Mullah-Regime im Krieg – «Irans wirtschaftliche Situation war noch nie so schlecht»

Vor vier Jahren starb die iranische Studentin Mahsa Amini in Gewahrsam der Sittenpolizei, nachdem sie verhaftet worden war. Sie hatte das obligatorische Kopftuch angeblich nicht korrekt getragen. Jetzt gibt es Berichte, dass die Kopftuchvorschrift lockerer gehandhabt werde. Mehr dazu weiss die Iran-Kennerin Gilda Sahebi.
Gilda Sahebi
Deutsch-iranische Journalistin
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Gilda Sahebi ist eine deutsch-iranische Journalistin, Autorin und Ärztin. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist die Situation im Nahen Osten sowie die Menschenrechte und die Lage der Frauen in Iran. Als Journalistin und Moderatorin arbeitet sie für verschiedene Medien und Einrichtungen, darunter die «ARD», «Der Spiegel» und die Tageszeitung Taz.
SRF News: Weht bezüglich Kopftuch so etwas wie ein Hauch Freiheit durch Teheran?
Gilda Sahebi: Die Frauen tragen schon seit einer Weile weniger Kopftuch, nicht nur in Teheran. Schon seit der Revolution 2022 kämpfen sie für ihre persönliche Freiheit, die sie zumindest versuchen auszudrücken, indem sie das Kopftuch ablegen. Doch es fällt mir schwer, von Freiheit zu sprechen. Die Situation im Iran ist sehr schwierig, die Repression sehr stark. Wir erhalten fast jeden Tag Nachrichten von Hinrichtungen, von Inhaftierungen, von Folter.
UNO-Kommission kritisiert iranisches Regime
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Eine unabhängige Untersuchungskommission der UNO zum Iran wirft dem Regime im Iran schwere Menschenrechtsverstösse an der eigenen Bevölkerung vor. Sie bezieht sich insbesondere auf das Vorgehen iranischer Sicherheitskräfte im Zuge der Massenproteste im Land Anfang des Jahres und die weitere Verfolgung von Demonstranten durch die Justiz.
Gemäss dem UNO-Bericht schossen Sicherheitskräfte sowohl mit scharfer Munition etwa von Dächern auf Demonstranten, als auch mit Luftgewehren teils gezielt auf Augenpartien. Der Bericht schreibt unter Berufung auf eine Menschenrechtsorganisation von mindestens 221 Kindern, die bei der Niederschlagung der Proteste getötet wurden.
Eine unabhängige Feststellung der Gesamtzahl Toter infolge der Gewalt vom Januar 2026 sei bislang nicht möglich, schreiben die Experten. Man habe aber gute Gründe zur Annahme, dass die Zahl signifikant über der Regierungsangabe von 3038 getöteten Menschen liege. Einige westliche Diplomaten gehen von fast 20'000 Toten aus. (sda)
Wie erklären Sie sich den offenbar lockereren Umgang mit der Kopftuchvorschrift?
Es ist nichts Offizielles. Nach den Protesten 2022/2023 hatte das Regime alles Mögliche versucht, um die Frauen wieder in das Kopftuch zu zwingen. Sie haben neue Gesetze erlassen und die Überwachung erhöht.
Zwar erhalten Frauen zuweilen wieder SMS, wenn sie das Kopftuch im Auto nicht tragen – doch die Frauen machen weiter.
Doch die Durchsetzung der Kopftuchpflicht ist den Behörden einfach nicht gelungen. Sie mussten dann – wenn auch nicht öffentlich – abwägen, ob es für sie von Vorteil ist, darauf zu beharren. Oder ob es besser ist, die Kopftuchpflicht still und leise nicht mehr so streng zu handhaben. Zwar erhalten Frauen zuweilen wieder SMS, wenn sie das Kopftuch im Auto nicht tragen und von einer Kamera registriert werden. Doch die Frauen machen trotzdem weiter.
Ist das Regime womöglich zu stark mit den anderen Problemen im Iran beschäftigt?
Den Kopftuchzwang hat das Regime ja schon vor Beginn des Angriffs Israels und der USA Ende Februar nicht mehr durchgesetzt. Spätestens seit den Protesten im Januar weiss das Regime, dass es diese Bevölkerung nicht mehr für sich gewinnen wird. Nie wieder.
Viele Menschen können sich grundlegende Dinge nicht mehr leisten. Deshalb fürchtet das Regime einen neuen Aufstand.
Fakt ist auch: Die wirtschaftliche Situation ist unfassbar schwierig, die Inflation extrem hoch. Sehr viele Menschen können sich grundlegende Dinge nicht mehr leisten. Deshalb fürchtet das Regime permanent, dass es einen noch grösseren Aufstand als im Januar geben könnte. Es ist das typische «Pick your Battles» – man muss sich seine Kämpfe aussuchen. Das tut jetzt wohl auch das iranische Regime.
Kürzlich gab Staatspräsident Massud Peseschkian öffentlich zu, wie stark die Sanktionen dem Iran schaden. Wie schlecht geht es der Bevölkerung?
Sehr schlecht. Er hatte sich ja schon im letzten Dezember ähnlich geäussert. Und die Proteste im Januar entzündeten sich ja an der schlechten Wirtschaftslage, wegen der hohen Inflation und des Währungszerfalls. Das hat auch mit den Sanktionen zu tun – aber vor allem mit der grassierenden Korruption in der Islamischen Republik.
Alles, was im Iran erwirtschaftet wird, landet in den Taschen der Machthabenden.
Der Iran ist an sich kein armes Land – eher ein sehr reiches. Es gibt grosse Öl- und Gasvorkommen, es gibt auch eine ganze Menge anderer Ressourcen. Aber alles, was im Land erwirtschaftet werden kann, landet in den Taschen der Machthabenden, vor allem in jenen der Revolutionsgarden. Aber es ist halt einfacher für das Regime, zu sagen, die Sanktionen seien schuld. Diese haben schon auch einen Einfluss, aber die schlechte Lage hat weitaus mehr Gründe.
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