50 Jahre nach seinem Tod – Chinas Jugend liest wieder Mao

Anstehen wie in einem Vergnügungspark: Vor dem stattlichen Bauernhaus, in dem Mao Zedong aufgewachsen ist, windet sich eine lange Schlange von Touristinnen und Touristen. Das Gebäude aus hellbraunen Lehmziegeln wird streng bewacht.
Im Innern ermahnt ein Polizist mit erhobenem Zeigefinger jeden, der seine Kamera zückt. Draussen sind Erinnerungsfotos erlaubt. Ohne ein solches reist kaum jemand wieder ab.
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Bild 1 von 4. Eine lange Schlange vor Maos Geburtshaus. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 2 von 4. Fotos zu machen ist nur draussen erlaubt. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 3 von 4. Drinnen sorgt ein Polizist dafür, dass die Besuchenden die Regel nicht missachten. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 4 von 4. Vor dem Haus werden Familienfotos geschossen. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Acht Millionen Menschen besuchen Maos Geburtsort Shaoshan im Jahr, ein Städtchen mit hunderttausend Einwohnerinnen und Einwohnern in der zentralchinesischen Provinz Hunan. Auffällig ist: Seit einigen Jahren pilgern immer mehr junge Menschen nach Shaoshan – so auch eine Gruppe Angestellter eines grossen Pharmakonzerns aus Shanghai. Ihr Arbeitgeber hatte als Teambuilding-Event eine Reise zu Maos Geburtsstadt organisiert.
Eine von ihnen ist die Ärztin Lydia Li. Sie glaubt, dass sich die Jahrgänge nach 1990 von Maos Charisma und seinem persönlichen Charme anstecken lassen. «Seine Ideen geben uns Kraft», sagt Li. «Mao selbst hatte mit vielen Rückschlägen zu kämpfen und auch wir junge Menschen müssen in der heutigen Wirtschaft überleben.» Maos Denken sei ihr eine Inspiration.
Seine Parolen sind für Menschen wie Lydia Li ein Ansporn zum Durchhalten im gnadenlosen Überlebenskampf der modernen, kapitalistischen Metropolen. Der Wirtschaftsmotor im Land stottert. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Die Grosskonzerne verlangen Arbeitszeiten von 9 bis 21 Uhr, sechs Tage die Woche. Das sind wohl Gründe, warum an den grossen Universitätsbibliotheken Maos Werke aktuell zu den am häufigsten ausgeliehenen Büchern gehören.
Run auf Maos Bücher
Vor Ort in Shaoshan finden Besucherinnen und Besucher nur das erste Kapitel in Maos Laufbahn; die späteren, dunklen Kapitel seines Lebens fehlen. Mao Zedong prägte China im 20. Jahrhundert wie kein anderer. 1949 einte er das Land nach Jahren des blutigen Bürgerkriegs unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei.
Er führte es bis zu seinem Tod mit 82 Jahren am 9. September 1976 – mal auf der öffentlichen Bühne, mal hinter den Kulissen. Die Fäden der Macht liefen jedoch bis zum Schluss bei ihm zusammen. Seine politischen Gegner liess er systematisch ausschalten und teils gewaltsam umbringen.
Mit dem sogenannten «Grossen Sprung nach vorn» plante Mao ab 1958, China in Rekordzeit zu industrialisieren. Er löste damit verheerende Hungersnöte aus. Später versuchte er in der sogenannten Kulturrevolution ab 1966, China auf seine ideologische Linie zu zwingen. Infolge dieser Kampagnen starben, je nach historischer Quelle, möglicherweise mehr als 50 Millionen Menschen.
«Mao ist für die Jugend eine Protestfigur»
50 Jahre nach Maos Tod ist die Welt eine andere. Der Kapitalismus hat selbst die ärmsten Haushalte Chinas erreicht, die Menschen müssen sich auf einem hart umkämpften Arbeitsmarkt behaupten. China baut modernste Elektroautos und ist zur grössten Exportnation der Welt aufgestiegen. Wo bleibt da noch Platz für Mao?
Der Chinawissenschaftler Jean Christopher Mittelstädt von der Universität Zürich glaubt, dass Mao Zedong heute vor allem als Projektionsfläche dient. Er unterscheidet drei symbolische Ebenen: «Mao ist für die Jugend eine Protestfigur», sagt er.
Ausserdem sei rund um Mao ein Markt aus Kitsch und Deko entstanden. Sein Konterfei lasse sich heute wie eine Ware vermarkten. «Roter Tourismus», wie der in Shaoshan, boomt. Und schliesslich sei Mao für die Parteielite bis heute unverzichtbar: «Wenn man Mao absägt, sägt man an der Legitimation der Kommunistischen Partei», sagt Mittelstädt.
Arbeitsplätze dank Hype
In Shaoshan führt Cathy Pang Besuchergruppen durch die frühen Stationen von Maos Leben. Seit 20 Jahren arbeitet sie hier als Tourguide. Pang spricht ins Funkgerät, hinterher trotten die Gäste.
Für Pang hat der Mao-Hype ganz konkrete ökonomische Vorteile gebracht. Shaoshan sei im ganzen Land als Reiseziel bekannt. «Dank ihm haben wir hier Arbeitsplätze und können so für unsere Kinder sorgen», sagt sie. Sie sei stolz, Maos Gedankengut an die künftigen Generationen weiterzugeben. «Es war von Anfang an mein Ziel, eine Botschafterin der roten Kultur zu werden», sagt sie.
Pang erinnert sich an Zeiten, in denen es den Leuten in China wirtschaftlich nicht gut ging. Heute sei vieles besser und China sei reicher geworden: «Wenn die Menschen nun in ihrer Freizeit etwas unternehmen wollen, denken sie an Shopping oder das Reisen, nicht wahr?», sagt Pang. Selbst Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas kommen zum Kadertraining nach Shaoshan.
Propagandalieder vor Bronze-Statue
Anfang September beginnt in China das neue Schulsemester. Für viele Schulklassen steht ein Besuch der überlebensgrossen bronzenen Mao-Statue auf dem Stundenplan. Bei leichtem Nieselregen versammeln sich an diesem Nachmittag zweitausend Schülerinnen und Schüler einer Mittelschule in Reih und Glied.
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Bild 1 von 5. 2000 Schülerinnen und Schüler besuchen eine Mao-Statue. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 2 von 5. Nur das Wetter spielt nicht mit. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 3 von 5. Bei leichtem Nieselregen schützen sich die jungen Menschen mit blauen Plastikmänteln. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 4 von 5. Gesungen wird ein bekanntes Propagandalied. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 5 von 5. Unmittelbar vor der Statue müssen die Kapuzen aber weg. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Auf Kommando streifen sie die Kapuzen ihrer Plastikregenmäntel ab und stimmen ein bekanntes Propagandalied an. «Ohne die Kommunistische Partei gäbe es kein Neues China», heisst es.
Ohne die Kommunistische Partei gäbe es kein Neues China // Die Kommunistische Partei ackert für die Nation // Die Kommunistische Partei denkt immer nur an die Rettung Chinas // Sie wies schon der Befreiung des Volkes den Weg.
Die Schulkinder legen zu Füssen Maos Blumen nieder. Von diesem Schulausflug dürfte vor allem sein Mythos als Gründervater Chinas hängen bleiben – Maos Gräueltaten werden ausgeblendet.
Eine Million Fundstücke aus Maos Leben
Nicht weit entfernt widmet sich der 72-jährige Fu Boyu in einem Museum dieser roten Kultur. Er verschrieb sein Leben Mao Zedong.
In einer privaten Ausstellung hat Fu nach eigenen Angaben mehr als eine Million Fundstücke aus Maos Leben zusammengetragen, die er stolz den Besucherinnen und Besuchern präsentiert. In den Neunzigern wurde er im Strassenbau reich und investierte sein Vermögen später in Mao-Reliquien.
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Bild 1 von 5. Fu Boyu hat sein Leben Mao Zedong gewidmet. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 2 von 5. In einer privaten Ausstellung hat Fu nach eigenen Angaben mehr als eine Million Fundstücke aus Maos Leben zusammengetragen. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 3 von 5. Das Museum ist der Kultur um Mao Zedong gewidmet. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 4 von 5. Nach einer Karriere im Strassenbau investierte er sein angehäuftes Vermögen … Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 5 von 5. … in Mao-Reliquien. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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«Ohne Mao Zedong gäbe es das heutige neue China nicht», sagt Fu. Er erzählt von Vater und Grossvater, die beide an Maos Seite gekämpft hätten.
Seine wertvollsten Schätze liegen hinter einer wuchtigen Metalltür mit zwei Schlössern. Dort holt Fu einen olivgrünen Mantel aus der Gründungszeit der Volksrepublik hervor, den ihm ein ehemaliger Leibwächter Maos vermacht hat.
Kritische Mao-Forschung nicht möglich in China
Für Klaus Mühlhahn, Professor für Kultur und Geschichte des modernen Chinas an der Freien Universität Berlin, ist im heutigen China vom historischen Mao nur wenig übrig. Man feiere zwar den Mythos des Reichseinigers, doch die Kulturrevolution und der «Grosse Sprung nach vorn» – die er zu den dunkelsten Kapiteln in der Geschichte Mao Zedongs zählt – spielten heute kaum noch eine Rolle.
«Diese ganzen Probleme werden heutzutage vollkommen ausgeblendet», sagt Mühlhahn. In China selbst sei es derzeit gar nicht möglich, kritisch über Mao zu forschen.
Eine der wenigen Statuen, die den jugendlichen Mao zeigen, steht auf einer Insel im Xiang-Fluss in Changsha, der Hauptstadt von Maos Heimatprovinz Hunan. Hier hat Mao einst seine Lehrerausbildung absolviert, leidenschaftlich debattiert und seinen Körper beim Schwimmen gestählt. Heute machen hier täglich Tausende Chinesinnen und Chinesen Fotos vor einem monumentalen Kopf mit wehendem Haar.
Darunter sind auffallend viele junge Menschen. Vor einem der brutalsten Herrscher der Menschheitsgeschichte salutieren sie für Fotos und posieren für Videos. 50 Jahre nach seinem Tod zitieren sie ausgerechnet die Werke Mao Zedongs, um gegen Ungleichheit und Kapitalismus im modernen China zu protestieren.
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