Ampelsystem – Neue Karte soll tödliche Wanderunfälle verhindern

Trotz guter Ausrüstung und markierter Wege kommt es beim Wandern in den Schweizer Bergen immer wieder zu Tragödien. 55 tödliche Abstürze sind es gemäss der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) im Schnitt pro Jahr. «Diese Unfälle können nur passieren, wenn das Gelände genug steil ist», erklärt BFU-Wanderexpertin Susanne Baumann.
Um Unfälle zu vermeiden, plant die BFU zusammen mit dem Schweizer Alpenclub (SAC) und dem Dachverband Schweizer Wanderwege ein neues digitales Kartenwerkzeug. «Wir wollen eine Karte, die auf einen Blick zeigt, wie ausgesetzt ein Weg ist», so Baumann. Ein Ampelsystem von Grün bis Rot soll auf der Karte zeigen, wie steil das Gelände unmittelbar neben dem Wanderweg abfällt.
Unterwegs mit Stöckelschuhen
Über 40'000 Menschen verunfallen pro Jahr beim Wandern. Letztes Jahr flogen die Bergretter wegen Wandernotfällen so viele Einsätze wie noch nie. Am meisten davon im Kanton Wallis. «Wir sind vermehrt im Sommer wegen Wanderunfällen unterwegs», sagt Robert Andenmatten, seit 35 Jahren Helikopterpilot bei der Air Zermatt. «Ich sehe viele Fussverletzungen, weil die Leute mit schlechtem Schuhwerk oder sogar Stöckelschuhen unterwegs sind.»
Vor allem Touristen liessen sich durch die Soziale Medien zu Bergwanderungen verleiten, beobachtet Andenmatten. Instagram oder Tiktok locken mit spektakulären Bildern unerfahrene Wanderer an Hotspots. Auch Wanderexpertin Susanne Baumann betont: «Wir gehen davon aus, dass immer mehr Leute mit wenig alpiner Erfahrung unterwegs sind.» Gleichzeitig relativiert sie: «Wandern ist per se nicht eine gefährliche Sportart.» Die hohen Unfallzahlen hingen damit zusammen, dass Wandern sehr beliebt sei.
Alpstein gilt als Unfall-Hotspot
So wandern über vier Millionen Schweizerinnen und Schweizer regelmässig, dazu kommen die Touristen. Eine der beliebtesten Wanderregionen ist der Alpstein, ein gut zugängliches Gebiet. Es ist eng in der Gondel auf die Ebenalp, der Andrang gross. «Dass sich einzelne Leute überfordern, ist das grösste Problem», sagt Emanuel Gmünder. Erstmals sind in diesem Jahr Freiwillige wie er als Ranger unterwegs, um die Wanderer auf Gefahren hinzuweisen. Gemäss dem SAC ist der Alpstein ein Hotspot von Wanderunfällen.
«Einmal war ein Wanderer mit Rollkoffer unterwegs. Ich denke, der macht das nicht noch einmal», erzählt Gmünder. Auch an diesem Wandertag im September hat der Ranger zu tun. «Bleibt auf dem Weg», weist er eine Gruppe junger Männer zurecht, die abseits der Markierungen in steilem Gelände unterwegs war. «Ich habe es extrem unterschätzt», gibt einer von ihnen zu. «Ich hätte besser hohe Wanderschuhe angezogen», sagt eine andere Frau selbstkritisch.
Wie der Einsatz der Ranger hat auch die geplante Wanderkarte einen präventiven Charakter. Sie soll Wandernden künftig helfen, sich besser einzuschätzen. «Mit der neuen Karte können Wanderer Routen auswählen, die zu ihren Fähigkeiten passen», sagt Wanderexpertin Susanne Baumann.
Derzeit befindet sich das Projekt in der finalen Entwicklungsphase. Zusammen mit weiteren Fachleuten testet Baumann die Karte auf dem steilen Wanderweg von Interlaken auf den Harder. «Hier geht es steil hinunter, auf dem Karten-Layer ist es orange bis rot», sagt Baumann zufrieden. Noch ist die Karte nicht fehlerfrei. Bis 2027 soll eine Basisversion fertiggestellt sein.
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