Unabomber warnte 1995 vor Technik – 4 Parallelen zu KI-Warnungen

- Der Netflix-Thriller «Unabomber» erzählt die Geschichte von Ted Kaczynski, der zwischen 1978 und 1995 in den USA drei Menschen tötete und 23 verletzte.
- Kaczynskis Thesen über Kontrollverlust, Systemabhängigkeit und Machtkonzentration weisen Parallelen zu heutigen KI-Debatten auf.
- Der «AI Safety Report 2026» diskutiert ähnliche Risiken – betont aber, dass heutige KI-Systeme noch nicht unkontrollierbar sind.
Am Freitag ist der Psycho-Thriller «Unabomber» weltweit auf Netflix gestartet. Der Film erzählt die wahre Geschichte von Ted Kaczynski, der zwischen 1978 und 1995 in den USA eine Serie von Bombenanschlägen verübte. Drei Menschen wurden getötet, 23 weitere verletzt.
Im Juni 1995 sandte Kaczynski sein rund 35’000 Wörter langes Manifest «Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft» anonym an die «New York Times» und die «Washington Post». Darin argumentierte der Mathematiker und frühere Professor an der University of California, der technologische Fortschritt sei eine Katastrophe für Mensch und Natur.
Kaczynski war ein früher und radikaler Kritiker technologischer Entwicklung. Einige seiner Kernthesen weisen inhaltliche Berührungspunkte mit heutigen Debatten über die rasante Verbreitung künstlicher Intelligenz auf.
Diese Parallelen beziehen sich ausschliesslich auf einzelne Argumentationslinien – nicht auf seine Ideologie oder seine Verbrechen. Ein Überblick:
Abhängigkeit von grossen Systemen und Experten
In seinem Manifest beschreibt Kaczynski, wie Individuen in immer mehr Lebensbereichen die Kontrolle verlieren könnten. Technologische Systeme würden zunehmend komplexer; deshalb müssten Menschen immer mehr Entscheidungen an Maschinen und spezialisierte Institutionen delegieren. Im Extremfall, so seine These, könne daraus eine Abhängigkeit entstehen, die ein Abschalten des Systems praktisch unmöglich mache.
Hier zeigt sich eine Parallele zu heutigen KI-Warnungen. Der «AI Safety Report 2026» diskutiert sogenannte «Loss-of-Control»-Szenarien: Künftige KI-Systeme könnten autonom handeln, menschliche Aufsicht umgehen oder sich Abschaltversuchen widersetzen. Anders als Kaczynski hält der Bericht jedoch fest, dass heutige Systeme dazu noch nicht ausreichend fähig sind. Zudem gehen die Einschätzungen von Fachleuten zur Wahrscheinlichkeit solcher Szenarien weit auseinander.
Das unkontrollierbare «System»
Kaczynski verstand moderne Technologie nicht als Summe einzelner Werkzeuge, sondern als umfassendes, in sich geschlossenes System. Wie eine Studie aus 2021 («The Unabomber and the origins of anti-tech radicalism») schreibt, strebe dieses fortlaufend nach Effizienz, entziehe sich dadurch der menschlichen Kontrolle und lasse sich seiner Ansicht nach nicht durch Reformen korrigieren.
Eine ähnliche, wenn auch weniger radikale Sorge findet sich in heutigen KI-Debatten: KI wird zunehmend in Arbeit, Kommunikation und Entscheidungsprozesse eingebunden. Der Sicherheitsbericht verweist etwa auf systemische Risiken einer breiten KI-Nutzung und auf die Abhängigkeit zahlreicher Bereiche von wenigen Modellen. Die Gemeinsamkeit liegt nicht in einer grundsätzlichen Ablehnung von Technologie, sondern in der Beobachtung, dass technische Systeme Abhängigkeiten schaffen und individuelle Handlungsspielräume einschränken können.
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Verlust von Freiheit und Anpassung an die Maschine
Kaczynski vertrat die Ansicht, das technologische System zwinge Menschen dazu, sich den Anforderungen von Maschinen und Grossorganisationen anzupassen – statt dass Technik den Bedürfnissen der Menschen diene. Dies untergrabe die Autonomie des Einzelnen und bedrohe die persönliche Freiheit.
Auch aktuelle Warnungen im Zusammenhang mit KI greifen einen verwandten Gedanken auf. Wenn Menschen Entscheidungen und Denkaufgaben regelmässig an KI delegieren, können «Automation Bias» und ein Verlust bestimmter Fähigkeiten entstehen. Der «AI Safety Report 2026» beschreibt damit die Tendenz, Vorschlägen, Berechnungen oder Entscheidungen automatisierter Systeme zu stark zu vertrauen und das eigene Urteilsvermögen zurückzustellen.
Machtkonzentration bei wenigen Akteuren
In seinem Manifest argumentierte Kaczynski, dass das moderne Industriesystem zwangsläufig zu einer starken Konzentration von Macht bei Grossorganisationen führe – etwa Regierungen, Konzernen, technischen Spezialisten und bürokratischen Institutionen.
Auch die heutige KI-Risikoforschung beschäftigt sich mit dieser Frage. Die Entwicklung leistungsfähiger Modelle erfordert enorme Rechenkapazitäten, Kapital, Daten und Fachwissen. Dadurch sind nur wenige Unternehmen in der Lage, solche Systeme zu entwickeln und zu betreiben. Der internationale Sicherheitsbericht nennt die «Concentration of Power» deshalb ausdrücklich als gesellschaftliche Herausforderung. Beide Perspektiven teilen die Sorge, dass technischer Fortschritt Macht nicht automatisch breiter verteilt, sondern sie auch weiter zentralisieren kann.
Karin Leuthold (kle), Jahrgang 1968, arbeitet seit 2005 für 20 Minuten und ist derzeit am Newsdesk tätig.
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