionsparteien schliessen eine solche Zusammenarbeit jedoch aus.
Entscheidend könnten zudem zwei neue Parteien am rechten Rand des politischen Spektrums sein. Amcha kritisiert zwar Netanjahus Regierung, rechnet sich aber seinem Lager zu. Die Reservisten- und Wirtschaftspartei von Yoaz Hendel und Yaron Zelekha will dagegen keinem Block angehören. Beide bewegen sich laut Umfragen nahe an der 3,25-Prozent-Hürde für den Einzug ins Parlament.
Wie prägt der 7. Oktober die Wahl?
Es ist die erste Parlamentswahl seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023; die Wahl wird entsprechend stark von Sicherheitsfragen und dem Umgang mit den Konflikten im Gazastreifen und im Libanon geprägt. Im Zentrum stehen die Verantwortung für die Fehler vor dem Angriff, die Kriegsführung und die Forderung nach einer unabhängigen staatlichen Untersuchung. Netanjahu lehnt eine solche bislang ab, während etwa Eisenkot sie fordert.
Was passiert bei einem Patt?
Nach der Veröffentlichung des amtlichen Ergebnisses konsultiert Präsident Isaac Herzog die Parteien und beauftragt anschliessend jenes Knessetmitglied mit der Regierungsbildung, das am ehesten eine Mehrheit hinter sich vereinen kann. Dieses hat zunächst 28 Tage Zeit für die Regierungsbildung, der Präsident kann die Frist um höchstens 14 Tage verlängern. Findet die Knesset auch bei einem zweiten Versuch keine Mehrheit, kommt es zu Neuwahlen.
Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
