«Meine Augen-Geste war unüberlegt – aber nicht rassistisch»

- Ein Anwohner aus Giswil OW machte gegenüber einem Touristen aus Singapur eine Augen-Geste.
- Gegenüber 20 Minuten erklärt er, aus Wut gehandelt zu haben, und bestreitet eine rassistische Absicht.
- Der Tourist räumt ein, ein Verbotsschild übersehen zu haben, findet die Reaktion aber unnötig.
- Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus stuft die Geste als «ziemlich offensichtlich» rassistisch ein.
Don (37) braucht Hilfe: Sein Töff liegt auf einer Wiese in Giswil OW, allein bekommt er ihn nicht wieder aufgerichtet. Der Tourist und Streamer aus Singapur hat sich verfahren. Doch der Anwohner, den er anspricht, reagiert mit einem Vorwurf: «Das ist verboten hier, haben Sie das Schild nicht gesehen?»
Der Streamer entschuldigt sich und erklärt, er habe das Schild übersehen. Daraufhin verzieht der Anwohner sein Gesicht und macht die Augen zu Schlitzen. «Das war jetzt rassistisch», sagt Don. Der Schweizer entgegnet: «Ich hoffe, dein Töff ist kaputt.»
«Die Grimasse ist aus Wut entstanden»
20 Minuten hat den Anwohner getroffen. Er lebt mit seiner Frau und seiner 25-jährigen Tochter in Giswil. Den Rassismusvorwurf weist er zurück: «Ich bin kein Rassist. Die Handlung war unüberlegt, aber für mich ist sie nicht rassistisch.» Er könne allerdings nachvollziehen, dass andere die Geste so auffassten.
Seine Frau, eine Nepalesin, habe ihn für seine Reaktion zurechtgewiesen. Als rassistisch beurteilt sie das Verhalten ihres Mannes jedoch nicht. Er selbst sagt: «Heute wird eh alles als rassistisch gewertet. Meiner Meinung nach geht die Correctness zu weit. Man darf nichts mehr sagen.»
Der Anwohner erklärt seine Reaktion mit Ärger: «Ich war genervt, weil er einfach über eine private Strasse gefahren war und seinen Töff auf meiner Wiese parkiert hatte.» Als er bemerkt habe, dass Don ihn filme, habe er die Beherrschung verloren. «Ich habe diese Grimasse nicht gemacht, weil ich den Mann rassistisch beleidigen wollte, sondern weil er mich ohne zu fragen gefilmt hat.»
Keine Entschuldigung beim Töfffahrer
Die Verantwortung für den Konflikt sieht der Obwaldner beim Touristen: «Er ist hier hochgefahren und hat mich provoziert. Dass er das Schild nicht gesehen hat, glaube ich ihm nicht.» Don habe eine Toilette gesucht. «Dafür muss er nicht hier hochfahren. Sein Geschäft kann er auch am Bahnhof verrichten.»
Bei Menschen, die seine Geste als rassistisch empfunden haben, wolle er sich entschuldigen – beim Töfffahrer selbst jedoch nicht. «Er soll sehen, dass man in der Schweiz nicht einfach machen kann, was man will.» Eine solche Grimasse werde er nicht nochmals machen. Wie er in einer ähnlichen Situation reagieren würde, wisse er aber nicht.
«Ich bin dem Mann nicht böse»
Don, der unter dem Namen «sukasblood» streamt, war auf dem Weg nach Interlaken, als er falsch abbog. Das Verbotsschild habe er nicht erkannt, weil solche Schilder in Singapur anders aussähen, erzählt er gegenüber 20 Minuten.
Die Reaktion des Anwohners habe ihn eher enttäuscht als verärgert. «Ich sehe meinen Fehler, ich war auf seinem Land, ich kann verstehen, dass er wütend war, aber die Augengeste war nicht nötig.»
Inzwischen hätten sich viele Menschen aus der Schweiz bei ihm für den Vorfall entschuldigt. Don betont: «Ich habe durch diesen Einzelfall nicht ein schlechtes Bild von der Schweiz, ich habe in Singapur gelernt, harmonisch mit allen Menschen umzugehen und bin dem Mann deshalb nicht böse.»
Obwalden Tourismus spricht von Einzelfall
Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) kommt zu einer anderen Einschätzung als der Anwohner. Es scheine «ziemlich offensichtlich», dass Don mit der Geste aufgrund seiner Herkunft rassistisch beleidigt werden sollte, sagt die stellvertretende EKR-Leiterin Giulia Reimann gegenüber 20 Minuten. Die Kommission erhalte immer wieder Meldungen von Touristen, die in der Schweiz rassistische Diskriminierung erlebten.
Auch Obwalden Tourismus bedauert den Vorfall. «Ein solches Verhalten sollte nicht vorkommen», schreibt Geschäftsführer Daniel Scardino auf Anfrage. Er entschuldigt sich dafür und hofft, dass sich so etwas nicht wiederholt.
Scardino spricht von einem bedauerlichen Einzelfall und verweist auf die vielen Menschen, die sich in Obwalden täglich um die Gäste kümmerten. Ein negatives Erlebnis solle nicht stellvertretend für die unzähligen positiven Begegnungen stehen.
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?
Hier findest du Hilfe:
GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Flurin Pestalozzi (flu) arbeitet seit 2025 bei 20 Minuten und ist Korrespondent in Bern.
Maurin Vonplon (mav), Jahrgang 2006, arbeitet seit August 2026 bei 20 Minuten als Praktikant im Ressort Bern.
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