«Gym-Huren»: Comedian beschimpft Frauen – sie kontern direkt

Knappe Neonshorts, deren Naht den Po betont. Frauen, die sich beim Training filmen. Und Männer, die angeblich nicht hinschauen dürfen: Daraus baut US-Comedian Shane Gillis bei «Saturday Night Live» einen Witz: «Ich war so lange nicht mehr im Gym, dass ich gar nicht wusste, dass sich Frauen inzwischen wie Huren anziehen», sagt er in seinem Eröffnungsmonolog.
Dann legt Gillis nach. Er beschreibt die Shorts ausführlich, warnt Männer davor, hinzuschauen, weil «diese Frauen sich auch filmen würden», und behauptet, deshalb im Hintergrund von rund zehn Tiktok-Videos zu sein – mit starrem, unangenehmem Blick.
«Das ist kein reines Frauenthema»
Einer, der Gillis’ Witz alles andere als lustig findet, ist der kanadische Drehbuchautor und Schauspieler Dan Levy. In einem Instagram-Reel sagt der Mitentwickler der Erfolgsserie «Schitt’s Creek»: «Frauen, die im Fitnessstudio Shorts tragen, sind deswegen keine Huren.» Männer, die Frauen so bezeichneten, seien dagegen Frauenfeinde.
Levy kritisiert vor allem die Verschiebung: Nicht Männer, die Frauen im Gym sexualisieren, geraten bei Gillis ins Visier, sondern die Frauen und ihre Kleidung. «Ich habe im Fitnessstudio mehr männliche Brustwarzen gesehen als Frauen, die ihren Körper zur Schau stellen.»
Levy richtet sich auch an andere Männer: Sie sollten Frauen gegen solche Aussagen verteidigen, denn das sei kein reines Frauenthema. Sein Reel trifft einen Nerv: 2,3 Millionen Instagram-Userinnen und -User drücken auf den Like-Knopf, fast 50’000 kommentieren. Auch Schauspielerin Elizabeth Banks oder «One Tree Hill»-Star Sophia Bush feiern Levys Ansage.
«Whore reporting for duty»
Andere kontern mit Ironie. Die frühere «SNL»-Darstellerin Ego Nwodim postet ein Foto aus dem Gym in ihrer Instagram-Story und schreibt: «Whore reporting for duty», also «Hure meldet sich zum Dienst».
Auf Tiktok und Instagram zieht der Ausdruck weitere Bahnen. Fitness-Creatorin @mollyava zeigt ihre Shorts und Leggings und ruft ihre «liebsten Huren» dazu auf, anzuziehen, worauf sie Lust haben.
Auch die britische Marke Oner Active greift die Gegenreaktion auf. Im Zuge der Debatte wurde ein Shorts-Sale angekündigt, verbunden mit einer Spende von 50’000 Dollar an eine US-Organisation gegen sexualisierte Gewalt. Das Code-Wort für den Sale: FCKYOU.
Sara Leutenegger: «Einfach den Schnabel halten»
Was Gillis als Beleidigung meint, drehen die Creatorinnen und Teile der Fitnessszene also um. Die Botschaft der Videos: Mein Gym-Outfit geht dich nichts an. Wie sehen das Schweizer Influencerinnen? 20 Minuten hat nachgefragt.
Für Unternehmerin und Content-Creatorin Sara Leutenegger gehört Training zum Alltag. Gillis’ Aussage ist für sie ein No-Go. Es sei traurig, dass Frauen heute noch wegen ihrer Kleidung abgewertet würden, sagt sie. «Egal, wie sich eine Frau anzieht: Man sollte sie nicht als ‹Whore› bezeichnen.»
Den Doppelstandard findet sie besonders auffällig: Wenn ein Mann im Tanktop trainiere und Arme oder Brust zeige, nenne ihn auch niemand billig. Sie selbst zieht im Gym gern ein schönes Outfit an: «Nicht, um Männern zu gefallen, sondern weil ich mich darin wohlfühle.» Schliesslich trainiere sie auch für den Körper, den sie habe.
Gym-Outfits seien längst Teil einer eigenen Kultur geworden, ähnlich wie in der Pilates- oder Yoga-Community. Gillis dürfe eine Frau attraktiv finden, sagt Leutenegger. Respektloses Starren oder abwertende Kommentare seien aber keine Option: «Sonst einfach den Schnabel halten.»
Andrea Nigg kann darüber schmunzeln
Die Personal-Trainerin und Content-Creatorin Andrea Nigg musste bei Gillis’ Beobachtungen über die Gym-Influencer-Kultur «ehrlich gesagt schon schmunzeln». Sie sagt: «Diese extrem kurzen Shorts mit speziellen Nähten, die den Po zusätzlich betonen, und die vielen Stative und Kameras im Gym sind mittlerweile schon ein Phänomen für sich.»
Ein auffälliges Outfit rechtfertige trotzdem «weder respektloses Anstarren noch abwertende Kommentare». Selbst trägt Nigg lange Leggings und einen Sport-BH – nicht wegen der Blicke anderer, sondern weil es fürs Training praktisch sei. Bei Deadlifts schützen die Leggings laut ihr ihre Schienbeine vor der Langhantel.
Dass Frauen den Ausdruck «Gym Whore» mit Humor umdrehen, findet Nigg cool. Selbst brauche sie die Bezeichnung aber nicht. «Wir sollten selbst entscheiden können, wie wir uns im Gym präsentieren, ohne uns dafür rechtfertigen zu müssen», sagt sie. «Humor und Respekt schliessen sich für mich nicht aus.»
Was hältst du davon, wenn sich Leute beim Training im Gym filmen?
Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?
Hier findest du Hilfe:
Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz
Carolina Lermann (ler) arbeitet seit Mai 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Body & Soul im Lifestyle-Ressort und schreibt über Erziehung, Sport und Psychologie.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
