Millionen Krebsfälle liessen sich vermeiden – und das einfach

- Rund jeder achte Krebsfall weltweit steht mit einer früheren Infektion in Verbindung.
- Fünf Erreger verursachen den Grossteil dieser infektionsbedingten Krebsfälle.
- Impfungen, Tests und Behandlungen könnten viele dieser Erkrankungen verhindern.
Krebs: Die Diagnose ist für Betroffene und Angehörige jeweils ein Schock. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO erhalten jedes Jahr rund 20 Millionen sie. Tendenz steigend. Dabei wären mehr als ein Drittel der Fälle durch individuelles Verhalten vermeidbar, wie Forschende Anfang 2026 berichteten (siehe Box). Eine neue Studie zeigt nun, dass rund jeder achte Krebsfall mit einer früheren Infektion in Verbindung steht.
Wer hierauf verzichtet, senkt sein Krebsrisiko deutlich
In Kombination mit regelmässigen Vorsorgeuntersuchungen kann die Vermeidung solcher Risikofaktoren allein das Darmkrebsrisiko deutlich senken. Acht von zehn Fällen lassen sich so laut Unispital Zürich verhindern.
2,3 Millionen Krebsfälle hängen mit Infektionen zusammen
Laut dem Team um Harriet Rumgay von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (Iarc) in Lyon waren im Jahr 2024 «schätzungsweise 2,3 Millionen neue Krebsfälle weltweit auf Infektionen zurückzuführen, was 12 Prozent aller Krebsfälle entspricht.» Insgesamt identifizierten die Forschenden zwölf Erreger, darunter Viren, ein Bakterium, aber auch Parasiten wie Egel und Würmer. Die meisten infektionsbedingten Krebsfälle wurden durch nur fünf Erreger verursacht:
- Der Magenkeim Helicobacter pylori stand in der Studie mit vier Prozent der Krebsdiagnosen im Zusammenhang (rund 760’000 Fälle). Er ist als Ursache für chronische Gastritis und Magengeschwüre bekannt.
- Für weitere vier Prozent war das humane Papillomavirus, kurz HPV, verantwortlich (etwa 750’000 Fälle). HPV sind die häufigsten sexuell übertragenen Viren weltweit. Rund 70 bis 80 Prozent aller sexuell aktiven Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mindestens einmal. Die Impfung hilft.
- Hepatitis B ist eine hochansteckende und durch das Hepatitis-B-Virus ausgelöste Entzündung der Leber. In der Studie stand sie mit zwei Prozent der Krebsfälle in Verbindung (rund 360’000 Fälle).
- Ebenfalls zu den häufigsten fünf zählt das Epstein-Barr-Virus (etwa 260’000 Fälle). Es gilt als Herpesvirus, das bei Jugendlichen und Erwachsenen das Pfeiffersche Drüsenfieber auslösen kann.
- Das Hepatitis-C-Virus war laut der Studie für ein weiteres Prozent der neuen Krebsdiagnosen im Jahr 2024 verantwortlich (rund 160’000 Fälle).
Diese Infektionen können mehr als 20 verschiedene Krebsarten auslösen, darunter Magen-, Leber-, Blut- und Gebärmutterhalskrebs. Die neuen Daten unterstrichen die Bedeutung der Infektionskontrolle für die Krebsprävention, so das Team im Fachjournal «The Lancet Oncology».
Wie können Infektionen Krebs begünstigen?
Je nach Erregertyp kann das unterschiedlich verlaufen: So können manche Viren die Kontrolle über Zellteilung und Zelltod stören. Dadurch steigt das Risiko, dass infizierte Zellen unkontrolliert wachsen, wie die Krebsspezialisten Sarah Diepstraten und John La Marca auf Theconservation.com schreiben. Dies kann auf drei Arten geschehen:
- Schutzmechanismen ausschalten: Viren können Proteine wie p53 oder RB hemmen, die normalerweise geschädigte Zellen stoppen oder in den programmierten Zelltod schicken.
- Erbgut der Wirtszelle verändern: Wenn virale DNA in das Erbgut der Zelle eingebaut wird, können wichtige Gene zur Kontrolle von Zellteilung oder Zelltod beschädigt werden.
- Krebsfördernde Gene mitbringen: Einige Viren tragen eigene Gene, sogenannte Onkogene, die das Zellwachstum direkt anregen können.
Bei Bakterien und Parasiten verläuft die Schädigung indirekter: Bei einer langfristigen, chronischen Infektion wird das betroffene Gewebe dauerhaft belastet. Anhaltende Entzündungen können das Gewebe zusätzlich schädigen. Bei der fortlaufenden Reparatur müssen sich Zellen besonders häufig teilen. Dabei können Schäden am Erbgut entstehen oder Fehler bei der Zellteilung auftreten. Solche Veränderungen können Mutationen verursachen und damit langfristig die Entstehung von Krebs begünstigen.
Deutliche geografische Unterschiede
Die Studie zeigt zudem erhebliche geografische Unterschiede auf: So entfallen 42 Prozent der durch Infektionen verursachten Krebserkrankungen auf Ostasien. Dabei handelt es sich hauptsächlich um durch das Bakterium Helicobacter pylori und das Hepatitis-B-Virus ausgelöste Erkrankungen. Auch in Subsahara-Afrika war die Belastung besonders hoch, «angetrieben durch etwa HPV und verschärft durch HIV», so das Iarc. Mehr als drei Viertel der infektionsbedingten Krebserkrankungen seien in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen aufgetreten, wo der Zugang zu Prävention und Behandlung weiterhin ungleich ist.
Welchen Schutz vor infektionsbedingten Krebsarten nimmst du am ehesten wahr?
Viele Krebserkrankungen wären vermeidbar
Die neue Studie beinhaltet auch gute Nachrichten: Sie zeigt, dass viele Krebserkrankungen vermeidbar sind. «Die meisten infektionsbedingten Krebserkrankungen können bereits durch gut etablierte Massnahmen der öffentlichen Gesundheit verhindert werden», so das Team.
Dazu zählten Impfungen gegen HPV und HBV, Tests und Behandlungen für H. pylori und Virushepatitis, HIV-Prävention und -Versorgung sowie Screening-Programme für HPV-bedingte Krebserkrankungen. Diese Massnahmen würden jedoch in vielen Teilen der Welt wegen anhaltender finanzieller, politischer und gesundheitssystembezogener Hindernisse noch zu wenig genutzt.
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Wie wirkungsvoll die Vorbeugungsmassnahmen sein können, zeigt etwa der Blick auf Australien und Grossbritannien: In beiden Ländern sind die HPV-Infektionszahlen und damit zusammenhängende Gebärmutterhalskrebsfälle massiv zurückgegangen, seitdem es die Impfung gibt (siehe folgende Bildstrecke).
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Fee Anabelle Riebeling (fee) arbeitet seit 2014 für 20 Minuten. Sie ist stv. Leiterin Wissen/AI, Data und Leiterin des Fachgremiums Faktencheck & Verifikation.
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