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Wednesday, October 28, 2026

Alkoholabstinenz: Meine wahren Farben

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Als 14-Jährige hat unsere Autorin ihren ersten Vollrausch, von da an spielt Alkohol eine große Rolle. Mit Anfang 30 hört sie auf – und lernt sich seitdem kennen.

E s hämmert. Nicht, wie wenn jemand einen Nagel in die Wand schlägt. Das Gefühl gleicht einem Presslufthammer, der durch Beton bohrt und auf Stahl stößt. Es wummert, trifft es vielleicht besser. Die Augen wollen nicht aufgehen oder sind sie es schon? Egal ob zu oder auf, es ist zu hell. Dabei sind die Vorhänge zugezogen.

Am liebsten würde ich die Augäpfel rausnehmen. Vielleicht würde der Schmerz, der hinter ihnen beginnt und die gesamte innere Schädeldecke wie dünnes Eis zu überziehen scheint, dann aufhören. Oder wenigstens weniger werden.

Mit geschlossenen Augen taste ich nach dem Handy auf dem Nachttisch, blinzle auf den Bildschirm. Es dauert einen Moment, bevor ich die Zahlen zuordnen kann, bevor sie mehr sind als eine Aneinanderreihung von Pixeln.

9.06 Uhr, meine Augen reißen von ganz alleine auf. FUCK!

In neun Minuten sollen wir im Hotelfoyer aufschlagen. Abfahrt 9.20 Uhr. Mein Körper schnellt in die Höhe und die Eisdecke in meinem Schädel knackst. Klo, jetzt!, befielt das Brechzentrum, noch bevor die Eisdecke reißen kann. Bevor mein Magen all das, was ich mir gestern hinter die Binde gekippt habe, auf schnellstem Wege retourniert.

Seit diesem Tagebucheintrag, verfasst im April 2022 in einem Hotelzimmer in Barcelona, trinke ich keinen Alkohol mehr. Immer wieder versuche ich, darüber zu schreiben. Nie finde ich Worte, die das, was mich mit dem Alkohol verband, adäquat zusammenfassen.

2023 schreibe ich etwa: Ein Jahr ist es her, dass ich aufgehört habe. Aufgehört, mir etwas vorzumachen, aufgehört, alles an mir zu kritisieren, aufgehört, jemand sein zu wollen, der ich vielleicht nie war. Seitdem geht es mir besser. Nicht immer gut, aber merklich besser, und das ist doch schon was.

Das ist tatsächlich etwas, ein erheblicher Fortschritt sogar. Und doch ist es fragil, dieses Gefühl, das mir ein neues und doch nicht unbeirrbares Selbstbewusstsein verleiht. „Pink Cloud“ nennt man diesen Zustand. Er tritt ein, wenn man aufhört, zu konsumieren, was einen abhängig hat werden lassen. Für mich ist das vor allem Alkohol, denke ich zu dieser Zeit. Erst viel später lerne ich, dass sich meine Abhängigkeit an so viel mehr Stellen zeigt: Beziehungen, Marihuana, Zigaretten, Shopping – sie ist etwas, das ich stets in mir trage.

Irgendwo zwischen dem zweiten und dritten Glas kippt etwas: Ich bin lauter. Ich bin leichter

Als „irreführend und passend zu gleich“ beschreibt der Autor Daniel Schreiber die sogenannte „Pink Cloud“ in seinem literarischen Erfahrungsbericht „Nüchtern“. In den meisten Fällen sei diese Anfangszeit der Nüchternheit überraschend schön, stellt er rückblickend fest. In Wahrheit aber gehe man durch eine lange Phase extremer Stimmungsschwankungen. Von Verwirrung geprägt, wolle man in diesen Wochen und Monaten gar nicht trinken, „die neuronalen Verbindungen aber, über Jahre geformt, funktionieren weiter und sorgen für eine Art mentale Entzugserscheinung“.

Tatsächlich passt sich das Gehirn bei regelmäßigem Alkoholkonsum an dessen dämpfende Wirkung an: Das Gleichgewicht zwischen hemmenden und anregenden Botenstoffen verschiebt sich, das Belohnungssystem verändert sich. Fällt der Alkohol weg, muss sich das Gehirn erst wieder neu regulieren. Ein weiterer Grund für die anfängliche Euphorie kann der Kontrast sein: Der Kopf wird klarer, Schlaf und Energie verbessern sich, und die Tatsache, den Alkoholkonsum wirklich stoppen zu können, sorgt für ein starkes Gefühl von Erleichterung und Kontrolle. Leider ist das Gefühl meist nicht von Dauer, bei mir hält es einige Monate an.

Ich fühle mich in dieser Zeit leicht und stark zugleich. Das kannte ich nicht mehr. Leicht und stark zugleich fühlte ich mich zuletzt als Kind: beim Schwimmenlernen, als die Stützräder wegfielen, oder beim Reiten, wo mich das Einswerden mit dem Pferd beflügelte, während ich doch eine gewisse Kontrolle behielt. Ohne Alkohol kommt dieses Gefühl zurück. Ich schwimme wieder, in Seen und durchs Leben, und ich laufe, weil die Bewegung mir hilft, meine Ängste zurückzuhalten.

Im August 2024 schreibe ich in mein Tagebuch: Zwischen diesen und den letzten Zeilen liegen wieder 16 Monate und ich habe mich selbst weiter angenähert. Nicht alles war in dieser Zeit positiv, vieles sogar sehr schmerzhaft.

In der Anfangszeit bin ich sehr vulnerabel, ohne es so zu empfinden. Unterdrückte Ängste und Glücksgefühle wollen gleichzeitig an die Oberfläche, und obwohl ich mich leicht fühle, weine ich viel.

Will ich das? Eine wirklich gute Frage

Ich lerne jemanden kennen, wir verabreden uns bei mir. Aber irgendetwas stimmt nicht. Als ich noch Alkohol trank, und in den Kennenlernphasen war es oft nicht wenig, legte sich immer ein Schleier über solche Nächte, eine Weichzeichnung, durch die alles etwas leichter wirkte, etwas weniger real.

Jetzt ist da nichts. Jede Berührung kommt klar bei mir an, ungefiltert, und mit ihr eine Frage, die ich mir betrunken nie gestellt habe: Will ich das? Ich weiß die Antwort nicht mehr, kaum dass er da ist, in meiner Wohnung, meinem Bett – und genau das erschreckt mich mehr als alles andere: dass ich all die Jahre offenbar nie hingespürt habe, ob ich etwas wollte, sondern nur, ob es zu der Person passte, die ich sein wollte.

Er bleibt nicht lange, vermutlich fällt ihm mein Unbehagen auf. Als die Tür hinter ihm zufällt, spüre ich vor allem eines: Erleichterung. Nüchternsein heißt offenbar auch: sich selbst nicht mehr ausweichen können.

Der Morgen in Barcelona – damals bin ich knapp 31 Jahre alt – ist ein erster und wichtiger Schritt. Ich befinde mich auf einer Pressereise mit einer Gruppe von Journalist:innen unterschiedlicher Medien, von denen alle um einiges älter sind als ich. Ihr Vorsprung in Berufs- und Lebenserfahrung jagt mir die Art von Respekt ein, die unweigerlich in Angst umschlägt, sobald ich mit meinem eigenen Unwissen konfrontiert werde.

Der daraus resultierende Stress ist mein Dauerbegleiter, seit ich 2019 erste Schritte in den Journalismus unternommen habe. Wie ein kleines Monster sitzt er mir seitdem im Nacken und flüstert mir immer wieder ins Ohr: „Fake it, til you make it.“ Mit diesem Mantra bin ich bisher gut gefahren und bin doch der Meinung, dass mein vermeintlicher Erfolg keinesfalls mit etwaigen Qualifikationen meinerseits zu tun haben kann. „Impostor Syndrom“ beschreibt dieses Gefühl der Unzulänglichkeit, bei dem man stets fürchtet, sie könne auffliegen. „Und womit lässt sich diese Versagensangst vermeintlich so wunderbar kurieren?“, fragt die Journalistin Eva Biringer in ihrem Buch „Unabhängig“ und liefert prompt die Antwort dazu: „Mit einem vollen Glas.“

Viele solcher Momente habe ich so überwunden. Angefangen habe ich damit als Teenager. Mein Körper wurde erwachsen, während ich mich selbst noch nicht so recht darin wiederfand. Um cool zu sein, um dazuzugehören, oder auch einfach, um mit den älteren Jungs, die früh interessanter waren als die gleichaltrigen, interagieren zu können, konsumiere ich, ohne dass ich weiß, ob es mir überhaupt schmeckt.

„Von Anfang an möchte ich besoffen sein. Ich trinke mich an diesen Punkt heran, an dem alles gleichgültig wird“, schreibt Lena Schätte in ihrem Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“. Meine Beziehung zum Alkohol ist ähnlich geprägt: Sie ist von Anfang an, wie sagt man so gern? Toxisch.

Das erste Mal läuft gleich aus dem Ruder, etwa 14 Jahre alt bin ich da. Ich weiß noch, dass der Raum nach Deo und Chips riecht, Musik durch einen Computerlautsprecher dringt und mir jemand eine Flasche reicht, die ich entgegennehme, als wäre es ein besonderes Geschenk. Es wird wohl etwas hochprozentig Gemischtes gewesen sein, das ich an diesem Abend bei einer Klassenkameradin in mich reinschütte, in der Hoffnung, dabei möglichst cool auszusehen, das Gesicht angestrengt nicht verziehend. Es brennt. Ich schlucke trotzdem, lächle sogar, als wäre da nichts.

Die richtigen Eskapaden beginnen mit 16

Dazwischen ein paar „Mädchen-Biere“, wie sie damals so beliebt sind. Dieser Geschmack nach artifizieller Frucht – Green Lemon, Chilled Orange, Erdbeer – schmeckt nach nichts, das ich kenne, und genau deshalb nach Freiheit. Ein, zwei Schluck Bierbrause, dann was Klares auf Ex. Ich spüre, wie es runterläuft, wie es sich in mir ausbreitet, warm und schwer zugleich. Und dann, irgendwo zwischen dem zweiten und dritten Glas, kippt etwas. Ich bin lauter. Ich bin leichter. Auf einmal bin ich jemand anderes. Jemand, der nicht mehr am Wochenende mit der besten Freundin Kinderwelten mit Plastikpferden erschafft, sondern Teil von etwas Größerem. Da ist es auch egal, dass der Abend für mich mit der Wange am Porzellan der Kloschüssel endet, während mir meine Freundin P. die Haare hält.

Die richtigen Eskapaden beginnen mit etwa 16, in den nuller Jahren, wo ich ständig auf irgendwelchen Partys im damals zwar schon beliebten, aber durchaus noch edgy Berlin bin: Cookies, Picknick, Rodeo, Bar25, Berghain – irgendwie kommt man überall rein, trotz (oder gerade wegen) der Jugendhaftigkeit. Die Wochenenden verbringe ich meist in der Garderobe vom Rodeo, das sich damals im alten Postfuhramt in der Auguststraße befindet. N. arbeitet dort, und zwischen Tanzeinlagen ruhen wir uns bei ihr aus, zwischen Mänteln und Garderobenmarken, die Musik nur gedämpft durch die Wand.

Dienstags und donnerstags ist Cookies-Time, wo S. uns verlässlich reinlässt und ich nicht nur einmal jemanden für die Nacht kennenlerne. Mit 18 tauche ich nur noch sporadisch, und wenn, dann recht durchgefeiert in der Schule auf, was mich beinahe die Zulassung zum Abitur kostet. Ich sitze in der zweiten Stunde – zur ersten schaffe ich es selten –, das Haupt auf den bekritzelten Tisch gebettet, die Augen zu schwer, um sie offen zu halten. Wenn der Lehrer mich zurechtweist, fahre ich hoch, aufsässig, mit einer Schärfe in der Stimme, die im Nachhinein betrachtet auch an den ganzen Substanzen liegen muss, die ich damals unhinterfragt konsumiere.

Zwei Bilder zeigen eine Frau die Flaschen balanciert

Foto: Stefanie Moshammer

Die Bilder

In ihrer Arbeit „Each Poison, A Pillow“ beschäftigt sich die österreichische Künstlerin Stefanie Moshamer mit weiblichem Alkoholismus, ausgehend von der eigenen Familiengeschichte. Die Bilder sind Video Stills aus ihrer Installation „Mother, Task I–IV“, in der Moshammers Mutter in verschiedenen Positionen Flaschen balanciert, als Symbol für ihre Sucht. „Each Poison, A Pillow“ ist bei Éditions Images als Buch erschienen und noch bis zum 22. November 2026 in der Galerie Saalbau in Berlin zu sehen.

In meinen Zwanzigern studiere ich außerhalb von Berlin, pendele. Die Fahrten zurück in die Stadt verbringen meine Kommiliton:innen und ich oft jeder mit mindestens zwei Flaschen Bier im Zug. Danach geht es meist noch weiter in eine Bar, zu jemandem nach Hause oder in den Park, um weiterzukonsumieren.

Da ich nie morgens schon anfange zu trinken, auch längere Pausen einlegen kann (Tage, manchmal Wochen, bis zu dem so gern auf Social Media gefeierten „Dry January“) und selten Härteres als Bier, Wein oder Sekt konsumiere, will der Begriff Alkoholikerin nicht recht zu mir passen. Ich probiere ihn an, doch er hängt mir von den Schultern, rutscht mir über die Arme, bleibt einzig an dem Bäuchlein hängen, von dem ich nicht weiß, wann es entstanden ist. Nur dass ich es hasse, weiß ich. „Hass ist ein ganz schön hartes Wort“, belehrt mich ein Freund mal. Doch genau das empfinde ich. Nicht nur für den Bauch, sondern ganz generell für mich: Hass. Hass und Verachtung. Für meinen Körper, mein Sein. Das hat auch etwas damit zu tun, wie ich aufgewachsen bin.

Anfang 2020 schreibe ich in mein Tagebuch: Sobald ich den ersten Schluck trinke, ist alles leichter. Ich fühle mich unbeschwerter, sperre das verängstigte Kind in mir ein und gehe aus. Ich liebe es, wie einfach es mir fällt, mich zu unterhalten, egal mit wem. Ob im Club oder auf Veranstaltungen; ich bin unterhaltsam und werde gemocht. Das ist alles, was zählt. Dass die Stimmung schnell kippen kann, ignoriere ich. Scham überkommt mich am Morgen danach, peinlich berührt denke ich an das, was ich am Abend vorher gesagt oder getan habe und mit wem. Aber all das spielt im Moment selbst keine Rolle.

„Gerade in den Jahrgängen ab 1980 und besonders ab 1990 zeigte sich, dass Frauen fast so oft zum Rausch neigen wie Männer“, schreibt Eva Biringer. Tatsächlich hat sich der Alkoholkonsum von Frauen und Männern in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angenähert. Der Psychologe Jürgen Rehm, der zu Alkohol und Abhängigkeit forscht, sieht darin auch einen Zusammenhang mit der zunehmenden Emanzipation von Frauen: Je stärker Frauen am gesellschaftlichen Leben teilhaben, beruflich erfolgreich sind und über dieselben Freiheiten verfügen wie Männer, desto ähnlicher wird offenbar auch ihr Trinkverhalten. Alkohol, so Rehm im SZ-Magazin, sei in Deutschland ein Kulturgut, er gehöre „zum guten Leben“ – und das gelte inzwischen auch für Frauen, gerade wenn sie erfolgreich seien.

Ich probiere den Begriff Alkoholikerin an, doch er hängt mir von den Schultern, rutscht mir über die Arme

Aber vielleicht erklärt Emanzipation nur einen Teil dieser Entwicklung. Denn mit den Freiheiten, die Frauen gewonnen haben, sind nicht automatisch alle Unsicherheiten verschwunden. Im Gegenteil: Zu dem Anspruch, unabhängig, erfolgreich und selbstbestimmt zu sein, kommt für viele Frauen weiterhin der Druck, dabei auch noch einer bestimmten Vorstellung von Weiblichkeit zu entsprechen. Stark sein, funktionieren, attraktiv sein, sich behaupten – und bloß nicht zu viel sein. Vielleicht ist Alkohol deshalb nicht nur ein Symbol gewonnener Freiheit, sondern manchmal auch ein Mittel, die Unsicherheit darüber auszuhalten, wie man diese Freiheit eigentlich ausfüllen soll. Ich kenne dieses Gefühl. Ich habe nicht getrunken, weil ich mich frei fühlte. Ich habe getrunken, um mich frei zu fühlen.

In meinem Tagebuch steht: Mit einem Glas Wein, dann zwei, dann drei, bin ich die, die ich immer sein wollte. Erst nach dem fünften oder sechsten Glas werde ich die, die ich nicht sein will.

Die sophisticated Mutter als Vorbild

„Wir haben ja fast alle das Gefühl, nicht zu genügen“, schreibt Biringer. Dagegen anzutrinken haben viele versucht. Filme und Serien zeigen weibliche Figuren, die eine „Work hard, play hard“-Einstellung verkörpern – der Drink als charakterisierendes Accessoire für die „starke Frau“. Der Cosmopolitan in „Sex and the City“ gilt als Symbol für Sexualität und Eigenständigkeit – als weibliches Pendant zu James Bond und seinem Martini. Wer den Lifestyle der Protagonistinnen nachahmen will, kann sich vielleicht keine Manolo Blahniks leisten, einen Cosmopolitan aber schon.

Mein Vorbild für diesen Lifestyle war meine Mutter. Anfang der Neunziger in ihren Zwanzigern, alleinerziehend, erst studierend, dann im Kulturbereich tätig, kommt sie viel herum. Für mich ist sie sophisticated, bevor ich das Wort kenne. Auch und vor allem, weil sie dieses Bild ebenso außer Haus trägt wie ihre Miniröcke. Verglichen mit meiner Mama, die es zwar nur unregelmäßig schafft, mich zur Schule zu bringen oder abzuholen, die auf Kinderbetreuung am Nachmittag, nicht selten auch abends angewiesen ist, wirken andere Mütter fad auf mich.

Eine stete Erinnerung ist, wie ich aufwache, weil der Fernseher zu laut ist. Mama liegt auf dem Sofa, ein Bein hängt herunter, sie schnarcht unter dem blauen Flackern. Ich setze mich vor die Schüssel mit den Erdnüssen, die mit der knackig-salzigen Kruste, knacke sie so leise ich kann, während ich noch ein bisschen fernsehe, bevor ich sie wecke. Neben ihr steht die Flasche Wein, mal mehr, mal weniger geleert. Ich muss über 30 werden, um zu verstehen, wo ich da eigentlich zugeschaut habe.

Kinder von suchterkrankten Eltern fühlen sich für sie verantwortlich und übernehmen früh Aufgaben, für die sie viel zu klein sind, steht auf der Webseite der Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien NACOA. Ich lerne früh, dass die Laune meiner Mutter morgens besser ist, wenn sie Kaffee trinkt, also lerne ich ihn so zuzubereiten, wie sie ihn mag, und bringe ihn ihr ans Bett. Sie am Wochenende aufzuwecken, ist eine schlechte Idee, unter der Woche aber ist es besser, einen eigenen Wecker zu stellen, da sie ihren gern überhört.

Das Risiko, selbst abhängig zu werden, ist für Kinder aus suchtbelasteten Familien drei- bis sechsfach erhöht. Etwa ein Drittel entwickelt eine eigene stoffliche Abhängigkeit, ein weiteres Drittel psychische und soziale Störungen, von Ängsten und Depressionen über Essstörungen bis hin zu Schwierigkeiten, anderen zu vertrauen. Die beiden Gruppen überlappen sich, denn oft ist es der Alkohol, der Anspannung und Leere betäuben soll.

Warum gerade diese Kinder zum Glas greifen, hat mehrere Gründe: Zum einen ist die Veranlagung teilweise erblich, etwa wie stark das Belohnungssystem auf Alkohol anspringt. Zum anderen erleben sie von klein auf, dass Alkohol die normale Antwort auf Stress, Kummer und Erschöpfung ist. Selbst das letzte Drittel, das augenscheinlich unbeschadet bleibt, trägt häufig an den Folgen: Wer früh gelernt hat, Stimmungen zu lesen und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, kämpft später oft mit Perfektionismus, Kontrollbedürfnis und Überengagement im Job, mit Grenzen, die sich nur schwer ziehen lassen, und mit Nähe, die zugleich ersehnt und gefürchtet wird.

Irgendwie passe ich in jedes dieser Drittel, denn meine Beziehung zu dem, was als Genussmittel deklariert ist, war vieles, aber nie Genuss. Von Anfang an prägt die Abhängigkeit meinen Konsum. Maßlosigkeit wird mein steter Begleiter. Nach vielen Jahren Therapie, einer Psychoanalyse, die mich nicht nur viel Zeit, sondern auch Energie kostet, sowie einem Burn-out, weiß ich heute, dass ich damit kompensierte, was ich als Kind von suchtbetroffenen Eltern nicht bekam.

„Wenn Zuneigung und Aufmerksamkeit davon abhängig sind, ob und wie viel der alkoholkranke Elternteil getrunken hat, wird die Unsicherheit oft zur einzigen Konstante im Leben der Kinder“, heißt es bei NACOA. Gewalt – physisch wie psychisch – ist deshalb keine Seltenheit in solchen Familien, war es auch in meiner nicht.

Alleinlebend lässt sich besser konsumieren

Irgendwann kann ich nicht mehr. Sind die Grenzen zu weit verschoben. So geht es mir schon Jahre, bevor ich endlich aufhöre zu trinken. Was alle hier zitierten Autor:innen gemein haben, ist, dass sie irgendwann ihr Trinkverhalten anzupassen versuchen und sich hierfür Regeln auferlegen. Nur noch am Wochenende trinken, nur noch zu besonderen Anlässen (wie schnell diese kreiert werden können!), nur noch Wein oder Bier, nie mischend oder vor einer bestimmten Uhrzeit. Auch ich versuche mich an diesen selbstauferlegten Regeln und scheitere jedes Mal an ihnen. Die Scham, die damit einhergeht, ist groß, schaffe ich es doch einfach nicht, nicht zu trinken.

Durch mein Konsumverhalten verliere ich in meinen Zwanzigern die ein oder andere Freund:innenschaft. Nie sagt es mir eine:r so geradeheraus, ich weiß aber, dass es daran liegt, dass ich betrunken unberechenbar werde, immer wieder Dramen anzettele, vergebene Männer anbaggere und mich generell danebenbenehme. Statt aufzuhören, steigert sich mein Konsum nur noch mehr, und ich beginne immer öfter auch alleine zu trinken, vermutlich auch, weil die wenigsten noch mit mir trinken wollen.

Die Pandemie und das mit ihr einhergehende Homeoffice kommen mir da sehr zugute. Alleinlebend, merkt niemand, wenn ich nach der ersten Flasche Rotwein noch eine zweite öffne. Nur mein Körper bemerkt es und straft mich an den Tagen danach, bis ich nichts mehr bei mir behalten kann.

Drunkorexie nennt sich die Kombination aus Betrunkensein (drunk) und Anorexie – Magersucht. Ich sollte erst sehr viel später rausfinden, dass ich an Letzterer genauso erkrankt war wie an einer Alkoholabhängigkeit. Trinke ich, esse ich meist nichts oder wenig. Wie paradox das Zusammenspiel der Drunkorexie ist, zeigt Biringer, indem sie die französische Journalistin Claire Touzard zitiert: Es komme häufig vor, dass man erst magersüchtig und dann alkoholkrank werde. Erst mal gehe es darum, sich selbst zu schaden, ein Angriff des Selbstwertgefühls. Dann um eine Art von Kontrolle: Wenn man magersüchtig sei, habe man viel Kontrolle über seinen Körper, und wenn man bis zum Äußersten trinke, gehe es oft darum, diese Kontrolle zu verlieren – „der genau umgekehrte Weg“.

Manchmal frage ich mich, was vom alten Leben eigentlich der Alkohol war und was das Leben selbst

Biringer schreibt weiter etwa, dass 40 Prozent der Bulimikerinnen alkoholabhängig sind. Viele würden auch beim Essen sparen, weil man dann schneller betrunken wird. So ist es bei mir. Ich sehe Essen als lästige Notwendigkeit, auf die ich gut und gern verzichten kann. Alkohol ist hierfür der beste Katalysator, denn nach seinem Konsum verspüre ich keinen Hunger mehr. Zudem beginne ich immer öfter zu kotzen, wenn ich zu viel trinke, was meinem Wunsch, dünn zu sein, entgegenkommt.

In meinem Tagebuch steht über den Morgen in Barcelona: Ich fühle mich ausgekotzt und leer. Zu dem Treffen in der Lobby habe ich es nicht mehr geschafft. Stattdessen liege ich regungslos auf dem Bett und blicke auf die zwei Rotweinflaschen, die ich abends mitbringen will. Ich bin mit P. verabredet, mit dem ich gestern schon die Nacht in Barcelona unsicher gemacht habe. Wir wollen uns zum Essen treffen, bei ihm. Beim Einkauf der Flaschen dachte ich noch darüber nach, ob eine reichen wird, und ich wusste: auf keinen Fall. Doch jetzt, in diesem Moment, kann ich mir nicht vorstellen, auch nur einen Schluck der roten Flüssigkeit zu mir zu nehmen. Mein Kopf zerreißt und etwas Größeres in mir gleich mit. Ich kann nicht mehr.

„Ich habe den Drink aus meinem Leben gestrichen und somit eine ganze Identität hinter mir gelassen“, schreibt Autorin Mia Gatow in ihrem Buch „Rausch und Klarheit“. Und es stimmt. Als ich nach diesem Morgen in Barcelona endlich aufhöre zu trinken – etwas, das mir lange unmöglich scheint –, verliere ich auch die Person, die ich bis dahin gewesen bin. Es ist ein Verlust, der schmerzt. Ich kenne mich nicht mehr, muss mich völlig neu kennenlernen und dabei auf manch Wunschvorstellung verzichten: „Nüchternheit bring dir erst mal gar nichts außer Nüchternheit. Produktivität, innere Ruhe und Selbstliebe sind nicht Teil des Pakets. Das einzige Versprechen, das die Nüchternheit immer einhält: Du kommst zu dir“, heißt es bei Gatow.

Dieses Gefühl, bei sich anzukommen, ist wahnsinnig schön, aber ebenso schmerzhaft. Nüchternheit fördert zutage, was vorher in Alkohol ertränkt wurde: Meiner Magersucht werde ich mir erst im Nachhinein richtig bewusst, noch heute kämpfe ich mit dem ständigen Gedanken, dünn sein zu wollen. Insgesamt realisiert man, was man all die Jahre verpasst hat, wer man hätte sein können, für sich, für andere. Mir hilft die Therapie bei meinem Vorhaben, zudem die Aufarbeitung innerhalb meiner Familie. Zu Selbsthilfeorganisationen wie den Anonymen Alkoholikern bin ich nie gegangen, geholfen haben mir aber die genannten Autor*innen bei der Aufarbeitung. Im Grunde ist es Scham, die mich endlich dazu bringt, aufzuhören. Ich schäme mich längst vor anderen, aber vor allem vor mir selbst.

Einmal, ich bin gerade in Chile, kaufe ich aus Versehen normales Bier, merke es erst nach einigen Schlucken und trinke die kleine Flasche aus. Am nächsten Tag habe ich furchtbare Kopfschmerzen. Ein anderes Mal tischt mir der Wirt auf einer Hütte nach einer langen Wanderung einen Radler auf und ich vergesse kurz, dass das Getränk Alkohol enthält. Den Wunsch, mehr zu trinken, habe ich jeweils nicht, was erst mal wie ein gutes Zeichen wirkt. Doch die Angst, dass ich aus diesem Grund irgendwann wissentlich „nur mal ein Glas“ trinke, begleitet mich seither. Denn ich weiß: Aus einem Glas werden früher oder später mehrere. Manchmal träume ich davon. Dann versuche ich mir immer wieder vorzustellen, wie dreckig es mir am Ende ging, wie mein Körper reagiert hat, was mein Umfeld sagen würde. Das hilft bisher immer. Ich bin ziemlich konsequent geworden, doch ein Laster bleibt mir noch: das Rauchen. Vielleicht kompensiere ich damit, was ich sonst alles hinter mir gelassen habe.

Manchmal frage ich mich, was vom alten Leben eigentlich der Alkohol war und was das Leben selbst. Das Feiern, die Menschen, lange Abende, am nächsten Morgen trotzdem aufstehen und im Job funktionieren. Vieles davon geht auch ohne Alkohol. Aber es fühlt sich nicht mehr genauso an, ist oft anstrengender. Vielleicht ist es das, was ich am schwersten auseinanderhalten kann: Was ich vermisse – und was ich eigentlich hinter mir lassen wollte.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Was ich gelernt habe in den vier Jahren, die ich nun nüchtern bin: Man ist kein besserer Mensch, nur weil man nicht trinkt. Den Irrglauben, Trinker:innen seien charakterschwache Menschen, kann man getrost begraben. Betrunken war ich sensibler, auch wenn es um Probleme anderer ging. Nur lief halt alles immer wieder auf mich zurück, denn der:die Trinkende kann sich selbst nie aussparen. Er:Sie ist immer mitgemeint, leidet mit und ist dabei ziemlich selbstbezogen.

Ohne Alkohol kann ich mich besser abgrenzen, anderen ihren Raum lassen. Doch ich finde es schwieriger, wirklich mitzufühlen, bin kontrollierter und in Gesprächen weniger zugänglich als früher. Lache weniger. Mia Gatow ist der Meinung, „erst nüchtern zeigen wir unsere wahren Farben“. Meine sind vielleicht etwas verblasst, mehr pastell als glühend. Nicht mehr ein dunkles Rotweinrot oder eine knallige Alkopop-Färbung. Vielleicht greife ich bei Kleidung und Einrichtung auch deshalb immer häufiger auf kräftige Primärfarben zurück. Um meinem Leben etwas Farbe zurückzugeben.

Den Artikel veröffentlichen wir auf Wunsch der Autorin unter Pseudonym.

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