Ausstellung über Susanne Kerckhoff: Sonst ist alles Lüge

„Die Nachkriegszeit in ihrer Fragwürdigkeit“: Eine Ausstellung im Mitte Museum in Berlin widmet sich Leben und Werk der kommunistischen Schriftstellerin Susanne Kerckhoff.
Viel Materielles ist nicht geblieben vom Leben der kommunistischen Schriftstellerin Susanne Kerckhoff. Zwei Glaskästen mit Dokumenten und Pässen sowie Erstausgaben von Kerckhoffs Büchern sind im Mitte Museum in Berlin aufgestellt, den meisten Raum nehmen darin jedoch Zeitungsausschnitte ein.
Susanne Kerckhoff beging 1950 im Alter von nur 32 Jahren Suizid, und wem der anzulasten war, darüber gingen die Meinungen auseinander. Die westlichen Zeitungen berichteten von politischem Druck, Kerckhoff wolle sich durch den Suizid einer bevorstehenden „Säuberungsaktion“ der SED entziehen, wusste das St. Galler Tageblatt, im noch jungen Spiegel verwies man auf den Halbbruder, der ebenfalls einen „Nervenknacks“ habe.
Richtig ist, dass Kerckhoff unter den Genoss:innen aneckte, die SED in einem Rundschreiben die „schwankende ideologische Haltung“ Kerckhoffs kritisierte. Doch ausschlaggebend für den Suizid dürften auch persönliche Gründe gewesen sein. Kerckhoff wurde von einem westdeutschen Gericht das Fürsorgerecht für ihre Kinder abgesprochen, der Verweis auf politische Beweggründe sei eine „infame Lüge“, schrieb das Neue Deutschland.
Die Ausstellung
„Lang ist es nicht her. Und jetzt ist es soweit. Susanne Kerckhoff“. Mitte Museum Berlin, bis 21.2.2027
Gestützt wird diese Sicht vom Ex-Mann der Verstorbenen, der in der Berliner Zeitung darlegte, dass diese unter der Trennung von ihren Kindern „unsagbar schwer gelitten“ habe, sowie von Freunden der verstorbenen Schriftstellerin, die sich offenbar genötigt sahen, aus persönlichen Abschiedsbriefen Kerckhoffs zu zitieren: „Die Ursache, die im wesentlichen meinen Selbstmord bewirkt, ist der Verlust meiner Kinder. Meine letzten Gedanken gelten, trotz meiner persönlichen Schwäche, ganz allein dem Gedeihen der Deutschen Demokratischen Republik, der ich stärkere und fähigere und tapferere Menschen wünsche als ich es bin“ (Stuttgarter Volksstimme). Ob nun der Brief wiederum echt war?
Vergessen wird man nicht einfach so
Susanne Kerckhoff, an deren Wiederentdeckung die Ausstellung im Mitte Museum mitwirken will, zählt zu den vergessenen Schriftstellerinnen. Die altbekannte Problematik des Aktiv und Passiv: Preise steigen nicht, sondern werden erhöht, und auch vergessen (gemacht) wird man zumeist nicht einfach so. Wahrscheinlich war das kurze Leben Susanne Kerckhoffs, waren ihre Positionen zu ambivalent, um eindeutig in den west- oder ostdeutschen Literaturkanon eingegliedert zu werden. Zu kompliziert – anscheinend bis heute. Erinnert sei hier etwa an die Debatte um die Neuauflage von Kerckhoffs „Berliner Briefen“, die es 2020 bis ins Literarische Quartett schaffte und die, zumindest laut der Germanistin Ines Geipel, der „hoch widersprüchlichen“ Kerckhoff als politischer Person nicht gerecht werde.
Doch was war denn eigentlich so kompliziert, so widersprüchlich? Susanne Kerckhoff war Kommunistin und SED-Mitglied. Geboren und aufgewachsen in bürgerlichen Verhältnissen, hatte sie sich schon während der Schulzeit der Sozialistischen Arbeiterjugend angeschlossen. Während der NS-Zeit blieb sie, mittlerweile Mutter, im Land, konnte sogar weiterhin schriftstellerisch arbeiten, versteckte jedoch Juden und Jüdinnen.
Die Schrecken der Nazizeit beschäftigten sie nachhaltig. Kerckhoff, die später Feuilletonchefin der Berliner Zeitung wurde, ging es auch um die Aufarbeitung der Schuld, die in der DDR zugunsten des neuen, kommunistischen Staatsprojekts weitgehend ausblieb, und unter der paradoxerweise die Aufrechten mehr zu leiden schienen als die Täter. „Die Nachkriegszeit in ihrer Fragwürdigkeit macht so kaputt“, wird die Schriftstellerin in der Ausstellung zitiert. „Es ist sehr sonderbar und tragisch, wie im heutigen Deutschland die Antifaschisten am meisten leiden, während die Nazis und Mitläufer wieder munter umherplätschern – es sind eben die Menschen, denen es so leicht fällt, sich zu akklimatisieren.“
L’art pour l’art ist nicht mehr zeitgemäß
Die Ausstellung in Berlin arbeitet vor allem mit Texttafeln zu Kerckhoffs Leben und Werk. Exponate gibt es wenige, aber immerhin einige Tonaufnahmen. So hören wir Kerckhoff auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress 1947, wo sie die Notwendigkeit betont, sich auch als Künstler:in politisch zu positionieren. L’art pour l’art hält sie für nicht zeitgemäß, man dürfe den Punkt nicht verpassen, wo man sich einschalten muss, sonst „ist alles Lüge“.
Man denkt überhaupt viel nach über Wahrheit und Lüge, im Kontext der Ausstellung, nicht nur in der Deutung von Kerckhoffs Tod. Vor allem beim Lesen ihrer Porträts, die sie unter dem Titel „Menschen unserer Zeit“ in der Nachkriegszeit in der Berliner Zeitung veröffentlichte. Das sind sehr gute Texte, die die Schuldfrage noch mal anders beantworten, indem sie sie nämlich offen lassen.
In „Eine Inge aus Hamburg“ etwa skizziert Kerckhoff das Leben einer jungen Frau. Rümpften über sie und den Beruf ihres Vaters zu Kindertagen die Nachbarn noch die Nase, worüber „unsere Inge“ bittere Tränen vergoss, so wendete sich das Blatt, als der Vater Sturmführer wurde. Nach dem Krieg ist all das wieder dahin, „unsere Inge“ arbeitet für einen britischen Kommandanten, der sie dann jedoch sitzen lässt und für ihre Entlassung sorgt. Desillusioniert sehnt sich Inge zurück in eine Zeit, in der noch Ordnung herrschte: „Sie ist auf dem Wege nach rückwärts – eine bildsame, junge Deutsche, nicht gut und nicht schlecht“. Kerckhoff traut sich, zu differenzieren: Man muss kein Verständnis für etwas haben, um es dennoch zu verstehen.
Kerckhoffs Figuren sind ausgedachte. Was sie beschreibt, hat sich so nicht zugetragen, ist nicht wahr, im strengen Wortsinne, bedarf aber keines Hinweises, denn wenn man liest, weiß man: Es ist richtig. Seltsam eigentlich, was da vorausgesetzt wird, waren die Zeitungen doch nur wenige Jahre zuvor voll der Unwahrheiten, voller angeblicher Kriegsgewinne, denen Glauben zu schenken stetig schwerer fiel, je mehr Bomben vom Himmel fielen.
Auch heute, in unserer Zeit, die mitunter als post-truth bezeichnet wird, hat man zur Wahrheit ein durchaus angespanntes Verhältnis. Was als wahr gilt, ist nicht nur unwahr, es ist viel schlimmer: Es ist egal. Vielleicht täte ein bisschen mehr Fiktion, Unwahres aber Wahrhaftiges, uns allen dieser Tage doch ganz gut.
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