Unsicherheit an Wall Street – Abwärtstrend bei Techaktien: Kurzer Schluckauf oder fataler Hype?

In den letzten Jahren waren die grossen Technologieaktien eine Stütze für die Wall Street. Jetzt scheint das Ganze etwas ins Stocken zu geraten. US-Börsenkorrespondent Jens Korte sagt, warum.
Jens Korte
Freier Börsenjournalist
Jens Korte berichtet von der Wall Street in New York. Seit 1999 arbeitet er dort für verschiedene Medien, darunter für SRF. Im Jahr 2003 gründete er die Firma nygp – New York German Press. Korte hat eine Lehre zum Industriekaufmann abgeschlossen und ein Studium der Volkswirtschaft in Berlin absolviert.
Was passiert gerade an der Wall Street?
Seit einigen Wochen gibt es Rückschläge bei den Aktien der grossen Technologieunternehmen. Speziell gilt das für Chipaktien. Der Nasdaq Composite, das breite Techbarometer, war in der vergangenen Woche schon rund 4.5 Prozent gefallen. In dieser Woche gab es teilweise etwas deutlichere Einschläge. Die Technologieaktien haben die Wall Street lange Zeit getragen. 2022 ist ChatGPT auf den Markt gekommen. Seither hat sich der S&P-500-Index verdoppelt. Das lag gerade auch an den Aktien der grossen Technologieunternehmen. Im Sommer gab es ein Zwischenhoch, während dem Chipaktien und Halbleiterindizes Rekordmarken erreichten. Seither sind sie teilweise um dreissig Prozent gefallen.
Warum sind die Techaktien unter Druck?
Eine Frage ist, ob es nicht langsam an der Zeit ist, Gewinne einzustreichen – und ob die Investoren Angst vor der eigenen Courage bekommen haben. Einige Chipaktien sind innerhalb weniger Monate um teilweise 300 Prozent gestiegen. Es ist nicht zwingend ein Beinbruch, wenn es mal 30 Prozent nach unten geht. Trotzdem gibt es konkrete Gründe für diesen Abwärtstrend.
Ein Beispiel: Lam Research, ein Unternehmen aus dem Halbleitersektor, hat erklärt, dass es Engpässe bei der Produktion geben könnte. Das hat den Druck weiter erhöht. Ein anderes Beispiel: Der Facebook-Mutterkonzern Meta hat zuletzt angekündigt, Hunderte Milliarden Dollar in KI investieren zu wollen. Das kann der Halbleiterbranche nur recht sein. Aber: Es stellt sich die Frage, ob sich die Unternehmen mit solchen Investitionen finanziell übernehmen könnten.
Sind dafür Aktien aus anderen Wirtschaftssektoren gefragter?
Das lässt sich kaum beobachten – mit Ausnahme des Energiesektors, weil die Ölpreise gestiegen sind. Entsprechend verzeichnen die Aktien einiger Energieunternehmen deutlichere Kursgewinne. Zumindest kurzfristig sehen wir, dass Staatsanleihen wieder etwas gefragter sind. Das zeigt sich daran, dass die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen unter fünf Prozent gefallen ist. Bei den Anleihen funktioniert das jeweils wie bei einer Wippe: Steigen die Preise, dann fallen die Zinsen. Die Nachfrage nach Anleihen steigt – und auch die Preise. Das drückt wiederum leicht auf das Zinsniveau. Diese Entwicklung lässt sich im Moment beobachten.
Wie könnte sich das Blatt bei den Techaktien wieder wenden?
Sollten die Halbleiterkonzerne fantastische Quartalszahlen melden, könnte sich das Ganze schnell wieder beruhigen. Kleine Taucher, die es immer mal wieder gab, wurden häufig beantwortet. Die Investoren stiegen dann wieder ein, weil sie dachten, dass es eine günstige Gelegenheit dafür sei. Sollte es sich jedoch um einen länger anhaltenden Trend handeln, könnte das zum Problem für die Wall Street werden. Denn die grossen Zugewinne hatte sie in erster Linie den Technologieaktien zu verdanken.
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