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Friday, September 18, 2026

Neuanfang in Armenien: Die Heimat, die es nicht mehr gibt

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Drei Jahre nach der Eroberung Bergkarabachs durch Aserbaidschan leben Zehntausende Karabach-Armenier in Armenien. Viele träumen von einer Rückkehr.

Das „Mamik“-Gästehaus liegt hoch über der armenischen Hauptstadt Jerewan, an einem Hang, von dem aus man an klaren Tagen den Berg Ararat sehen kann. Eine Schulklasse ist an diesem frühsommerlichen Vormittag zu Besuch. Kinder kneten Teig, es riecht nach Hefe und warmem Mehl. Lusine Baljan bringt den Kindern bei, wie man den Teig richtig faltet, so wie sie es in ihrer Heimat Bergkarabach getan hat. Einer Heimat, die die 53-Jährige vor drei Jahren verloren hat.

Nachdem Armenien schon 2020 in einem sechswöchigen Krieg große Teile Bergkarabachs verloren hatte, sollten russische Friedenstruppen die bestehenden Grenzen sichern. Doch als Aserbaidschan die bergige Region erst monatelang von der Außenwelt abschnitt und am 19. September 2023 militärisch angriff, erwies sich diese Schutzgarantie als wertlos.

In einer Blitzoffensive überrollten aserbaidschanische Truppen die armenische Enklave, die seit jeher mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird, nach dem Ende der Sowjetunion aber völkerrechtlich Aserbaidschan zufiel – Ursprung eines jahrzehntelangen Konflikts.

Das hochgerüstete Aserbaidschan entschied ihn vor drei Jahren in kürzester Zeit für sich. Armenien leistete keine Gegenwehr, die russischen Truppen sahen zu. Zu einem Massaker an der Zivilbevölkerung kam es zwar nicht, doch rund 120.000 Menschen mussten fliehen. Die Bilder der kilometerlangen Autokolonne, die sich über die einzige Passstraße nach Armenien schlängelte, gingen um die Welt.

Handwerk und Rezepte aus Bergkarabach

Am Tag nach ihrer Ankunft in Jerewan klopfte Vanuhi Simonjan, die armenischstämmige Betreiberin des benachbarten Gästehauses, an die Tür: „Kann ich euch helfen?“ Kurz darauf begann Baljan im „Mamik“ zu arbeiten. Das von Anfang an als Ort armenischer Kultur gedachte Gästehaus hat seither eine neue Rolle bekommen. Schulklassen und Touristen lernen hier Handwerke und Rezepte aus Bergkarabach kennen, singen Lieder und backen das typische Kräuterbrot. Die Arbeit und die Routine halfen Baljan, zumindest ein wenig über den Verlust ihres Zuhauses hinwegzukommen.

Wie Baljan landeten die meisten Geflüchteten in Jerewan. Die Stadt war auf die Ankunft Zehntausender Geflüchteter aber nicht vorbereitet. Der ohnehin durch russische Kriegsemigranten angespannte Mietmarkt hat sich weiter verschärft. Wer eine Wohnung gefunden hat, zahlt oft achtzig Prozent seines Einkommens für die Miete, sagt Lianna Petrosjan.

Sie wurde selbst aus Bergkarabach vertrieben, erst 2020 aus ihrer Heimatstadt Hadrut, dann 2023 endgültig. In Jerewan angekommen, sammelte sie auf Facebook Hilfsgesuche anderer Geflüchteter und engagierte sich für sie. Weil die Resonanz so groß war, gründete sie bald darauf ein Informations- und Beratungszentrum für Vertriebene, das sie bis heute leitet.

Fünf Menschen arbeiten heute in ihrem Büro etwas außerhalb der Jerewaner Innenstadt. Auch drei Jahre nach der Vertreibung hat das Team genug zu tun. Das drängendste Problem bleibt der Wohnraum: Staatliche Soforthilfen gibt es kaum noch. Mietbeihilfe erhalten nur die vulnerabelsten Gruppen, Menschen über 63 oder mit schwerer Behinderung. Alle anderen stehen allein da.

Kein armenischer Pass

Eine große Hürde bleibt die armenische Staatsbürgerschaft. Wer aus Bergkarabach stammt, ist zwar ethnisch Armenier, besitzt aber keinen armenischen Pass, sondern ein Dokument der früheren, international nicht anerkannten Republik Arzach. Jahrzehntelang spielte das kaum eine Rolle. Seit 2023 hat es alltägliche Konsequenzen. Offiziell ist man „vorübergehend Schutzberechtigter“. Das kann bedeuten, keine ordentliche Anstellung zu bekommen. Oder kein Visum für Reisen ins Ausland.

Zwar läuft die Einbürgerung für Karabach-Geflüchtete über ein vereinfachtes Verfahren, für das keine Sprachkenntnisse mehr nachgewiesen werden müssen. In der Praxis überfordert das Onlinesystem jedoch viele Ältere und dauert oft länger als die offiziellen drei Monate.

„Die Staatsbürgerschaft zu erlangen, ist sowohl emotional als auch finanziell für viele ein Problem“, sagt Petrosjan. Immerhin: Die Zahl der Einbürgerungen ist zuletzt gestiegen. Bis Ende Juni 2026 hatten rund 40.680 aus Bergkarabach Vertriebene die armenische Staatsbürgerschaft erhalten. An dem mühsamen Verfahren habe sich dadurch aber nichts geändert, sagt Petrosjan.

Dieses Prozedere kennt auch eine Bergkarabacherin in ihren Zwanzigern, die wegen ihrer Arbeit für eine NGO anonym bleiben will. Sie kam schon vor 2020 zum Studium nach Jerewan. Als die feindlichen Truppen anrollten, kamen ihre Eltern und ihr Bruder nach. Im Juli hat sie nun einen Einbürgerungsantrag gestellt, eine Antwort erwartet sie frühestens zum Jahresende.

Offene Anfeindungen

Die Entscheidung für den Antrag war keine leichte: „Der Pass aus Arzach ist meine letzte Verbindung zur Heimat. Wenn man ihn aufgibt, schließt man ein Kapitel“, sagt sie. Gleichzeitig braucht sie armenische Dokumente, denn ohne armenischen Pass wird ihr manchmal das Visum verweigert.

Was sie darüber hinaus umtreibt, sind offene Anfeindungen. Karabach-Armenier, oft am Dialekt zu erkennen, erlebten oft feindselige Blicke oder gehässige Kommentare, erzählt sie. Im Bus, im Fitnessstudio, im Kosmetiksalon, unter Menschen die nicht wüssten, wer da neben ihnen sitze. Auch online gebe es Hasskommentare. Bestärkt werde all das von der Regierungsspitze: Premier Nikol Paschinjan habe Bergkarabach-Armenier wiederholt scharf kritisiert. „Wenn sogar der erste Mann im Staat Hass verbreitet, breitet dieser sich eben aus“, sagt die junge Frau.

Echten Frieden befürwortet sie – aber nur, wenn er auf Gegenseitigkeit beruht. Was die Regierung derzeit darunter verkaufe, sei ein von oben verordneter „Schutzfrieden“. Man gebe Bakus Forderungen nach, statt Konflikte und offene Fragen zu lösen. Auch brauche es den Willen beider Seiten.

Als Beleg für fehlenden Respekt der Gegenseite nennt sie einen Vorfall Mitte September: Ein Berater des aserbaidschanischen Präsidenten hatte ausländischen Diplomaten am Kloster Gandzasar armenische Handschriften vorgeführt und deren Echtheit verspottet. Dabei reicht das armenische Kulturerbe in Bergkarabach Jahrtausende zurück.

Keine Zweidrittelmehrheit

Viele in Armenien fürchten, dass das dreimal so große und militärisch haushoch überlegene Aserbaidschan weitere Forderungen stellt. Zwischenfälle an der nicht vollständig demarkierten Grenze gab es seit 2023 immer wieder. Zumindest zu einem erneuten Krieg ist es aber nicht gekommen

Für einen Friedensvertrag braucht es noch eine Verfassungsänderung seitens Armeniens, die wohl weiter auf sich warten lässt. Denn die armenische Verfassung enthält eine Präambel, die sich als Territorialanspruch auf Bergkarabach lesen lässt. Um sie zu streichen, bräuchte Paschinjan ein Referendum und dafür eine Zweidrittelmehrheit im Parlament, die er auch nach seinem Wahlsieg im Juni nicht hat. Aserbaidschans Außenministerium bekräftigte am 9. September, dass die Verfassungsänderung Bedingung für die Unterzeichnung sei.

Eng mit einem Friedensschluss verknüpft ist ein geplanter Straßen- und Eisenbahnkorridor durch Südarmenien: Er soll das aserbaidschanische Kernland mit dessen Exklave Nachitschewan verbinden, ohne den bisherigen Umweg über Iran. Eine solche direkte Verbindung fordert Baku seit Jahrzehnten – dank einer von US-Präsident Donald Trump vermittelten Grundsatzeinigung vom August 2025 soll die Trump Route for International Peace and Prosperity (TRIPP) nun tatsächlich gebaut werden.

Appetit auf mehr

Trotz manch offener Frage kommt das Projekt voran: Im August 2026 gründeten die USA, Armenien und Aserbaidschan eine gemeinsame Entwicklungsgesellschaft, im September einigten sich die beiden Länder auf die Grenzabgrenzung entlang der Trasse. Ob es sich dabei um Armeniens beste Chance auf dauerhaften Frieden handelt oder ob TRIPP Aserbaidschans Appetit auf mehr weckt, darüber ist man sich uneins.

Drei Jahre nach der Vertreibung ist der armenische Alltag für die meisten Geflüchteten zur Routine geworden. Dennoch bleibt die Sehnsucht. Viele haben die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Bergkarabach nicht aufgegeben. „Es gibt nicht eine einzige Person unter unseren Vertriebenen, die sie nicht hegt“, sagt Helferin Lianna Petrosjan. Allerdings unter internationaler Vermittlung, nicht mit militärischer Gewalt.

Im Gästehaus „Mamik“ backen Lusine Baljan und ihre Besucher unterdessen weiter das traditionelle Kräuterbrot aus Bergkarabach. Solange die Rezepte, die Lieder und die Geschichten weitergegeben werden, bleibt die Heimat lebendig. Wenn auch nur in der Erinnerung, hoch über den Dächern von Jerewan.

Transparenzhinweis: Die Recherche in Armenien erfolgte auf Einladung der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung.

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