Tipps für Weekend-Trip: Kopenhagen abseits der Klassiker
- Die neuen Stadtviertel von Kopenhagen
- 2'400 Quadratmeter Freizeitpark auf einem Parkhausdach
- Nordhavn, eines der modernsten Quartiere Kopenhagens
Christian BauerReise-Journalist
Freitagnachmittag
Stadtplanung für Menschen
Wir beginnen unser Weekend in Kopenhagen dort, wo die dänische Hauptstadt gerade eine innovative Verwandlung durchmacht: in Nordhavn. Der ehemalige Industriehafen verwandelt sich seit Jahren in ein modernes Stadtviertel aus Wohnungen, Büros, Hafenbecken und teilweise ziemlich spektakulärer Architektur. Ziel ist es, einen Stadtteil des 21. Jahrhunderts für bis zu 40'000 Menschen zu bauen. Eines dieser kreativen Projekte ist ausgerechnet ein Parkhaus.
Auf dem Dach von Konditaget Lüders wurde ein 2'400 Quadratmeter grosser öffentlicher Spiel- und Sportplatz angelegt. 24 Meter über dem Boden kann man auf Trampolinen hüpfen, sprinten, trainieren – oder einfach die Aussicht geniessen und ein bisschen darüber staunen, wie smart man in Dänemark Städte plant. Nicht umsonst gilt Kopenhagen als eine der lebenswertesten Städte der Welt.
Metro: Nordhavn
Ein Dorf als Medizin gegen Cholera
Kopenhagen denkt Stadtplanung nicht erst seit heute als Mittel für ein besseres Leben. Die Idee, durch Planung und Architektur bessere Lebensbedingungen zu schaffen, reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Ein Beispiel dafür ist Brumleby, nur wenige Velominuten von Nordhavn entfernt.
Tipp: Ein Velo ist die beste Art, die City zu erkunden. Kaum eine Stadt ist so konsequent auf den Veloverkehr ausgerichtet wie Kopenhagen.
Entstanden ist die Siedlung nach der verheerenden Choleraepidemie von 1853, als viele Kopenhagener Familien dicht zusammengedrängt innerhalb der alten Stadtbefestigung lebten. Ärzte initiierten deshalb ausserhalb der damaligen Stadt ein Wohnprojekt für ärmere Familien: Niedrige Häuser, Licht, Luft und Grünflächen sollten Krankheiten verhindern.
Heute werden die Häuschen in Brumleby immer noch an sozial benachteiligte Personen vermietet. Ein kleines Museum, das in einem ehemaligen Laden untergebracht ist, zeigt die Geschichte des Viertels. Brumleby ist gewiss keine klassische Sehenswürdigkeit, aber gerade deswegen interessant.
Metro: Trianglen
Freitagabend
Gemüse in seiner schönsten Form
Zum Znacht geht es ins Viertel Nørrebro zu Baka d' Busk, einem Bistro, das nur vegetarische Gerichte serviert. Sechs Freunde, die sich selbst «Plantedrengene», Pflanzenjungs, nennen, gründeten das Restaurant im Jahr 2018. Auf den Teller kommen vor allem lokale und biologische Produkte. Die Speisekarte variiert daher je nach Saison und Ernte.
Metro: Nuuks Plads
Pompette werden in Nørrebro
Danach sind es nur wenige Minuten bis zu Pompette, dem französischen Ausdruck für «leicht beschwipst» – womit das Abendprogramm eigentlich ausreichend beschrieben wäre. Die kleine Nachbarschaftsbar an der Møllegade mit ihren nackten Wänden, die an Industriechic erinnern, ist auf Naturweine spezialisiert – und das zu günstigen Preisen. Ziel der beiden Gründer ist es, gute Weine für jedermann bezahlbar zu machen. Ein Glas kostet nur 75 dänische Kronen, etwa 9 Franken, was für Kopenhagen ein sehr guter Preis ist.
Kopenhagen gilt übrigens mittlerweile als eine der europäischen Hochburgen des Naturweins. Skål!
Metro: Nørrebros Runddel
Samstag
Abtauchen in Kopenhagens Unterwelt
Als Grundlage für den Sightseeingtag gibt es einen Brunch bei Mad & Kaffe in Frederiksberg, einer unabhängigen Gemeinde innerhalb des Stadtgebiets von Kopenhagen. Der Slogan des Cafés lautet «mit Liebe für gutes Essen und Kaffee». Stimmt: Man bruncht hier wunderbar. Aus einem Menü kann man sich seinen eigenen Brunch mit drei, fünf oder sieben Gerichten zusammenstellen.
Gestärkt geht es nun in den idyllischen Park Søndermarken und dort hinab in die Unterwelt: zu den Cisternerne, den Zisternen. Das ehemalige Wasserreservoir wurde mittlerweile zu einem Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst – und das ist ziemlich spektakulär. Ein Säulenwald im Halbdunkel, es ist kühl und feucht, Wasser tropft, und Stalaktiten hängen von der Decke.
Jedes Jahr kreiert ein Künstler eine besondere Kunstinstallation. Derzeit ist es die Performancekünstlerin Marina Abramović mit ihrer Installation «Seven Deaths», die noch bis zum 30. November 2026 zu sehen ist.
Metro: Aksel Møllers Have
Kunst im Sommerhaus
Nach der Dunkelheit und Kühle braucht es Licht. Noch in «Kunstlaune» schlendern wir durch den Park zum bildhübschen Møstings Hus. Das klassizistische Haus wurde um 1800 erbaut und gehörte einst einem mächtigen Finanzminister. Heute werden in den hohen Räumen kleine Ausstellungen zeitgenössischer Kunst gezeigt. Der Eintritt ist kostenlos.
Metro: Frederiksberg
Samstagmittag
Zmittag zwischen alten Eisenbahnschuppen
Nach so viel Kunst sollten wir nun auch dem Magen etwas Gutes tun. Zwischen Vesterbro und Sydhavnen versteckt sich hinter Bahngleisen BaneGaarden – ein weiteres Beispiel für Kopenhagens innovativen Strukturwandel. In neun hölzernen Schuppen aus dem Jahr 1909 lagerte die dänische Staatsbahn einst Holz und Material für den Gleisbau. Ab den 1950er-Jahren standen die Gebäude leer und wurden erst vor einigen Jahren wiederentdeckt.
Heute befinden sich zwischen Bäumen und alten Holzfassaden eine Bäckerei, Essensstände und ein Restaurant; regelmässig finden Konzerte und Workshops statt. Hier fühlt man sich weniger wie in einem durchgestylten Gastroprojekt als in einem kleinen Dorf. Perfekt für ein unkompliziertes Zmittag und eine längere Pause in der Sonne.
Metro: Enghave Plads
Samstagnachmittag
Auf ein Bier in der Carlsberg Byen
Nun wird es Zeit für ein Bier – oder vielmehr für einen Blick darauf, was man aus einer alten Brauerei alles machen kann. Die Carlsberg-Brauerei, die drittgrösste Brauerei der Welt, zu der auch das Schweizer Feldschlösschen gehört, wurde 1847 im Zentrum Kopenhagens gegründet. Mit den Jahren entstand ein eigener Bezirk, der nicht nur die Brauerei, sondern unter anderem auch die Villen und Gärten der Gründer umfasste. Seit im Jahr 2008 die Produktion an einen anderen Standort verlagert wurde, entsteht auf dem Areal ein neues Stadtviertel.
Das Besondere: Ein Grossteil der Gebäude besteht aus historischen Backsteinbauten aus der Blütezeit der Brauerei. Zusätzlich wurden moderne Gebäude und Wohnhäuser ergänzt.
Das Wahrzeichen des Viertels ist das Elefantentor mit seinen vier steinernen Elefanten. Wer tiefer in die Geschichte eintauchen möchte, erfährt viel Wissenswertes im Brauereimuseum Home of Carlsberg. Aber auch ohne Museumsbesuch lohnt sich ein Spaziergang durch das Quartier, vorbei an Bars, Cafés und Parks, in denen man sich für eine Sightseeingpause niederlassen kann.
Metro: Enghave Plads
Vom Brauereiquartier ins echte Vesterbro
Wer noch Energie hat und nicht in einem der Cafés bei Carlsberg chillen möchte, kann sich nun ins nahe Trendviertel Vesterbro aufmachen, dort ohne grosses Ziel herumschlendern und das wahre Kopenhagener Leben beobachten. Am besten stellt man sein Velo auf dem Enghave Plads ab, dem Zentrum des Quartiers. Wahrscheinlich kommt man bei seinem Bummel auch am Sønder Boulevard vorbei. Die breite ehemalige Verkehrsachse wurde zu einem urbanen Aufenthaltsraum umgestaltet – mit Grünflächen, Sitzplätzen und viel Quartierleben zwischen den Häuserzeilen. Und wer shoppen möchte, findet im Quartier viele individuelle Boutiquen.
Für Designerkleider empfiehlt sich Kyoto Istedgade an der Istedgade mit skandinavischen und internationalen Labels. Dänisches Interiordesign gibt es bei DANSK Made for Rooms an der Istedgade 80.
Metro: Enghave Plads
Samstagabend
Znacht im Meatpacking District – und danach Live-Musik
Zum Znacht geht es nach Kødbyen, Kopenhagens ehemaligem Schlachthofviertel mitten in Vesterbro. Zwischen den alten weissen Industriehallen haben sich Restaurants, Bars, Galerien und Clubs angesiedelt. Eine Institution ist Kødbyens Fiskebar. In der ehemaligen Fleischhalle dreht sich alles um Fisch und Seafood – von Austern und Muscheln bis zu modern interpretierten nordischen Fischgerichten. Die Atmosphäre ist lässig, laut und angenehm unprätentiös.
Tipp: Für Samstagabend unbedingt reservieren.
Und danach? Für Live-Musik geht es weiter zu VEGA. Das legendäre Konzerthaus besitzt mit Store VEGA, Lille VEGA und der intimeren Ideal Bar gleich mehrere Bühnen. Das Programm reicht von Indie und Alternative Rock über Pop bis Hip-Hop. Intimer geht es im Beat Café am Enghave Plads zu – Café, Bar, Plattenladen und gelegentlich Live-Musik.
Metro: København H
Sonntagmorgen
Ein Sprung ins Hafenbecken
Zum Aufwachen – wahrscheinlich war die Nacht kurz – nehmen wir den Hafenbus hinaus nach Refshaleøen, dem ehemaligen Werftgelände östlich des Zentrums. Allein die Fahrt ist ein Mini-Sightseeing vom Wasser aus.
Erster Stopp ist La Banchina, ein kleines Café unmittelbar am Hafenbecken für einen ersten oder dritten Kaffee. Direkt am Café kann man ins Hafenbecken springen – eine der Lieblingsbeschäftigungen der Kopenhagener. Und wer im Herbst oder Winter vorbeikommt? Egal: Die Dänen springen auch bei Kälte ins Wasser. Danach geht es in die hauseigene Sauna (Reservierung erforderlich).
Hafenbus: Linien 991/992
Aufstieg auf den Müllberg
Zum Abschluss wird es nochmals typisch dänisch-verrückt: Wir besteigen eine Müllverbrennungsanlage. Auf dem schrägen Dach von CopenHill befinden sich Skipisten aus Kunststoff, ein Wanderweg, eine Laufstrecke und sogar eine gewaltige Kletterwand. Der Zugang zum Wanderweg und zur Aussichtsplattform ist während der Öffnungszeiten kostenlos. Von oben weitet sich der Blick über Industrie, Hafenbecken, das historische Kopenhagen und die vielen neuen, innovativen Stadtprojekte.
Und die berühmte Kleine Meerjungfrau? Haben wir nicht gesehen. Vermisst haben wir sie auch nicht.
Farvel, København!
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