Politischer Neuanfang? – Burnhams grösste Stärke könnte bald zu seinem Problem werden

In Liverpool ist sie deutlich greifbar: die Hoffnung auf einen politischen Neuanfang. Für Andy Burnham ist es der erste Labour-Parteitag als Premierminister, und die Stimmung ist deutlich optimistischer als noch vor einem Jahr. «Vollgas vorwärts. Hier sind alle glücklich», sagt Parteitagsbesucher Stewart Thompson. Labour-Politikerin Carly Harper formuliert es ähnlich: «Es gibt viel Optimismus und wir merken, wofür wir das machen.» Ein Grund dafür ist Burnhams Kommunikation. Er vermittelt klare Visionen und spricht bewusst positiv über die Zukunft. Damit unterscheidet sich die Stimmung deutlich von jener unter seinem Vorgänger Keir Starmer.
Investitionen in Pflege und Strom
Genau darin liegt derzeit Burnhams Stärke. Er zeichnet ein positives Bild davon, wie sich Grossbritannien verändern soll, und konzentriert sich auf Themen, die den Alltag vieler Menschen direkt betreffen. «Vieles lief nicht gut in den letzten 40 Jahren. Ich bringe euch eine neue Wirtschaft und eine neue Politik», verspricht er. Dazu gehören mehr öffentliche Kontrolle bei grundlegenden Dienstleistungen, etwa bei Wasser und Transport, und neue staatliche Investitionen in die Stromversorgung. Sie sollen die Energiekosten im Land senken.
Seine Themen sind nah bei den Leuten
Ein zweiter Schwerpunkt ist die Pflege. Burnham will ein neues System schaffen, das für alle zugänglich und kostenlos ist. Das Thema ist für ihn auch persönlich: Sein kürzlich verstorbener, demenzkranker Vater war lange auf Pflege angewiesen. Burnham trifft damit offenbar einen Nerv. Seine Ideen kommen nicht nur innerhalb von Labour gut an, sondern finden auch darüber hinaus Zustimmung.
Die Honeymoon-Phase ist bald vorbei
Doch mit den grossen Versprechen steigen auch die Erwartungen. Und genau hier beginnt die schwierigere Phase für den neuen Premierminister. Viele seiner Vorhaben sind bisher vor allem Visionen. Wie sie konkret umgesetzt und vor allem finanziert werden sollen, ist noch offen. Burnham verweist auf einen Zehnjahresplan, den er in den kommenden Monaten vorlegen will.
Das Problem: Seine neuen Projekte werden viel kosten. Gleichzeitig gibt es innerhalb von Labour Themen, bei denen die Interessen auseinandergehen – etwa bei der Ausgestaltung der sozialen Wohlfahrt oder bei der Frage nach neuen Ölbohrungen in der Nordsee.
Hoffnung allein reicht nicht
Solange Burnham Hoffnung verspricht, kann er viele Gruppen hinter sich versammeln. Schwieriger wird es, sobald aus Visionen konkrete Entscheidungen werden. Dann muss er festlegen, welche Projekte Priorität erhalten, wo mehr Geld fliesst – und wo weniger. Genau dann wird sich zeigen, ob Burnhams grösste Stärke – möglichst viele mit einer positiven Vision zu vereinen – auch trägt, wenn nicht mehr alle Wünsche gleichzeitig erfüllt werden können.
Fiona Endres
UK-Korrespondentin
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Die Recherchejournalistin Fiona Endres hat ihr Bachelorstudium in Medien- und Kommunikationswissenschaften und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg absolviert und einen Master in Geschichte abgeschlossen. Sie wird in Kürze in London als Korrespondentin für Radio SRF arbeiten.
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