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Sunday, September 27, 2026

Wirtschaftsexperte Werner Vontobel ordnet ein: «Meine Lernkurve – und wie du davon profitieren kannst»

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Wirtschaftsexperte Werner Vontobel ordnet ein

«Meine Lernkurve – und wie du davon profitieren kannst»

Gute Politik setzt ein umfassendes Verständnis für das voraus, worum es in der Wirtschaft geht. Aber wie erreicht man dieses Ziel auf wenigen Zeilen? Werner Vontobel versucht es in seiner letzten von rund 500 Kolumnen für den Blick.

Publiziert: vor 14 Minuten

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft

  • Werner Vontobel beendet seine Arbeit als Kolumnist für Blick
  • Er kritisiert Marktversagen bei Arbeitszeit, Bodenrenten und Gesundheitspolitik
  • 540'000 Beschäftigte im Gesundheitssektor, Kosten von über 100 Milliarden Franken jährlich

Was ich in den vergangenen fast 20 Jahren für SonntagsBlick, Blick und Blick am Abend aufgeschrieben habe, ist der zu Buchstaben gewordene Versuch, möglichst viele Menschen auf die Lernkurve mitzunehmen, auf der ich seit meinem Studium der Ökonomie in Basel schlauer geworden bin.

Die erste Erkenntnis reifte schon früh: Anders als es im Lehrbuch steht, ist Arbeit und die damit verbundene soziale Einbettung kein reiner Kostenfaktor, sondern ein rares Gut. Um den Markt im Gleichgewicht zu halten, darf man deshalb nicht die Löhne kürzen – so wie dies etwa Deutschland mit der Agenda 2010 gemacht hat. Stattdessen hätten man den politischen Prozess der Arbeitszeitverkürzung fortsetzen müssen. Das war Stoff für Hunderte Texte und Kolumnen.

Zweite Erkenntnis: Wer über Ökonomie nachdenkt, darf nicht im Getümmel des Markts steckenbleiben, sondern muss über das hinausgehen, was sich in Geld ausdrücken lässt. Und das bedeutet, die Bedarfswirtschaft mitzudenken – die man auch einfach unbezahlte Arbeit nennen kann. Beide, die Geldwirtschaft und die Bedarfswirtschaft, ergänzen sich, konkurrieren aber auch miteinander. Wenn Wirtschaftspolitik tatsächlich wirksam werden und eine Gesellschaft zum Besseren verändern soll, muss sie deshalb mit dem Nachdenken über den optimalen Mix von Markt- und Bedarfswirtschaft beginnen.

Geschehen ist das Gegenteil

Der Markt hat sich laufend zulasten der Bedarfswirtschaft ausgedehnt, man könnte auch sagen: auf ihre Kosten. In den vergangenen Jahrzehnten haben flexible Arbeitszeiten, lange Arbeitswege und fortschreitende Gentrifizierung die Betriebsstätten dieses nicht von Geld und Profit abhängigen Wirtschaftssektors geschwächt, also Familien, Freundeskreise und Nachbarschaften.

Mit der Folge, dass Aufgaben wie die Pflege von Angehörigen oder die Betreuung von Kleinkindern mit hohem Aufwand zunehmend verstaatlicht und kommerzialisiert worden sind. Ein Kind in der Kita kostet pro Monat gut 2500 Franken. Die Stunde Betreuung eines Angehörigen wird vom Staat mit 37 Franken vergütet. Dazu kommen noch 43 Franken für die Spitex. Das alles stemmt letztlich der Steuerzahler.

Gelernte Ökonomen verwechseln das Bruttoinlandsprodukt in der Regel mit Wohlstand. Dabei trägt vieles, was zum BIP gerechnet wird, also etwas kostet, gar nichts zur Bedürfnisbefriedigung bei: Werbung, die enorm aufgeblähte Finanzwirtschaft, der Transportsektor etc. Und wo der Markt tatsächlich Grundbedürfnisse abdeckt, wie beim Wohnen und der Gesundheit, arbeitet er äusserst ineffizient.

Nur ein Beispiel: Weil Bauland einen Marktpreis hat, entfallen inzwischen rund 50 Prozent der Wohnkosten auf die Bodenrente, den Preis für das Grundstück, auf dem das Wohnhaus steht. Nach meinen Berechnungen werden auf diese Weise jährlich mindestens 80 Milliarden Franken an die Bodenbesitzer umverteilt. Manche Studien, zum Beispiel die der Kalaidos Fachhochschule Schweiz, rechnen sogar mit deutlich höheren Kosten. Die meisten Medien haben diesen Gedanken jedoch nie aufgenommen.

Auch punkto Gesundheit setzt der Markt falsche Anreize

Der medizinisch-industrielle Komplex lebt davon, dass Menschen möglichst lange und teuer verarztet werden müssen. Statt durch Vorsorgemassnahmen und Anpassungen des Lebensstils werden Krebs, Demenz, Übergewicht oder Diabetes mit Medikamenten behandelt, die man möglichst bis ans Lebensende einnehmen soll. Die unvermeidlich auftretenden Nebenwirkungen werden dann mit weiteren Medikamenten behandelt.

Aktuell beschäftigt der Gesundheitssektor in der Schweiz etwa 540'000 bezahlte Mitarbeiter und kostet gut 100 Milliarden Franken. Mit jährlich 3,5 bis 3,9 Prozent Zuwachs steigen diese Kosten rund dreimal so schnell wie das BIP. In meinen Kolumnen habe ich darauf hingewiesen, dass wir diese Kosten mit einer anderen, vorbeugenden Gesundheitspolitik (etwa durch eine bessere Versorgung mit Vitamin D) pro Jahr um einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag senken könnten. Andere Medien haben dieses Thema weitgehend vermieden.

Und noch etwas ist mir in all diesen Jahren klar geworden: Dass die Marktwirtschaft im Zeitalter des Standortwettbewerbs nur noch zu einem Bruchteil so funktioniert, wie ich es an der Universität gelernt habe: Als Wettbewerbswirtschaft, in der gewinnt, wer ein Produkt oder eine Dienstleistung mit dem geringsten Aufwand an Arbeit, Energie und Material produziert. Zwar ist das im Binnenmarkt, wo Einheimische für Einheimische arbeiten, noch der Fall. Dort entsprechen die Löhne weitgehend der gesamtwirtschaftlichen Produktivität. Zudem sorgen Wettbewerb und Staat für eine halbwegs gerechte Verteilung der Einkommen.

Im Standortwettbewerb hingegen gewinnt derjenige, der in den globalen Wertabschöpfungsketten die fetten Glieder wie Werbung, Finanzen, Forschung oder Konzern-Zentralen besetzt und dabei von tiefen Lohnkosten im Ausland profitiert.

Wer diese Lernkurve nicht mitgenommen hat ...

Das ermöglicht Löhne und Gewinne, die weit über dem Niveau des Binnenmarkts liegen. Allerdings existieren Binnenmarkt und Exportwirtschaft nicht in getrennten Welten, sondern beanspruchen dieselben knappen Ressourcen. Auf den Immobilienmärkten führt diese Konkurrenz zu den oben erwähnten Umverteilungen und zur Spaltung der Gesellschaft – wie an den Konflikten rund um die Gentrifizierung von Stadtteilen und ganzen Städten abzulesen ist.

Wer diese Lernkurve nicht genommen hat, glaubt auch heute noch, dass höheres Angebot die Preise senkt. Also muss mehr gebaut werden, Einsprachen müssen erschwert, Bewilligungen erleichtert werden – alles nach dem Motto: Der Markt wird es schon richten. Wer dieses Mantra verbreitet, geht auch davon aus, dass wir unseren Wohlstand nur durch anhaltendes Siegen im Standortwettbewerb sichern können.

Leute, die noch immer so argumentieren, gehören wahrscheinlich zu der kleinen, einflussreichen Minderheit in unserem Land, die von diesem kollektiven Halbwissen profitiert … Oder sie haben meine Kolumnen nicht gelesen.

Nach vielen Jahren bei Cash und SonntagsBlick startete Werner Vontobel im Juni 2008 seine wöchentliche Kolumne «Geld oder mehr» im Blick am Abend. Schon damals ging es um eine umstrittene Kapitalerhöhung der UBS. Ab März 2020 hiess seine Kolumne «Vontobel ordnet ein». Mit diesem Text verabschiedet sich deren Autor als freier Mitarbeiter des Blicks. Wer sich weiterhin für seine Themen interessiert, findet Werner Votobels Texte auf dem Online-Gratisportal infosperber.ch.

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