Jimmy Savile: Der Missbrauchsskandal, der die BBC erschütterte

- Diese Woche erfuhr die Schweiz von der Verurteilung des verstorbenen TV-Sportmoderators Hans Jucker wegen Kindsmisshandlung im Jahr 1971.
- Vor 15 Jahren wurde die britische Öffentlichkeit mit einem Fall von ungleich grösserem Ausmass konfrontiert.
- Damals kam ans Licht, dass sich der beliebte TV-Star Jimmy Savile über Jahrzehnte hinweg an hunderten vulnerablen Personen vergangen hatte.
- Saviles Promistatus sorgte dafür, dass er Zeit seines Lebens nie für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wurde.
Jimmy Savile war ein absoluter Topstar bei der BBC. Von den 1960er- bis in die 2000er-Jahre moderierte er beliebte Shows wie die legendäre Musiksendung «Top of the Pops» oder «Jim’ll Fix It» (Jim wird es richten), in der er Kindern ausgefallene Wünsche erfüllte. Der Mann mit der lustigen Frisur war allgegenwärtig. Leicht verschroben, aber das macht ihn für die Briten umso liebenswerter.
Doch der hellblonde Jimmy Savile hatte eine pechschwarze Seite. Nach seinem Tod 2011 erfuhr eine schockierte Öffentlichkeit, dass der TV-Star seinen Promistatus schamlos ausnutzte und sich an hunderten Menschen verging. An Mädchen und Jungen, Männern und Frauen, vor allem aber an schutzbedürftigen jungen Frauen. Heute gilt Savile als einer der schlimmsten Kinderschänder des Vereinigten Königreichs, wie die BBC schreibt.
Erste Übergriffe schon in den 1950er-Jahren
Jimmy Savile wurde 1926 als eines von sieben Kindern im nordenglischen Leeds geboren. Als Teenager erlitt er eine schwere Wirbelsäulenverletzung bei der Arbeit in einer Kohlenmine. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er eine Karriere als DJ und Clubbetreiber und nahm für sich in Anspruch, der erste DJ gewesen zu sein, der mit zwei Plattenspielern arbeitete.
Schon damals soll er es in seinen Clubs auf minderjährige Mädchen abgesehen haben. Sein erster belegter sexueller Übergriff fand 1955 statt, wie inzwischen bekannt ist. Die Polizei befragte ihn mehrfach in den frühen 1960er-Jahren, doch Gerichtstermine konnte Savile abwenden. Einmal soll er einem seiner Türsteher auf die Frage, wie das möglich sei, geantwortet haben, er habe die Mädchen mit Geld zum Schweigen gebracht – «wie beim letzten Mal».
Status als TV-Star ausgenutzt
In den 1960er-Jahren begann auch sein Weg zum Fernseh-Superstar. Neben seiner Tätigkeit für Radio BBC 1 moderierte er ab 1964 «Top of the Pops». In der wegweisenden Musiksendung der BBC trat alles auf, was im Musikgeschäft Rang und Namen hatte. Jimmy Savile nutzte seine Nähe zu den Stars, um an deren leicht zu beeindruckende Fans im Teenageralter zu kommen. Laut einem Polizeibericht von 2013 soll es allein in TV- und Radiostudios zu mindestens 33 Übergriffen gekommen sein.
Unter Insidern aus dem Musikgeschäft und der Fernsehwelt sei Saviles Vorliebe für junge Mädchen ein offenes Geheimnis gewesen, erklärte ein damaliger Bekannter Saviles später der BBC. Übergriffe soll es auch in einem Wohnwagen gegeben haben, mit dem der Moderator für seine Radiosendung «Savile Travels» Grossbritannien bereiste.
Wohltätige Arbeit als Versicherung …
Doch trotz der Gerüchte und Vorwürfe blieb der Skandal aus. Zu gross war Savile inzwischen geworden. 1973 wurde ein Mitarbeiter der BBC-Pressestelle beauftragt, bei der Boulevardpresse nachzufragen, ob man die Vorwürfe gegen Savile öffentlich machen wolle. Die Antwort sagt viel über die Stellung Saviles in der britischen Medienlandschaft und den Umgang mit Kindesmissbrauch in der damaligen Zeit aus.
Der Mitarbeiter berichtete, dass die Zeitungen «von diesen Vorwürfen gehört» hätten, aber nicht bereit seien, sie zu veröffentlichen, «unabhängig davon, ob sie wahr seien oder nicht», denn Savile habe viel für wohltätige Zwecke getan und gelte «als sehr beliebter Mann».
Savile erpresste die Presse offenbar damit, dass sie bei einer Veröffentlichung die Verantwortung für das Ende seiner Spendenaktionen für wohltätige Zwecke tragen würde.
… und Türöffner
In seiner Karriere soll Savile 40 Millionen Pfund für wohltätige Zwecke gesammelt haben. Das öffnete ihm nicht nur den Weg in die höchsten Kreise – Savile pflegte enge Freundschaften mit Premierministerin Margaret Thatcher und dem damaligen Prinzen Charles. Es verschaffte ihm auch leichten Zugang zu weiteren Opfern in Spitälern, Schulen und Kinderheimen.
In Dutzenden Spitälern soll er vor allem Patientinnen und Patienten, aber auch Angestellte, Besucher und freiwillige Helfer zum Teil mehrfach sexuell misshandelt haben. In vielen Fällen vergewaltigte er seine Opfer. Auch hier kam es nie zu einem Strafverfahren. Als zu wichtig wurde die wohltätige Arbeit des TV-Stars gewertet.
In drei Spitälern, darunter eine geschlossene Einrichtung für Menschen mit einer psychischen Erkrankung, verfügte Savile in seiner Funktion als Schirmherr sogar über private Räumlichkeiten wie Büros oder Schlafzimmer. Er hatte Schlüssel zu allen Abteilungen und konnte unkontrolliert ein und aus gehen.
Raffinierte Strategien zum Selbstschutz
Savile verliess sich nicht nur auf seinen Promistatus, um ungestört seine Taten zu vollbringen. Er pflegte auch sein Image als jemand, der nichts zu verbergen hat. So erklärte er, keine Emotionen zu haben. «Das macht mich zu einem schwierigen Fall für einen Psychiater oder Psychologen, weil es nichts zu entdecken gibt», sagte er 1991 in einer BBC-Radiosendung. «Was man sieht, ist alles, was es gibt.» Bereits 1972 behauptete er: «Ich habe vor anderen nichts zu verbergen, und wenn man mal darüber nachdenkt, führe ich ein ganz einfaches Leben.»
Zu seinem sorgfältig kultivierten Persönlichkeitsbild gehörte auch die Behauptung, dass er Kinder hasse. Dies, obwohl er mit «Jim’ll Fix It» von 1975 bis 1994 eine der beliebtesten Kindersendungen in Grossbritannien präsentierte. Dem Investigativjournalisten Louis Theroux erklärte er im Jahr 2000 in einem Porträt die Hintergründe. «Wir leben in einer sehr seltsamen Welt, und für mich als Single-Mann ist es einfacher zu sagen, dass ich Kinder nicht mag, denn das schreckt viele sensationsgeile Boulevardjournalisten von der Jagd ab», so Savile. «Das ist meine Strategie. So läuft das nun mal. Und sie hat wunderbar funktioniert. Einfach wunderbar.»
Bis zum Schluss straffrei
Richtig ungemütlich wurde es für Savile erst Ende der Nullerjahre. 2007 beschuldigten mehrere ehemalige Schülerinnen eines Internats für emotional auffällige und gefährdete Mädchen Savile öffentlich, sie in den 1970er-Jahren sexuell misshandelt zu haben. Das schlug einige Wellen. In der Folge wurden weitere Anschuldigungen neu untersucht, doch das Ergebnis war das gleiche wie zuvor: Aus Mangel an Beweisen wurden die Ermittlungen eingestellt.
Erst 2012, ein Jahr nach seinem Tod mit 84 Jahren, wurden im Zug einer Reportage auf dem Sender ITV immer mehr Anschuldigungen gegen Savile laut. Erst jetzt begannen sich verschiedene Institutionen und Stiftungen von ihm zu distanzieren, während sich die BBC zunächst schwertat, das Geschehene aufzuarbeiten. Erst 2016 legte der Sender einen unabhängigen Untersuchungsbericht vor. Demnach hätten eine «Atmosphäre der Angst» und eine «sexistische Macho-Kultur» dafür gesorgt, dass Saviles Verbrechen nicht aufgedeckt wurden.
«In Wirklichkeit war er ein widerwärtiger und unersättlicher Sexualstraftäter, der das Vertrauen einer ganzen Nation wiederholt für seine eigenen abscheulichen Zwecke ausnutzte.»
Wie viele Menschen Opfer von Jimmy Savile wurden, wird man wohl nie genau wissen. Die Kinderschutzorganisation NSPCC schätzte 2013 die Zahl auf mindestens 500. Im Jahr 2014 erklärte Gesundheitsminister Jeremy Hunt: «Als Nation schätzten wir Savile damals als ein etwas exzentrisches Nationalheiligtum, das sich sehr für wohltätige Zwecke engagierte. In Wirklichkeit war er ein widerwärtiger und unersättlicher Sexualstraftäter, der das Vertrauen einer ganzen Nation wiederholt für seine eigenen abscheulichen Zwecke ausnutzte.»
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Clickandstop.ch, Online-Meldestelle der Stiftung Kinderschutz Schweiz
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
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Jean-Claude Gerber (jcg) arbeitet seit 2005 für 20 Minuten. Er ist seit 2013 Leiter des Ressorts Wissen, History und Digital und seit 2020 Blattmacher.
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