Biodiversitätskonferenz – «Die Schweiz liegt bei der Biodiversität weit hinten»

Bis zu einer Million Arten sind weltweit vom Aussterben bedroht. In Armenien treffen sich derzeit Vertreterinnen und Vertreter von fast 200 Staaten, um über den Schutz der Biodiversität zu diskutieren. Auch die Schweiz. Doch was bringen solche Konferenzen wirklich? Und warum hinkt die Schweiz hinterher?
Florian Altermatt
Professor für Aquatische Ökologie
Prof. Dr. Florian Altermatt ist Professor für Aquatische Ökologie an der Universität Zürich und am Wasserforschungsinstitut Eawag.
SRF: Die internationale Staatengemeinschaft will bis 2030 30 Prozent der Land- und Meeresflächen schützen. Warum tut sich ausgerechnet die Schweiz so schwer und hinkt hinterher?
Florian Altermatt: Die Schweiz hätte die allerbesten Voraussetzungen: Wir verfügen über fundiertes Fachwissen, besässen die finanziellen Mittel und haben grundsätzlich eine sehr vielfältige Natur.
Die biologische Vielfalt ist wie eine Versicherung.
Dennoch ist der Schutz der Natur und Biodiversität in den letzten Jahrzehnten stark ins Hintertreffen geraten. Vermutlich hatte das Thema nicht die notwendige politische und gesellschaftliche Prominenz.
Kritiker wenden gern ein, dass sich die Natur schon immer gewandelt hat. Ist das Artensterben wirklich so dramatisch?
Wandel in der Biodiversität hat es tatsächlich immer gegeben. Was aber besorgniserregend ist, ist das Ausmass des Verlusts. In der Schweiz gilt bereits ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten als gefährdet. Dabei ist die Vielfalt der Natur die Grundlage für unser Leben: Fruchtbare Böden, sauberes Trinkwasser oder die Atemluft – davon sind wir als Menschen vollkommen abhängig.
Welche konkreten Konsequenzen drohen uns, wenn das Ökosystem aus dem Gleichgewicht gerät?
Die biologische Vielfalt ist wie eine Versicherung. Wenn ein viele verschiedene Arten gibt, kann sich in einem trockenen Jahr die eine Art behaupten, in einem nassen Jahr die andere.
Die Schweiz verzeichnet im Vergleich mit den Nachbarstaaten proportional die meisten gefährdeten Arten.
Das zeigt sich auch am vergangenen Hitzesommer: Wälder mit nur wenigen Baumarten leiden massiv, während ein artenreicher Mischwald besser damit umgehen kann. Und wenn Arten verschwinden, verschwinden auch Leistungen des Ökosystems, denen man sich lange zu wenig bewusst war.
Wie schneidet die Schweiz im Vergleich mit den Nachbarländern ab?
Leider liegen wir weit hinten. Vergleicht man uns mit Nachbarländern wie Deutschland, Österreich, Frankreich oder Italien, verzeichnet die Schweiz proportional die meisten gefährdeten Arten. Das müsste nicht sein.
Was kann jeder Einzelne konkret tun?
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, den Alltag biodiversitätsfreundlicher zu gestalten. Zum Beispiel, indem man lokal produzierte Lebensmittel und nicht jeden Tag Fleisch isst, oder mit dem Velo und Zug reist.
Oder man kann sich dafür einsetzen, dass Lebensräume geschützt werden. Zum Beispiel mit vielen verschiedenen, einheimischen Pflanzen im eigenen Garten, auf dem Schulareal oder in der Gemeinde. Ein Eckchen mit Totholz kann schon ein kleiner, wichtiger Beitrag sein.
Es gibt zudem eine sehr positive Nachricht: Wenn man etwas für den Schutz der Biodiversität tut, sieht man schnell Erfolge. Massnahmen sind sehr lokal und die Natur hat eine grosse Erholungskraft. Sich dafür einzusetzen, lohnt sich unmittelbar.
Bringen internationale Konferenzen überhaupt etwas, wenn vereinbarte Ziele oft Jahre später verfehlt werden?
Ohne Ziele und Visionen kommen wir nirgends hin. Trotz berechtigter Frustration, wenn Ziele verfehlt werden, senden solche Konferenzen eben auch ein Signal – an Wirtschaft, Gesellschaft, Politik.
Dass wir unser Ziel nicht erreichen, darf nicht der Grund sein, dass wir den Mut verlieren, sondern eher Ansporn, dass wir mehr machen müssen.
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