Schule schon um 7 Uhr? Experte warnt vor biologischer Falle der Winterzeit

Zeitumstellung im Herbst
Schule schon um 7 Uhr? Experte warnt vor biologischer Falle der Winterzeit
Die Zeitumstellung abschaffen, aber im Winter früher mit Schule und Arbeit beginnen: Das sogenannte dritte Zeitmodell soll mehr Licht in den Feierabend bringen. Ein Medizinprofessor warnt jedoch vor einer biologischen Falle. Denn wer früher aufstehen muss, schläft womöglich zu wenig.
Publiziert: vor 52 Minuten
Am Sonntag, 25. Oktober, ist es wieder so weit: In der Schweiz werden die Uhren um 3 Uhr auf 2 Uhr zurückgestellt. Wir gewinnen eine Stunde Schlaf, müssen uns aber auch auf frühere Sonnenuntergänge einstellen. Die Diskussion über Sinn und Unsinn der Zeitumstellung flammt damit erneut auf.
Eine mögliche Alternative sorgt für Gesprächsstoff: das sogenannte dritte Zeitmodell. Die Idee dahinter klingt zunächst einfach. Statt im Frühling und Herbst die Uhren umzustellen, bleibt das ganze Jahr über die Winterzeit. Gleichzeitig beginnen Schule und Arbeit eine Stunde früher. So könnten die Menschen den Feierabend bei Tageslicht länger geniessen.
Doch ist das wirklich die bessere Lösung? Der serbische Medizinprofessor Dragan Hrnčić, Spezialist für Innere Medizin und Neurowissenschaften an der Medizinischen Fakultät der Universität Belgrad, hält den Ansatz zwar für interessant. Er warnt aber davor, ihn als universelle Lösung zu betrachten.
Früher aufstehen ist nicht automatisch gesünder
Der entscheidende Punkt ist unser Biorhythmus. Die innere Uhr des Menschen richtet sich vor allem nach Licht und Dunkelheit. Sie beeinflusst, wann wir müde werden, wann wir aufwachen und wie leistungsfähig wir tagsüber sind.
«Unsere biologische Uhr kennt keine Begriffe wie Winter- und Sommerzeit», erklärt Hrnčić gegenüber «Blic». Sie reagiert auf die natürlichen Lichtverhältnisse, während die Gesellschaft festlegt, wann wir zur Schule gehen oder mit der Arbeit beginnen.
Genau hier sieht der Professor die Schwachstelle des dritten Zeitmodells. Wenn Schule und Arbeit eine Stunde früher anfangen, müssen viele Menschen auch früher aufstehen. Wer bisher um 6 Uhr aufsteht und um 7 Uhr arbeitet, müsste künftig womöglich bereits um 5 Uhr aus dem Bett.
Wird die Schlafenszeit nicht ebenfalls vorverlegt, verkürzt sich die Nachtruhe. Gleichzeitig könnte es beim Aufstehen noch dunkler sein. Damit würde ein Teil des Vorteils verloren gehen, den die dauerhafte Winterzeit für den biologischen Rhythmus bieten soll.
Besonders Jugendliche könnten leiden
Ein früherer Schulbeginn könnte vor allem für Jugendliche problematisch sein. Während der Pubertät verschiebt sich der natürliche Schlafrhythmus häufig nach hinten. Viele Jugendliche werden später müde und können entsprechend später einschlafen.
Müssen sie trotzdem sehr früh aufstehen, wird es schwieriger, ausreichend Schlaf zu bekommen. Entscheidend wäre deshalb nicht allein, wann der Unterricht beginnt, sondern auch, ob Jugendliche am Abend früh genug schlafen können.
Hrnčić plädiert deshalb für flexiblere Lösungen. Arbeitszeiten könnten stärker an die Bedürfnisse der Beschäftigten angepasst werden. Auch unterschiedliche Unterrichtszeiten je nach Alter der Schülerinnen und Schüler wären denkbar.
Ein einheitlicher Start eine Stunde früher sei dagegen nicht automatisch sinnvoll. Schliesslich müssten auch Eltern, die ihre Kinder zur Schule bringen, sowie der öffentliche Verkehr und verschiedene Berufsgruppen berücksichtigt werden.
Was spricht für die dauerhafte Winterzeit?
Der Professor spricht sich grundsätzlich dafür aus, die saisonale Zeitumstellung abzuschaffen und dauerhaft bei der Winterzeit zu bleiben. Dafür gibt es auch wissenschaftliche Argumente.
Die American Academy of Sleep Medicine empfiehlt in einer 2024 veröffentlichten Stellungnahme, auf die saisonale Zeitumstellung zu verzichten und ganzjährig die Standardzeit beizubehalten. Diese passe besser zur menschlichen inneren Uhr. Licht am Morgen hilft, den Schlaf-Wach-Rhythmus zu synchronisieren, während spätes Tageslicht am Abend die innere Uhr nach hinten verschieben kann.
Die Fachgesellschaft verweist zudem auf Studien, die mögliche gesundheitliche und sicherheitsrelevante Folgen der Zeitumstellung untersuchen. Die Forschung bedeutet allerdings nicht, dass jede Zeitumstellung bei jedem Menschen gesundheitliche Probleme verursacht. Die Empfehlung für eine dauerhafte Standardzeit beruht auf der Gesamtheit der wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Längere Abende bleiben ein Argument für die Sommerzeit
Ganz ohne Vorteile ist die Sommerzeit allerdings nicht. Wenn es abends länger hell bleibt, können Menschen nach der Arbeit oder der Schule mehr Zeit im Freien verbringen. Das kommt etwa Sport, Freizeitaktivitäten, Gastronomie und Tourismus zugute.
Für Hrnčić ist das ein nachvollziehbarer praktischer Vorteil. Allerdings müsse man zwischen längeren hellen Abenden und der Frage unterscheiden, ob die Uhren zweimal jährlich umgestellt werden sollten. Das seien zwei verschiedene Dinge.
Die Debatte dreht sich somit nicht nur darum, welche Uhrzeit auf dem Display steht. Es geht auch darum, wie wir Arbeitszeiten, Unterricht und Freizeit organisieren.
Für die Schweiz gilt vorerst weiterhin die gewohnte Regelung: Am letzten Sonntag im März beginnt die Sommerzeit, am letzten Sonntag im Oktober die Normalzeit. Ob sich daran künftig etwas ändert, ist eine politische Frage. Das dritte Zeitmodell zeigt aber, dass eine Abschaffung der Zeitumstellung allein noch nicht alle Probleme lösen würde.
Denn eine Stunde auf der Uhr lässt sich leicht verschieben. Die innere Uhr des Menschen folgt dagegen ihren eigenen Regeln.
Dieser Artikel erschien zuerst auf blic.rs. Das serbische Newsportal gehört wie Blick zu Ringier.
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