Hamlet-Premiere im Berliner Ensemble: D wie Deutschland, Dänemark und Depression

Trotz schöner Beine: Ersan Mondtags „Hamlet“ im Berliner Ensemble kommt über ein paar gute Gags, aktuelle Stichworte und ein Funkeln hier und da nicht hinaus.
Foto: Lukas Städler
Ach, Hamlet. Schöne Beine hast du ja, wirklich stramme Schenkel. Und wie du mit den Pobacken zucken kannst, das sieht man dank der freizügigen Kostüme von Josa Marx auch noch gut in Reihe neun.
Aber das mit dem vielen Koks und dem Sex im Club, das lass mal lieber sein. Du kannst doch eh schon nicht mehr schlafen, seit dein silbrig glitzender Freund Ophelia dir gesteckt hat, dass vermutlich dein Onkel Claudius deinen Vater auf dem Gewissen hat. Jetzt weißt du nicht, ob du Rache willst oder verschwinden im Rausch und im Nichts. Und so redest du und redest, rennst auf der Drehbühne treppauf und treppab, stemmst dich gegen ihr Kreisen oder lässt dich mit ihr treiben, und redest weiter und schreist auch noch. Aber hörst du dir selbst auch mal zu?
Das ist nämlich anstrengend. Das versuchen wir unten im Parkett und in den Logen des Berliner Ensembles ja. Schließlich bist du Hamlet, ein melancholischer Prinz, ein sprachmächtiger und trickreicher Poet, dessen Worte einen tief hineinführen können in ein Labyrinth der Gedanken. Nicht selten führst du uns zu den Untoten, den Gespenstern der Geschichte, den Spukgestalten unter dem Firniss des Anständigen. Aber diesmal ist es schwer, dir zu folgen, Gedanken zerplatzen wie Blasen. Konzentration, Hamlet, Konzentration, die vermissen wir.
Das ist womöglich sexistisch, an einem Hamlet (Sebastian Zimmler) mehr seine Beine als seine Sprache zu bewundern, aber die Inszenierung von Ersan Mondtag im Berliner Ensemble lädt dazu ein. Der Regisseur ist auch bildender Künstler und zeigte in der Galerie Dittrich & Schlechtriem zuletzt vielbeachtete und großformatige Reliefs und Skulpturen, die sich explizit auf homosexuelle Praktiken bezogen, vom Hunger nach Berührung und von der Angst vor der Sterblichkeit erzählten. Sein Hamlet am Berliner Ensemble benutzt eine ähnliche Bildsprache, wenn er Szenen in einen nächtlichen Club verlegt und mit Pierre Emö als Ophelia queeres Gefunkel in Shakespeares Drama streut.
Konzentration, Hamlet, Konzentration, die vermissen wir
Allein: Das bleibt eine schöne Oberfläche, die sich zu wenig mit dem Text verbindet. Der stammt nicht nur von Shakespeare, sondern auch von dem jungen Autoren (und Theatermacher) Wilke Weermann. Der hat, wie in Interviews vorher zu lesen und zu hören war, zusammen mit Ersan Mondtag viel über Hamlets Vater nachgedacht, über autoritäre Herrscher und Kriegsführer, über Söhne, die nicht zu Potte kommen und sich zurücksehnen nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit. Doch was als kritische Reflektion über die Gegenwart und ihre restaurativen Tendenzen gemeint war, krümelt etwas unverbunden durch das Shakespearsche Drama in der Inszenierung.
Aktuelle Stichworte fallen, aber kommen über einen kurzen Aha-Effekt kaum hinaus. Der Staat, in dem etwas faul ist, heißt immer nur D., wie Deutschland, Dänemark und Depression. Gertrud, Hamlets Mutter, modelt sich mit Schönheits-OPs in eine neue Frau um und spricht lieber in Fernsehkameras als mit ihrem Sohn. Sie und ihr neuer Mann Claudias markieren den Anbruch einer neuen Zeit damit, ihr Schloss dem Volk als Museum zugänglich zu machen. Hamlet heult, weil sein Kinderzimmer jetzt zum Kassenhäuschen wurde. Aber das bleiben Details, die über einen Gag nicht hinauskommen. Eher etwas gelangweilt als inspiriert folgt man so dem dreistündigen Spiel. An die Widersprüche im eigenen Denken und Handeln gelangt man so nicht – und das ist doch sonst eine Stärke von Hamlet-Aufführungen.
Das schwule Magazin Siegessäule hat sich ob der Mitwirkung von Pierre Emö als genderfluide Ophelia, auf der Bühne mehr Sohn als Tochter, schon auf die Inszenierung als einen queeren Hamlet gefreut. Dass der düstere elektronische Sound, der in den Eingeweiden von Schloß und Club grummelt, von Robert Lippok kommt, gehört auch zu den vielversprechenden Zeichen. Doch leider ist dies mal wieder der gar nicht so seltene Fall, dass eine Inszenierung nicht die Höhe der Vorberichterstattung erreicht.
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