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Wednesday, August 19, 2026

Zürcher Theater Spektakel – Zukunft ausprobieren: Hier trifft Politik auf Theater

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Die Sicherheitskräfte stehen bereit, ein roter Teppich führt zum Hauptgebäude der Universität Zürich. Politikerinnen, Diplomaten und Expertinnen treffen ein: Nationalrätin Jacqueline Badran, die Direktorin von Economie Suisse Monika Rühl, der ehemalige Präsident des IKRK Jakob Kellenberger sowie der Philosoph und Autor Jason Stanley.

Bei einer internationalen Konferenz soll die «International Democratic Alliance» (IDA) gegründet werden: ein Pakt von 44 Nationen zur Verteidigung der Demokratie. Nur die Schweiz ist sich noch nicht sicher, ob sie nicht nur Gastgeberin der Konferenz, sondern auch Gründungsmitglied sein will.

Ein Theaterexperiment macht Politik

Wir sind im Theater. Die Inszenierung «Die Allianz der letzten Demokraten» gehört zum inhaltlichen Schwerpunkt «Demokratie und Versammlung» des Zürcher Theater Spektakels.

Blick in einen Saal mit Publikum, rotem Vorhang und Flaggen an der Wand.
Legende: Soll die Schweiz der fiktiven Internationalen Demokratie Allianz beitreten? Einblick in die Inszenierung «Die Allianz der letzten Demokratien» in der Aula der Universität Zürich. ZTS/Kira Kynd

Die Politikerinnen und Experten sind echt. Das Publikum jedoch ist nicht einfach Publikum, sondern wird in die Rolle eines eidgenössischen Bürgerrats gedrängt, der darüber entscheiden soll, ob die Schweiz der IDA beitritt. Ausgestattet werden die «Mitglieder» mit einem pinkroten Abstimmungsbüchlein, in dem das Anliegen und die Argumente für und gegen die Vorlage erklärt sind.

Auch das gehört zu dieser fiktiven Politiksimulation: Wir schreiben das Jahr 2027. Die Erosion von demokratischen Institutionen ist weltweit weiter fortgeschritten. Die Schweiz hat beschlossen, dass über internationale Verträge ein per Los gewählter Bürgerrat entscheidet und nicht der Bundesrat.

Wer ein Ticket für eine der vier Veranstaltungen ergattern konnte, steht also in der Pflicht.

Das Setting, in dem die mögliche Zukunft in einem «Pre-Enactment» erprobt werden soll, ist gut gewählt. In der historischen Aula hielt vor genau 80 Jahren, also ein Jahr nach dem Ende des 2. Weltkrieges, Winston Churchill seine visionäre Rede über die Zukunft Europas und die Bedeutung der demokratischen Zusammenarbeit.

Für den Zürcher Theatermann Eneas Prawdzic, der sich mit seiner Gruppe «Proberaum Zukunft» einen Namen für Pre-Enactments gemacht hat, geht es darum, die Zukunft als etwas Gestaltbares, Offenes erlebbar zu machen.

Was kann der Einzelne heute tun, damit ein bestimmtes zukünftiges Szenario wahrscheinlicher wird? «Ich möchte einen Debattenraum schaffen, in dem sich möglichst viele Menschen zu Wort melden können», formuliert Prawdzic.

Es geht also um ein So-tun-als-ob: «Mein Ziel ist, dass die Leute für einen Moment vergessen, dass es nur eine Fiktion ist. Diese Erfahrung hinterlässt Spuren in unserem Gehirn und das kann unsere Entscheidungen in der Zukunft beeinflussen», sagt er.

Unberechenbarer Ausgang

Am Wochenende fanden die ersten zwei von insgesamt vier Veranstaltungen statt. Alle waren rasch ausverkauft. An beiden Abenden wurde der Beitritt der Schweiz zur IDA beschlossen, am zweiten allerdings nur knapp.

«Die Dynamik ist jedes Mal eine andere, weil andere Experten und Expertinnen im Raum sind und deshalb die Debatten anders verlaufen», sagt Eneas Prawdzic.

Natürlich ist das Setting unterkomplex und hat die Charta, die es zu unterschreiben gilt, Leerstellen. Das Publikum, teilweise ebenfalls gecastet, damit möglichst unterschiedliche Perspektiven zur Sprache kommen, hat gerade mal zwei Stunden Zeit, um sich eine Meinung zu bilden. Zeitdruck schafft Intensität. Entscheidend ist: Der Ausgang ist offen.

Wenn aus Experten Performer werden

Einige Beteiligte werfen sich mit beeindruckenden Performerqualitäten ins Zeug, andere bleiben bei der Sachpolitik. Was folgt dem Protokoll? Wie viel ist vorbereitet, wie viel spontan?

Emotionen jedoch sind immer real. Stimmung kommt etwa auf, wenn sich eine amerikanische Delegierte in die Debatte einmischt und in dem rechtzeitig mit ihrem Auftritt aufleuchtenden Lichtkegel ans Rednerpult stellt. Unverhohlen droht sie allen, die für einen Beitritt stimmen, mit persönlichen Konsequenzen. Der Unmut im Saal ist nicht zu überhören.

Viel Glaubwürdigkeit dagegen kommt dem renommierten US-amerikanischen Faschismusforscher Jason Stanley entgegen, der am Samstag die Rolle des Präsidenten der IDA übernommen hat.

Das ist der Reiz der Veranstaltung: Realität und Fiktion, Wirklichkeit und Theater greifen ineinander. Professionelle Gesten werden zu theatralen Momenten, manchmal unbeabsichtigt, manchmal ganz offensichtlich inszeniert.

Was kann das Theater wirklich leisten?

Szenische Verdichtung, Experten des Alltags, das Publikum als politischer Akteur: Das sind bekannte Taktiken des dokumentarischen Theaters, in denen die Wirklichkeit inszeniert wird.

Milo Rau hat solche Politspektakel immer wieder mit seinen fiktiven Prozessen inszeniert. Das Theaterkollektiv Rimini-Protokoll hat bei der Inszenierung von «Welt-Klimakonferenz» dem Publikum die Rolle der internationalen Delegierten zugeschrieben. Solche theatralen Anordnungen schaffen einen Erfahrungsraum, in dem Dynamiken und Strukturen beobachtet werden können.

«Das ist das Potenzial des Theaters», sagt Eneas Prawdzic. Die Inszenierung sei auch «eine soziale Skulptur». Das Theater als politisches Versuchslabor. Ein Trainingscamp für Demokratie?

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Das Zürcher Theater Spektakel findet bis zum 30. August auf der Landiwiese bei Wollishofen statt.

«Die Allianz der letzten Demokratien» findet nochmals am Freitag, 21., und Samstag, 22. August, statt.

Und man kann in der Geschichte noch weiter zurückgehen: Die Wurzeln des europäischen Theaters und der Demokratie sind eng mit der politischen Kultur der griechischen Polis verbunden, im Athen des fünften Jahrhunderts vor Christus.

Keine Rettung, aber Räume schaffen

Theater wie Politik sind Orte, an denen Menschen zusammenkommen und unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Nicht zufällig werden Kunst und Kulturräume in autoritären Systemen kontrolliert und eingeschränkt.

Das Theater wird die Demokratie nicht retten. Aber es kann einen Raum schaffen, in dem wir Demokratie nicht nur diskutieren, sondern gemeinsam erleben: ihre Konflikte, ihre Zumutungen – und ihre Unberechenbarkeit.

Vielleicht ist das schon politisch genug.

Hinweis

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In der Kaserne Basel findet im September ein weiteres Re-Enactment der Gruppe Proberaum Zukunft statt.

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