«Merke überhaupt nichts» – trotzdem kann das Auge geschädigt sein

- Netzhautschäden durch Blicke in die Sonne können unbemerkt bleiben, wenn der Defekt nicht direkt im Zentrum des Sichtfelds liegt.
- Schweizer Augenarztpraxen melden nach der Sonnenfinsternis vom Mittwoch deutlich mehr Anfragen von beunruhigten Personen.
- Eine spezifische Therapie für Netzhautschäden gibt es laut Augenarzt Winkler nicht – in der Regel wird abgewartet, da sich die Netzhaut teilweise selbst erholen kann.
«Ich habe wirklich nur kurz hingeschaut», erzählt Leser Kai. Der weisse Fleck, der sich in seinem Sichtfeld gebildet habe, sei wieder verschwunden, doch die Lichtempfindlichkeit spüre er immer noch. Auch Leserin Mara berichtet, dass ihre Neugier zu gross gewesen sei: «Ich wollte mir am Dienstag noch eine Spezialbrille besorgen, aber habe keine mehr gekriegt.» Also habe sie während der Sonnenfinsternis immer wieder direkt in die Sonne gesehen. «Ich merke überhaupt nichts, aber was ich gemacht habe, sollte man echt nicht nachmachen», erklärt sie.
Die beiden sind nicht allein: Schweizer Augenarztpraxen berichten in den Tagen nach der Sonnenfinsternis am Mittwoch von vermehrten Anfragen. Offenbar haben einige das Himmelsphänomen trotz fehlender Schutzbrille direkt beobachtet.
Doch bedeuten keine spürbaren Beschwerden auch keinen Schaden? Und was lässt sich tun, wenn die Netzhaut tatsächlich verletzt wurde?
20 Minuten hat bei den Zürcher Augenärzten Corina Röscheisen und Niklas Winkler nachgefragt.
Mehrere Leserinnen und Leser haben einige Sekunden in die Sonne geschaut, merken aber nichts. Hatten sie Glück?
Das sei durchaus möglich, erklärt Röscheisen. Gleichzeitig könnten kleinere Schäden an der Netzhaut unbemerkt bleiben: «Wenn die Schäden sehr zentral sind, merkt man sie. Liegt ein Defekt hingegen etwas neben der Mitte des Sichtfelds, kann er auch einfach nicht auffallen.» Wer trotz ausbleibender Beschwerden unsicher ist, solle sich trotzdem untersuchen lassen, rät die Ärztin.
Wie viele Sekunden reichen für einen Netzhautschaden?
Eine klare Grenze gebe es nicht. «Netzhäute sind wie Menschen selbst sehr unterschiedlich», sagt Röscheisen. Selbst die beiden Augen einer Person müssten nicht gleich stark betroffen sein: Beim Blick in die Sonne könne etwa ein Auge leicht an der Sonne vorbeigeschaut haben. Auch Pupillenweite, Alter und mögliche Vorschädigungen könnten eine Rolle spielen. Kinder seien etwa anfälliger, weil ihre Augenlinsen noch klarer seien. «Es gibt keinen Richtwert, wie viele Sekunden wie schädlich sind. Am besten einfach gar nicht in die Sonne schauen», rät Röscheisen.

Sind die Schäden dauerhaft?
«Es kann sein, dass die Netzhaut sich vollständig erholt», sagt die Augenärztin. Sie rät, sich mit Sonnenbrille und Hut vor weiterer Strahlung zu schützen. «Ich würde ausserdem im Schatten bleiben und es auch vermeiden, jetzt den ganzen Tag auf einen Computer zu starren», fährt sie fort. Die Prognose hänge davon ab, wie gross der Schaden sei und wo er liege. Bei kleinen Defekten könne das Gehirn den Ausfall teilweise kompensieren. Bei Schäden direkt im Zentrum des Blickfeldes könne hingegen ein dunkler Fleck zurückbleiben.
Wie werden solche Schäden behandelt?
«Eine etablierte spezifische Therapie gibt es nicht», erklärt Winkler. «In der Regel wird abgewartet, da sich die Netzhaut teilweise von selbst erholen kann.» Kortison sei in einzelnen Fällen schon eingesetzt worden, ein überzeugender wissenschaftlicher Nachweis für eine Wirksamkeit fehle jedoch. Zerstörte Sehzellen könnten auch nicht einfach ersetzt werden. «Weitere direkte Sonnenexposition sollte unbedingt vermieden werden», so Winkler.
Muss ich zum Augenarzt, auch wenn ich nichts merke?
Bei völlig beschwerdefreien Personen sei normalerweise keine vorsorgliche Untersuchung nötig, sagt Winkler. Wer hingegen einen zentralen Fleck, verzerrtes Sehen, Leseschwierigkeiten, Veränderungen beim Farbsehen oder eine Verschlechterung der Sehkraft bemerke, sollte sich zeitnah durch einen OCT-Scan untersuchen lassen.
Sollten wir unsere Augen auch im Alltag besser schützen?
Bei starker Sonneneinstrahlung empfiehlt Winkler eine Sonnenbrille mit zuverlässigem UV-Schutz. Zu achten sei etwa auf «UV400» beziehungsweise «100 Prozent UV-Schutz». Eine sehr hohe ungeschützte UV-Belastung könne eine schmerzhafte sogenannte Schneeblindheit verursachen, die sich meist innerhalb weniger Tage wieder erhole. Langfristig könne eine hohe UV-Belastung zudem die Entstehung des grauen Stars begünstigen.
Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News
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