Kunst als Streitfall – Kommission für historisch belastetes Kulturerbe nimmt Arbeit auf

Über Kunst wird gestaunt – und gestritten. Die von alt Bundesrätin Simonetta Sommaruga präsidierte Kommission soll schlichten.
30.09.2026, 15:35
Die Sammlung Bührle zeigt: Kunst kann zum Streitfall werden. Debattiert wird über die Herkunft der Bilder und darüber, wie die Sammlung zustande kam. Wurden einzelne Werke von den Nazis geraubt, mussten sie unter Zwang verkauft werden?
Diese Diskussionen führten indirekt dazu, dass der Bund eine Kommission ins Leben gerufen hat, die solchen Fragen nachgehen soll. Vor einem halben Jahr wurde sie gegründet. Nun trat sie erstmals vor die Öffentlichkeit.
Keine Empfehlung bei Cézanna-Aquarell
Für Schlagzeilen sorgte dieses Frühjahr auch ein Aquarell des französischen Malers Paul Cézanne. Das Werk war in einer Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen als Leihgabe zu sehen. Das Bild ist in US-amerikanischem Privatbesitz. Bis heute ist nicht restlos geklärt, ob das Werk, das mehrmals den Besitzer wechselte, einem jüdischen Sammler unrechtmässig weggenommen wurde, oder ob er es unter Zwang verkauft hatte.
Die Schweiz war während des Nationalsozialismus ein sehr wichtiger Handelsplatz für Kunst und Kulturgüter.
Eine Frage, mit der sich die neu geschaffene Kommission beschäftigen sollte. Im konkreten Fall gab sie aber keine Empfehlung ab, da sie die Arbeit zum Zeitpunkt der Diskussion noch nicht aufgenommen hatte.
Der Fall sei jedoch etwas speziell, sagt der Vizepräsident der Kommission, der Basler Rechtswissenschaftler Felix Uhlmann. «Aber wenn ein vergleichbarer Fall kommt, wird sich die Kommission selbstverständlich ansehen, ob sie dafür zuständig ist.»
Besonderer Fokus auf NS-Raubkunst
Aber was könnte denn ein typischer Fall sein? Die Kommission wird sich mit zwei Themen beschäftigen: einerseits mit Kulturgütern, deren Herkunft oder Eigentumsverhältnisse im Kontext des Nationalsozialismus strittig sind.
Hier habe die Schweiz eine besondere Verantwortung, sagt die Präsidentin der Kommission, Simonetta Sommaruga. «Die Schweiz war während des Nationalsozialismus ein sehr wichtiger Handelsplatz für Kunst und Kulturgüter», so die alt Bundesrätin. «Deshalb suchen wir den Kontakt zu den Museen, um womöglich zusammen Standards und Sorgfaltspflichten zu erarbeiten.»
Andererseits beschäftigt sich die Kommission mit Kulturgütern, die im Kontext des Kolonialismus stehen. Hier hat sie auch ein erstes konkretes Projekt gestartet, bei dem es um menschliche Überreste wie Schädel oder Skelette geht, die zum Teil auf fragwürdige Weise in Schweizer Sammlungen gekommen sind.
«Einzigartiges» Doppelmandat
Laut Sommaruga ist das Doppelmandat einzigartig in Europa. Die Schweiz habe einen mutigen und weitsichtigen Entscheid gefällt. «Mutig ist der Entscheid, weil für kolonial belastetes Kulturerbe viele Fragen noch offen sind. Und weitsichtig ist er, weil Fragen zu kolonialen Kontexten zunehmend an Bedeutung gewinnen.»
Eine wichtige Aufgabe der Kommission wird die Beratung von Bundesrat und Verwaltung sein. Denn historisch belastetes Kulturerbe ist nicht nur im Besitz von Museen. Solche Exponate sind auch in Sammlungen des Bundes zu finden. Ein Wermutstropfen mag sein, dass die Kommission nur empfehlen, aber nicht im Sinne eines Gerichts entscheiden kann.
SRF-Kulturexperte Stefan Zucker glaubt aber, dass das Gremium trotzdem Gewicht haben wird: «Wenn die Kommission eine Empfehlung abgibt, ist der Druck relativ gross, eine Lösung zu finden.» Die Kommission soll zudem eine vermittelnde Rolle einnehmen und damit dazu beitragen, dass in der Schweiz das Bewusstsein für Kulturgüter steigt, die möglicherweise unrechtmässig erworben wurden.
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