Agrarmarkt Ukraine – Warum die Ukraine Probleme hat, Getreide zu exportieren

Darum geht’s: In den vergangenen Wochen hat die Ukraine über 100 russische Angriffe auf Frachtschiffe und Häfen wie Odessa gezählt. Der Export von Agrargütern ist faktisch zum Erliegen gekommen. Das ist ein grosses Problem, denn über 90 Prozent des Getreides und der Ölsaaten aus der Ukraine gelangen über die Häfen am Schwarzen Meer auf die Weltmärkte. Eine ähnliche Blockade gab es schon zu Kriegsbeginn. Nach vier Jahren Krieg fällt es der Wirtschaft nun deutlich schwerer, diese Exportprobleme abzufedern. Der Agrarmarkt ist für rund 50 Prozent der Exporteinkünfte des Landes verantwortlich.
Das Problem: Dieses Jahr dürften laut Schätzungen rund 80 Millionen Tonnen Agrarprodukte produziert werden. Über 60 Millionen davon sind für den Export bestimmt. Weil der Export harzt, bleibt das jetzt geerntete Getreide in den Silos. Für die Bäuerinnen und Bauern ist das blockiertes Kapital. Allenfalls können sie sich deshalb kein Saatgut für den Herbst und den nächsten Frühling leisten. Kommt dazu, dass wegen der Trockenheit Produkte wie Mais und Sonnenblumenkerne früher als sonst geerntet werden müssen. Für sie wird allerdings der Platz in den Silos knapp. Und: Dem Staat fehlen Einkünfte – für normale Ausgaben, aber auch für Rüstungsgüter.
Riesige Bedeutung von Getreide
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Getreide wie Weizen oder Mais und Ölsaaten wie Sojabohnen oder Sonnenblumenkerne sind für die Ukraine nicht nur Landwirtschaftsprodukte. Sie sind überall präsent. So sind auch die Farben der ukrainischen Flagge ein Symbol für ein Weizenfeld unter dem freien Himmel. Generell gilt die Ukraine als «Kornkammer der Welt».
Unvergessen im Land ist die in den 1930er-Jahren von den Sowjets mutwillig verursachte Hungersnot. Man nahm den Bauernfamilien sämtliches Getreide weg, Millionen starben, obwohl sie auf ihren Feldern genug Lebensmittel hätten produzieren können.
Die Alternativen: Grundsätzlich kann das Getreide auch auf Flüssen oder per Zug und Lastwagen transportiert werden. Durch die Trockenheit sind Flüsse wie die Donau aber nur beschränkt oder kaum befahrbar. Der Export auf dem Landweg Richtung EU-Nachbarn ist deutlich teurer. Weil nicht nur in der Ukraine, sondern auch in den EU-Nachbarländern derzeit die Ernte eingefahren wird, sind die Infrastrukturen komplett ausgelastet. Dazu kommen technische Hindernisse: So fahren Züge in der Ukraine mit einer anderen Spurweite als in der EU. Wenn Getreide umgeladen werden muss, bedeutet das zusätzliche Kosten.
Die Angst im Westen: Vielen Menschen in der EU-Nachbarschaft sind die Getreideexporte und deren Unterstützung durch die Staatengemeinschaft ein Dorn im Auge. Bauernfamilien befürchten, benachteiligt zu werden. Sie produzieren nach deutlich strengeren EU‑Auflagen. Wenn ukrainische Getreide und Ölsaaten in der Nachbarschaft auf den Markt kommen, befürchten sie, ihre Produkte unter Wert verkaufen zu müssen.
Proteste gegen ukrainisches Getreide
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2023 wehrten sich Bauern aus der EU-Nachbarschaft lautstark gegen die Getreideexporte aus der Ukraine. Ihre – teilweise gezielt durch populistische Kreise geschürten – Befürchtung: Die Ukraine flutet den EU-Markt mit billigem Getreide. Die Proteste sorgten für grosse Verstimmung und Verunsicherung zwischen den Ländern. Nach wie vor sind die Beziehungen zwischen der Ukraine und den Nachbarn Polen, Rumänien, Ungarn oder der Slowakei angespannt.
Die Lösungsansätze: Unlängst trafen sich virtuell ukrainische Produzentinnen und Produzenten mit polnischen Logistik-Fachleuten, um nach Lösungen zu suchen, die für beide Seiten gut sind. Dabei geht es um den Abbau bürokratischer Hürden oder effizientere Zollabfertigungen der Waren. Auch soll eine restaurierte Normalspur-Bahnlinie von Polen in die Ukraine möglichst schnell für den Transport freigegeben werden. Zentraler Punkt ist, das Vertrauen zwischen den Ländern wieder herzustellen, und klar zu definieren, dass die ukrainischen Exporte nicht die EU konkurrenzieren, sondern auf den Weltmarkt sollen. Gleichzeitig sollen Exportverträge mit gesicherten Abnahmemengen mehr ökonomische Sicherheit und Planbarkeit schaffen.
Die Zeit drängt: Für die Ukraine steht viel auf dem Spiel. Stockt der Export und fehlt das Geld für neues Saatgut, gefährdet das die Exporteinnahmen des Landes nicht nur in diesem, sondern auch im nächsten Jahr. Für ein Land im Krieg mit hohen Verteidigungskosten kann das fatal sein. Im Gegenzug können die EU-Nachbarstaaten von lukrativen Transportaufträgen profitieren.
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