Neue Nachtzug-Verbindung – Im 70 Jahre alten Zug von Aarau nach Brüssel

Es ist 23 Uhr am Bahnhof in Aarau. Wo der Nachtzug nach Brüssel einfahren wird, bleibt bis kurz vor Ankunft unklar. Als er schliesslich mit rund 80 Minuten Verspätung hält, wird beim Einsteigen rasch klar: Das Rollmaterial hat schon einige Reisen hinter sich. Die Waggons sind bis zu 70 Jahre alt.
Impressionen aus dem Nachtzug
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Bild 1 von 10. Zitterpartie vor der Reise. Erst kurz vor der Einfahrt in Aarau wird klar, auf welchem Gleis der Zug verkehrt – mit 80 Minuten Verspätung. Bildquelle: SRF/Harry Stitzel.
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Bild 2 von 10. Wie zu Interrail-Zeiten. Ohne viel Schnickschnack im 6er-Liegewagen. Bildquelle: SRF/Harry Stitzel.
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Bild 3 von 10. Selbstversuch im Nachtzug. SRF-Reporter Harry Stitzel testet das neue Angebot – in der Komfortklasse. Bildquelle: SRF/Harry Stitzel.
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Bild 4 von 10. Viel Patina: Die Nachtzug-Waggons haben schon einige Reisen hinter sich. Bildquelle: SRF/Harry Stitzel.
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Bild 5 von 10. Nachtzug-Reisende sind preis- und umweltbewusst. Bildquelle: SRF/Harry Stitzel.
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Bild 6 von 10. Für rund 47 Franken gibts einen Sitzplatz für die Nacht. Bildquelle: SRF/Harry Stitzel.
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Bild 7 von 10. Das optionale Frühstück ist karg – der Kaffee zum Vergessen... Bildquelle: SRF/Harry Stitzel.
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Bild 8 von 10. ....dafür die Aussicht umso schöner. Bildquelle: SRF/Harry Stitzel.
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Bild 9 von 10. Aussicht kurz vor Köln. Bildquelle: SRF/Harry Stitzel.
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Bild 10 von 10. Einfahrt in Brüssel: Die Verspätung wurde dank schnellerer Route praktisch wettgemacht. Bildquelle: SRF/Harry Stitzel.
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Das Angebot richtet sich an ein preis- und umweltbewusstes Publikum. Ein einfacher Sitzplatz kostet an diesem Tag ab 47 Franken, während ein Komfort-Liegeabteil mit rund 200 Franken zu Buche schlägt. Man teilt es mit maximal drei Personen. Die Nacht im Sechser-Liegewagen gibt es für rund 100 Franken. Die Preise variieren tagesaktuell.
Preisvergleich mit Swiss und SBB
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Folgende andere Angebote bestehen für Reisen aus der Schweiz nach Brüssel:
Direktflüge mit der Swiss von Zürich nach Brüssel kosten, weit im voraus gebucht, 190 Franken. Retourflüge kosten praktisch gleich viel, nämlich mindestens 193 Franken.
Eine Tages-Zugverbindung mit der SBB und Eurostar ab Zürich gibt es ohne Halbtax ab 70 Franken im Spartarif. Die Reise dauert rund sieben Stunden, ist allerdings mit einem Bahnhofwechsel in Paris verbunden. Die SBB testet ab Juli 2027 eine Direktverbindung von Basel nach Brüssel.
«Wir wollen eigentlich nicht so viel fliegen. Hier ist man nachts unterwegs und kann schlafen», bringt eine mitreisende Juristin die Motivation vieler Fahrgäste auf den Punkt.
Hartes Nachtzuggeschäft
Doch die Romantik des Nachtzugs trifft auf die wirtschaftliche Realität. Elmer van Buuren, Mitgründer von der Betreiberfirma European Sleeper, räumt ein: «Nachtverkehr ist wirtschaftlich viel schwieriger als Tagesverkehr. Man braucht mehr Personal, ist länger unterwegs und kann die Zugkomposition nur einmal am Tag für eine einfache Fahrt nutzen.»
Staatsbahnen wie die SBB und die Deutsche Bahn haben sich vor Jahren aus dem eigenen Nachtzuggeschäft zurückgezogen. Die SBB bietet Angebote in Zusammenarbeit mit der ÖBB. Einige geplante Verbindungen mussten jedoch wegen fehlender Subventionen gestrichen werden.
Doch warum setzt European Sleeper auf alte Wagen aus den 1950er‑Jahren? Van Buuren verweist auf hohe Hürden für private Akteure: «Es ist extrem schwierig, als kleines Unternehmen Finanzierung für moderne Züge zu finden. Uns war es wichtiger, jetzt zu starten, statt zu warten, bis alles perfekt ist.»
Warum der Halt in Zürich fehlt
Dass der Zug von Mailand nach Brüssel nicht über den Hauptbahnhof Zürich fährt, hat pragmatische und finanzielle Gründe. Zum einen verunmöglicht die Steigung in der Zürcher Durchmesserlinie die Fahrt mit nur einer Lokomotive. Und: «Ein Lokwechsel in Zürich würde zwei Lokomotiven erfordern. Da wir keine Subventionen erhalten, müssen wir extrem scharf rechnen», erklärt van Buuren. Zum anderen bestehen vor allem südlich von Zürich Kapazitätsengpässe.
«Eisenbahnnerd» will das Geschäft aufmischen
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Elmer van Buuren (43) hat sich mit der Gründung des Startups European Sleeper einen Bubentraum erfüllt. Er bringt langjährige Erfahrung im Bahngeschäft und viel technisches Fachwissen mit. Schon als Kind habe er nachts Kursbücher im Bett gelesen.
2021 gründet er zusammen mit Chris Engelsman das belgisch-niederländische Jungunternehmen European Sleeper. Dieses bietet mehrere Nachtzugverbindungen innerhalb Europas an.
Bisher finanziert sich das Unternehmen stark über Crowdfunding. Rund 10'000 Privatpersonen haben über Eigenkapital und Darlehen bereits etwa 20 Millionen Euro beigesteuert. European Sleeper schreibt noch keine schwarzen Zahlen. Bei der ersten Verbindung zwischen Brüssel und Berlin sei man aber nahe dran, so van Buuren.
Sein Ziel: In den nächsten 20 Jahren bis zu acht Verbindungen aufzubauen. Die dritte Strecke ist nun Mailand – Bellinzona – Göschenen – Arth-Goldau – Aarau – Brüssel. Sie startete am 9. September.
Verspätungen im Nachtzugverkehr seien zudem eine Realität, vor allem wegen der vielen Baustellen in Deutschland.
Ein Angebot mit «Luft nach oben»
Thomas Sauter-Servaes, Mobilitätsexperte an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), begrüsst jede neue Option im europäischen Schienenverkehr. Doch beim neuen Angebot sieht er Grenzen: «Hier wird eine Nische von Leuten bedient, die ohnehin schon Bahn fahren. Um Flugreisende auf die Schiene zu bringen, reicht dies nicht aus. Dafür braucht es neuere, sehr komfortable Züge, grössere Netze für Skaleneffekte und auch den politischen Willen zur Anschubfinanzierung sowie Vergünstigungen bei den Trassenpreisen.» Elmer van Buuren sagt dazu: «Wenn wir weiter wachsen wollen, braucht es auch neue Züge.»
Der Nachtzug erreicht Brüssel kurz vor Mittag – die Verspätung konnte durch die Wahl einer rascheren Route praktisch aufgeholt werden.
Wer sich auf den Charme vergangener Zeiten einlässt, findet im neuen Angebot eine klimafreundliche Alternative. Ob sich das private Abenteuer auf Dauer finanziell trägt, wird sich zeigen müssen.
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