Fotograf und Künstler – Wolfgang Tillmans: «Wir müssen sagen, wofür wir sind»

Der Roswitha-Haftmann-Preisträger 2026, Wolfgang Tillmans, spricht über seine Anfänge abseits der Kamera, die emotionale Kraft von nacktem Papier an Ausstellungswänden, queere Identität und wie er 2017 durch den Brexit zum politischen Aktivisten wurde.
Wolfgang Tillmans
Fotograf und bildender Künstler
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Der deutsche Künstler Wolfgang Tillmans wurde 1968 in Remscheid geboren. Er wurde in den 1990er-Jahren durch Porträts seines Umfelds, der Clubszene und LGBTIQ+-Community bekannt. Sein Werk entwickelte sich von dokumentarischer Fotografie zu einem Œuvre mit Stillleben, Landschaften, abstrakten Arbeiten sowie installativen Formaten. Er gilt als Vorreiter einer erweiterten Fotokunst, die Materialität, Raum und Präsentation einbezieht. Sein Werk wurde international ausgestellt und vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Turner Prize (2000). Tillmans engagiert sich in seiner Kunst immer wieder auch gesellschaftlich. 2016 hat er seine Stiftung Between Bridges ins Leben gerufen. Sie dient der Förderung der Demokratie, des Humanismus, der Solidarität, der Künste und LGBT-Rechte. Bei ihrem Wirken setzt sie auf den geistigen Austausch, die visuelle und bildende Kunst und die Musik.
Foto: Getty Images/Darren Gerish
SRF Kultur: Wolfgang Tillmans, Sie sind nicht allein Fotograf, sondern auch bildender Künstler. Sie arbeiten mit Video, Sie machen auch Musik. Wo hat Ihr künstlerisches Schaffen seinen Ursprung?
Wolfgang Tillmans: Ich hatte das Glück, in der Schule nie «der Typ mit der Kamera» gewesen zu sein. In meiner Familie wurde Fotografie seit Generationen als Hobby betrieben, weshalb ich mich zunächst bewusst davon abgrenzte. Ich habe gemalt, gezeichnet, Kleider genäht und Musik gemacht – alles, nur nicht das, was die Eltern taten. Erst mit 20 kaufte ich eine Kamera für Kopierer-Experimente. Ich habe fotografische Bilder schon immer geliebt und mich gefragt: Wie entsteht Bedeutung in einem gedruckten Bild aus Punkten und Korn. Diese Faszination hält bis heute an.
Pet Shop Boys: «Home and Dry» – Regie: Wolfgang Tillmans
In Ihren Ausstellungen hängen zwischen riesigen Prints meist kleine, ungerahmte Bilder. Was steckt hinter dieser Art der Präsentation?
Damit begann ich 1993. Mir fiel auf, dass Menschen das Grosse oft höher bewerten als das nackte Papier. Für mich war das einfache Blatt emotional extrem aufgeladen, während das Gerahmte müde aussah. Ich wollte die Bilder so pur zeigen, wie sie aus der Maschine kamen. Dafür entwickelte ich eine Klebetechnik mit acht Streifen, die das Papier sauber hält. Das wurde damals oft als «Grunge» oder «Teenager-Ästhetik» abgetan, war für mich aber eine reine Form des Minimalismus.
Die Menschen haben damals leidenschaftlich über Kunst gestritten. Es ging um Fragen wie: Darf man einen Haufen Ziegelsteine in eine Galerie legen und das Kunst nennen?
Sie wurden durch Ihre Bilder aus der Techno- und LGBTQ+-Szene bekannt. Ist queeres Leben noch immer ein Fokus Ihrer Arbeit?
Ja und nein. Die Erfahrung, schwul zu sein und das in den 1980ern zu merken, war fundamental. Damals sprach man darüber nur unter vorgehaltener Hand. Bei meinem Coming-out lief «Small Town Boy» von Bronski Beat – ein ikonischer Song. In den 90ern wollte ich mich nicht als «schwuler Künstler» positionieren. Ich empfand mich als normal und wollte einfach Menschen zeigen, die frei in ihren Körpern sind und ihre Sexualität positiv annehmen.
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Bild 1 von 5. Eine Fensterbank mit Pflanzen und Feuerzeug als Kunstwerk: Wolfgang Tillmans' «Nite Queen» (2013) aus der Sammlung der Fondation Beyeler. Bildquelle: Galerie Buchholz/Maureen Paley, London/David Zwirner, New York.
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Bild 2 von 5. Eine der Lichtgestalten zeitgenössischer Kunst: Wolfgang Tillmans bei einer Retrospektive 2025 im Centre Pompidou. Bildquelle: Getty Images/Foc Kan.
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Bild 3 von 5. Natürlich dürfen in der Ausstellung «Rien ne Nous y Préparait, Tout Nous y Préparait» auch Tillmans' ältere Werke nicht fehlen. Bildquelle: Getty Images/Foc Kan.
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Bild 4 von 5. Wolfgang Tillmans im passenden Outfit zu seinem Werk: 2015 hatte der Künstler Frank Ocean fotografiert – das Bild wurde zum Cover von dessen gefeiertem Album «Blonde» – und landete unter anderem auch im MoMA in New York. Bildquelle: Getty Images/Eugene Gologursky.
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Bild 5 von 5. Genauer hinsehen, lohnt sich: Wolfgang Tillmans' «Chaos Cup» (1997). Bildquelle: Keystone/Georgios Kefalas.
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Mit gerade mal 32 erhielten Sie den renommierten Turner Prize. Welche Dynamik hat der frühe Erfolg in Ihrem Leben ausgelöst?
Das war ein absoluter Höhepunkt – auch für den Preis selbst. Der Turner Prize hatte in den 1990er-Jahren in Grossbritannien eine enorme popkulturelle Stellung erlangt. Die Menschen haben damals leidenschaftlich über Kunst gestritten. Es ging um Fragen wie: Darf man einen Haufen Ziegelsteine in eine Galerie legen und das Kunst nennen?
Sie sind auch als politischer Aktivist bekannt, haben Kampagnen gegen den Brexit und 2024 für die Beteiligung an den Europawahlen gestaltet. Planen Sie neue Aktionen angesichts des aktuellen politischen Klimas in Deutschland?
2016 wurde ich durch den Brexit zum Aktivisten. Als Londoner sah ich meinen Lebensentwurf attackiert und merkte, dass niemand leidenschaftlich für die EU eintrat. Auch heute müssen wir für unsere Werte einstehen. Wir dürfen nicht nur «gegen rechts» sein, sondern müssen formulieren, wofür wir sind – zum Beispiel für den Erhalt von Kultursendern wie Arte oder den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die von rechtspopulistischen Parteien wie der AfD gezielt abgeschafft werden wollen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, worauf wir hinwirken wollen: auf ein gerechtes Miteinander und gutes Verständnis.
Das Gespräch führte Barbara B. Peter.
Wolfgang Tillmans erhält den Roswitha-Haftmann-Preis 2026
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- Der Roswitha-Haftmann-Preis zeichnet seit 2001 jedes Jahr eine lebende Künstlerin oder einen lebenden Künstler für «hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der bildenden Kunst» aus.
- Die Auswahl der Preisträgerin/des Preisträgers hat sich allein an der künstlerischen Bedeutung des Werkes zu orientieren und keine Rücksicht auf die persönlichen Verhältnisse (wie etwa Nationalität, Alter oder Geschlecht) zu nehmen.
- Der Preis ist mit 150’000 Franken dotiert und wird jeweils im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung im Kunsthaus Zürich verliehen.
- Wolfgang Tillmans ist nach Robert Frank, Cindy Sherman und Jeff Wall der vierte Fotokünstler, der den Preis erhält.
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