Plant der Iran den Bau von Atomwaffen?
Welche Ziele genau verfolgt der Iran mit seinem umstrittenen Atomprogramm? Die Signale sind derzeit widersprüchlich. Letzte Woche erklärte der iranische Präsident Massud Peseschkian gegenüber dem US-Sender Fox News, Teheran sei bereit, angereichertes Uran zu verdünnen und internationale Inspektionen zuzulassen, sofern eine völkerrechtliche Einigung erzielt werde.

In der iranischen Hauptstadt Teheran sind jedoch andere Stimmen zu hören. Mohsen Rezaei, Chef des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, fordert aufgrund "der feindseligen Attacken durch die USA und Israel" den Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag. Die britische Zeitung "The Daily Telegraph" veröffentlichte Satellitenbilder, die angeblich den Bau neuer Atomanlagen und den Wiederaufbau beschädigter Anlagen zeigen. Zu diesen zählen "Taleghan" im Parchin-Komplex südöstlich von Teheran sowie ein weiteres Komplex unter dem sogenannten Pickaxe-Mountain in der Nähe der Atomanlage Natanz.
Die Meldung über einen Wiederaufbau hat Spekulationen befeuert, dass das angereicherte Uran möglicherweise tiefer im Untergrund verlagert wurde. "Ich werde niemals zulassen, dass der Iran über Atomwaffen verfügt", sagte US-Präsident Donald Trump Ende September auf der UN-Generalversammlung in New York.
Kann Diplomatie noch funktionieren?
Unklar ist, ob die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) in absehbarer Zeit zu Inspektionen zugelassen wird. Nach dem Atomabkommen von 2015 war dies möglich gewesen. Allerdings hatten die USA unter Donald Trump den Vertrag 2018 gekündigt.
Diplomatische Bemühungen und frühere Abkommen bezeichnet John Bolton, ehemaliger nationaler Sicherheitsberater der USA im DW-Interview als "Tarnung für eine unveränderliche Strategie Teherans". Er behauptet, der Iran habe sein Waffenprogramm "nie" wirklich eingestellt. "Die IAEO hatte nie Zugang zu Militärstützpunkten, an denen entscheidende Komponenten für die Waffenentwicklung hergestellt werden", so Bolton. Den einzigen langfristigen Weg zu Frieden und Sicherheit im Nahen Osten sieht Bolton im Sturz des Regimes in Teheran.
Forderungen nach Neubewertung der Nukleardoktrin
Anfang September verwies die IAEO den Iran wegen "Verstöße gegen seine Nichtverbreitungsverpflichtungen" an den UN-Sicherheitsrat. Unterdessen lief im August fast unbemerkt die 60-tägige Frist für technische Gespräche mit den USA im Rahmen des sogenannten Islamabad-Memorandums ab. Diese Vereinbarung zwischen Iran und USA sah unter anderem einen Waffenstillstand am Persischen Golf vor.
Ein atomar bewaffneter Iran wäre "das größte außenpolitische Vermächtnis der Präsidentschaft von Donald Trump", sagt Damon Golriz, Politologe an der holländischen Fachhochschule Den Haag. Im Februar 2026 habe eine militärische Offensive der USA und Israels iranische Nuklearanlagen zerstört. Führende Waffenwissenschaftler und mehrere Ebenen der obersten Militär- und Sicherheitsführung kamen dabei ums Leben. Das habe zu lauteren Forderungen nach einer Neubewertung der Nukleardoktrin geführt, so Golriz.
Getöteter Oberster Führer wollte keine Atomwaffen
Das offizielle religiöse Urteil, die sogenannte Fatwa, verbietet die Herstellung und Lagerung von Atomwaffen im Iran. Sie ist seit langem ein Grundpfeiler der diplomatischen Rhetorik Teherans, mit der das Land betont, sein Atomprogramm diene ausschließlich zivilen Zwecken. Nur, der Unterzeichner dieser Fatwa, der Oberste Führer Ali Chamenei, kam beim Angriff im Februar ums Leben. Laut Thim Bosch, Geschäftsführer der Sicherheitsexperten Birdwatcher Group mit Sitz in Holland, gebe es zwar keinen eindeutigen Beleg für eine formelle Änderung der Nukleardoktrin Teherans.
"Allerdings sind die Gegner von Atomwaffen in Teheran mittlerweile deutlich geschwächt. Angesichts des Schweigens des aktuellen Obersten Führers Modschtaba Chamenei zur Fatwa seines Vaters gibt es erheblich mehr Unterstützer", sagt Bosch, der früher Nachrichtendienstchef der Niederlande war.
Straße von Hormus: Irans mächtigste Waffe?
Die IAEO stuft den Iran als einziges Land ohne Atombombe ein, das in der Lage ist, radioaktive Materialien bis zu 60 Prozent anzureichern. Die Behörde habe schon 2024 beobachtet, dass der Iran die Anreicherung "dramatisch" beschleunigt habe. Für die Herstellung von Atomwaffen ist eine Anreicherung von 90 Prozent erforderlich.
"Wenn die Internationale Atomaufsichtsbehörde das angereicherte Uran nicht überwachen kann, kann kein Geheimdienst wirklich behaupten zu wissen, ob der Iran die endgültige Entscheidung zum Bau einer Bombe getroffen hat", sagt Bosch. "Wer mit absoluter Gewissheit behauptet, der Iran habe sich für eine Atombombe entschieden, blufft entweder oder verfolgt vor allem seine eigene Agenda. Das gilt sowohl für die Hardliner im Iran als auch für jene in Israel und den USA."
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