Nati-Trainerin gewann Millionen-Klage gegen Ex-Klub

Shannon Miller ist seit August Trainerin der Schweizer Frauen-Nati – und deswegen überglücklich, «weil ich meinen Traum weiterleben kann». In den letzten sieben Jahren wurde ihr dies verwehrt. Weil sie es sich nicht einfach gefallen liess, als man sie aus ihrem Coaching-Job kippen wollte bei der University of Minnesota-Duluth (UMD). Sie ging wegen mutmasslicher Geschlechter-Diskriminierung rechtlich gegen die Universität vor. Es folgte ein jahrelanger Gerichtsfall, «es war David gegen Goliath», sagt die 62-Jährige heute dazu. Die Trainer-Ikone, nach der vom Bürgermeister der Stadt Duluth ein Feiertag (26. März 2010) benannt worden ist, gewann die Millionen-Klage. Doch von vorne.
Miller baute ab 1998 das Frauen-Hockey-Programm der UMD von Null auf. Die Kanadierin wurde die erfolgreichste Trainerin, heimste bis 2015 fünf NCCA-Meistertitel ein. Ende 2014 jedoch teilte ihr die Uni mit, dass ihr Vertrag 2015 nicht verlängert wird. Für Miller war klar, dass es sich um keinen sportlichen oder wirtschaftlichen Entscheid handelt, sondern dass auch ihre sexuelle Orientierung eine Rolle spielte.
Das wichtige Beweismittel
Zusammen mit den UMD-Trainerinnen Annette Wiles (Basketball) und Jen Banford (Softball) – heute noch Millers Lebenspartnerin – zog sie die Uni vor Gericht. Die Klägerinnen machten den «Title VII» (Diskriminierung im Arbeitsleben) sowie «Title IX» (Diskriminierung aufgrund des Geschlechts in Bildungsprogrammen und Sport) geltend. Ein wichtiges Beweismittel war eine E-Mail des Sport-Direktors an die Personalabteilung, in der er schrieb, er wolle «diese sechs Frauen loswerden». Dabei handelte es sich um sechs offen lesbische Frauen im Athletik-Bereich der Uni. «Jen und ich verkauften unsere Häuser, weil wir das Geld für die Anwälte brauchten», blickt die neue Nati-Trainerin zurück.
2018 kam es zum Prozess. Nach neun Tagen entschieden die Geschworenen zugunsten der Trainerinnen. Doch der Rechtsstreit ging weiter, weil die UMD ein neues Verfahren forderte, um die Schadensersatzsumme zu reduzieren. Im Dezember 2019 wurde der Fall aussergerichtlich abgeschlossen: Die Uni und Miller einigten sich auf einen Gesamt-Vergleich von 4,53 Mio. Dollar, wovon 2,1 Mio. an Miller gingen und 2,43 Mio. an ihre Anwälte.
Der Rechtsstreit frass viele Lebensjahre, in denen Miller nicht ihrer Berufung nachgehen konnte. Das Schlimmste sei gewesen, dass sie Spielerinnen nicht habe weiterentwickeln können. «Die Anwälte rieten uns zwar, wir sollen uns auf Coaching-Jobs bewerben, sagten aber gleichzeitig, dass wir voraussichtlich nirgends angestellt würden, solange der Fall hängig ist.» Miller und Banford wussten sich zu helfen. In ihrem Wohnort Palm Springs (Kalifornien) gründeten sie «Sunny Cycle», ein Bar-Mobil, mit dem Touristen durch die Wüstenstadt radeln können. «Das war ein Riesenspass und ist ein Riesenerfolg!»
Die Rolle von Stalder
Eishockey vermisste sie aber extrem. Jahrelang kreierte und notierte sich Miller unzählige Trainings-Übungen, «weil ich das einfach liebe». Oft besuchte sie dafür das Training des 2016 gegründeten NHL-Teams Vegas Golden Knights und liess sich inspirieren. Was ihr in ihrer Abwesenheit besonders fehlte? «Das Familiengefühl, die Verbindung mit den Spielerinnen.» Das ist nun zurück in ihrem Leben. Auch dank Nati-Captain Lara Stalder.
Als Miller aus der Szene vom freien Posten bei den Schweizerinnen erfuhr, hatte sie mit ihrer Ex-Stürmerin – Stalder spielte von 2013 bis 2017 für die UMD – Kontakt. «Zufällig verbrachte sie Ferien in Los Angeles und besuchte uns in Palm Springs.» Natürlich war die Vakanz ein Thema, «mein Interesse wuchs». Am nächsten Tag mailte sie ihre Bewerbung in die Schweiz. Mit Captain Stalder als Befürworterin und nach mehreren Gesprächen mit Swiss Ice Hockey war im Sommer Millers Rückkehr an die Bande besiegelt, das Feedback aus der internationalen Hockey-Welt überwältigend, wie sie selbst sagt. «Ich baue gerne etwas auf, und im Schweizer Frauen-Hockey sehe ich viel Potenzial.»
Sie war bei der Polizei
Miller selbst spielte einst College-Hockey in Kanada und studierte Sportwissenschaften. Sie wollte jedoch nicht als Sportlehrerin arbeiten, sondern am liebsten als Hockeytrainerin. «Deshalb überlegte ich mir, welcher Beruf es mir ermöglichen würde, dass ich nebenbei an der Bande stehen kann.» Weil sie mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ausgestattet sei, entschied sie sich für die Polizei und absolvierte nach dem Studium die entsprechende Ausbildung.
«Ich war eine Polizistin in Calgary und coachte an fünf Abenden ein Mädchen-Team. Das war mit 24 mein Anfang.» Nun wird ihre Geschichte mit der Schweizer Nati weitergeschrieben. An ihrem ersten Turnier im August in Kloten musste sich Miller an der Bande zunächst wieder zurechtfinden und sich zunächst noch mit den Spielerinnen und den Abläufen vertraut machen. Beim zweiten von drei WM-Vorbereitungsturnieren aktuell in Finnland ist alles bereits viel eingespielter. Auch wenn das Auftaktspiel gegen die Schwedinnen am Mittwochmittag mit 0:5 verloren ging.
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