«Schönste Jagdfotos» mit toten Tieren: SRG-Sender noch neutral?

- Der rätoromanische SRG-Sender RTR steht in der Kritik, weil er während der Bündner Hochjagd ein Jagdpatent verlost und Erlegungsfotos prämiert.
- Die Aktion «La Perda» läuft zur Jagdzeit vom 3. bis 13. und vom 21. bis 30. September 2026 jeweils am Vormittag.
- Die IG Wild beim Wild hat deswegen Beschwerde bei der SRG-Ombudsstelle eingereicht und will den Fall an die UBI weiterziehen.
- RTR verteidigt die seit rund 20 Jahren bestehenden Formate als Ausdruck regionaler Nähe und journalistischer Auseinandersetzung mit der Bündner Jagd, welche im Kanton eine hohe Bedeutung hat.
Bündner Jägerinnen und Jäger können an jedem Jagdtag im Herbst im Radiostudio von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) anrufen und getötete Tiere melden. Unter allen Anrufenden verlost RTR bei der Aktion «La Perda», auf Deutsch «die Beute», ein Jagdpatent für das kommende Jahr.
Das gebührenfinanzierte Medium, das zur Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG gehört, betreibt während der Bündner Hochjagd neben einer täglichen Beute-Hotline ebenfalls einen Fotowettbewerb mit toten Wildtieren. Die Bilder werden auch auf Social Media verbreitet. Ende Saison wird unter der Rubrik «Preda, atmosfera, cumpagnia» – auf Deutsch «Beute, Stimmung, Kameradschaft» – das «schönste» Erlegerbild prämiert, kritisiert die IG Wild beim Wild.
Dem letztjährigen Gewinner, einem Hobbyjäger aus La Punt Chamues-ch, wurde das Jagdpatent von RTR-Moderatorin Natalia Weber und Simon Morscher von der Bündner Kantonalbank überreicht.
IG reicht Beschwerde ein
«Dass eine gebührenfinanzierte Anstalt mit gesetzlichem Informationsauftrag die Hobby-Jagd behandelt wie ein Volksfest, Tötungen als Spielstand meldet und ein Jagdpatent verlost, als wäre es ein Skipass, ist ein Skandal», kritisiert die IG Wild beim Wild.
Wie die Organisation mitteilt, hat sie am Montag bei der SRG-Ombudsstelle Beanstandung eingereicht. Zudem will sie damit auch an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) gelangen. «Ein Sender, der Abschüsse als Publikumsspiel inszeniert und eine Jagdberechtigung verlost, ist kein neutraler Beobachter mehr.»
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RTR: «Wollen Dialog mit Publikum fördern»
RTR weist auf Anfrage von 20 Minuten darauf hin, dass «La Preda» und der Fotowettbewerb seit rund 20 Jahren Bestandteil der Jagdberichterstattung seien. «Das redaktionelle Ziel besteht darin, ein für Graubünden relevantes Thema aktuell und publikumsnah zu begleiten.» Es gehe nicht darum, die Jagd zu propagieren, sondern um die journalistische Auseinandersetzung mit einem Teil der regionalen Lebenswelt.
Der Wettbewerb diene dazu, die Hochjagd aus unterschiedlichen Perspektiven sichtbar zu machen und die Verbundenheit mit der Region abzubilden und darüber zu diskutieren, so RTR. «Dies entspricht dem Auftrag, die Schweiz beziehungsweise die Region in ihrer gesellschaftlichen Vielfalt darzustellen und den Dialog mit dem Publikum zu fördern.»
Keine Aufforderung, Tiere zu erlegen
«Die Bündner Jagd ist eine gesetzlich geregelte Tätigkeit mit erheblicher gesellschaftlicher, kultureller, ökologischer und politischer Bedeutung.» Deshalb verstossen die täglichen Meldungen laut RTR nicht gegen den Programmauftrag – im Gegenteil: «Dass RTR dieses Geschehen regelmässig dokumentiert, ist Teil der regionalen Berichterstattung des Service public.»
Die Meldungen dienten ausschliesslich als Anlass für Informationen und den Austausch mit dem Publikum. Sie seien weder eine Aufforderung, ein Tier zu erlegen, noch eine redaktionelle Empfehlung für die Jagd. Die Vergabe eines Jagdpatents sei historisch mit dem Format «La Preda» verbunden. Es werde vom Sponsor, der Graubündner Kantonalbank, finanziert.
Berichterstattung in all seinen Facetten
Auf die Frage, weshalb RTR das «schönste» Bild eines getöteten Tiers sucht, betont die Medienstelle, dass sich die Bezeichnung auf das fotografische Werk und nicht auf das erlegte Tier oder gar auf dessen Tötung bezieht: «Ein solches Bild zeigt nicht nur ein getötetes Tier, und der Wettbewerb darf auch nicht auf diesen einen Aspekt reduziert werden.»
Das Foto stehe im Kontext einer gesetzlich geregelten Jagdpraxis und erzähle zugleich von «Naturraum, Verantwortung, Tradition und der konkreten Lebenswirklichkeit eines Teils der Bevölkerung» in Graubünden. Unter den eingereichten Bildern befänden sich daher auch Stimmungsbilder, Naturlandschaften oder Sonnenaufgänge.
«Machen keine Werbung für die Jagd»
RTR weist darauf hin, dass kritische, ethische, ökologische und wissenschaftliche Aspekte der Jagd ebenfalls zur journalistischen Auseinandersetzung mit dem Thema dazugehören. «Erst kürzlich hat RTR im Rahmen seiner Hintergrundsendung ‹Vita & cretta› die Frage aufgegriffen, ob eine ethische Jagd überhaupt möglich ist», schreibt der Sender.
Weiter betont RTR, dass man keine Werbung für die Jagd mache. «RTR ordnet die Jagd journalistisch ein, ohne Gewalt zu verharmlosen oder zu verherrlichen.» Man sei sich bewusst, dass die Jagd ein Thema ist, das unterschiedliche und teilweise sehr emotionale Reaktionen hervorrufe und kontrovers diskutiert werde. «Gerade deshalb ist es uns wichtig, zwischen der journalistischen Berichterstattung über ein regional relevantes Thema und einer Befürwortung dieses Themas zu unterscheiden.»
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Vanessa Figi (vfi), Jahrgang 2004, arbeitet seit Juli 2026 als Praktikantin beim Ressort Ostschweiz.
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