Nach den Schüssen in Aarau – So läuft eine Polizeifahndung ab

Am Sonntagmorgen fielen tödliche Schüsse bei einer Rave-Veranstaltung in Aarau. Die Tat löste eine grosse Fahndungsaktion aus. Nach Angaben der Aargauer Polizei wurde ein 43-jähriger Tatverdächtiger festgenommen. Die Ermittlungen laufen weiter. Wie die polizeiliche Arbeit bei einer solchen Fahndung aussieht, erklärt der Spezialist für Gewaltprävention Thomas Herzing.
Thomas Herzing
Spezialist für Gewaltprävention
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Thomas Herzing verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in Sicherheitsbehörden, konkret bei der Polizei, der Kriminalpolizei sowie dem Bayrischen Landeskriminalamt (LKA). Er war dort mit verschiedenen kriminalpolizeilichen Ermittlungsaufgaben und konkreten Fällen betraut.
SRF News: Was sind die ersten Schritte der Polizei, wenn eine solche Tat passiert?
Thomas Herzing: Die Aufgabe der Polizei besteht in einer ersten Phase darin, die vielen Informationen zu ordnen. Vor allem aber muss die Gefahr für die Bevölkerung möglichst schnell eingedämmt werden. Die Gefahrenabwehr steht deshalb vor der eigentlichen Täterverfolgung. Sie muss die Versorgung der Verletzten durch Sanitäter und Rettungsdienst absichern.
Zeugenaussagen sind per se sehr wichtig, aber sie sollten möglichst frisch aufgenommen werden.
Parallel dazu wird die Kriminalpolizei aufgeboten. Sie beginnt mit den ersten kriminaltechnischen und kriminaltaktischen Massnahmen und versucht, die Tat einzuordnen.
Inwiefern helfen Beweismittel bei den Ermittlungen?
Es sind viele Puzzleteile, die zusammengeführt letztlich ein Gesamtbild ergeben. Patronenhülsen können Rückschlüsse auf das Kaliber und die Art der verwendeten Waffe geben. Dazu kommen Zeugenaussagen und Videoaufnahmen.
Beim Zustellen von Beweismaterial an die Polizei sollte dieses nicht selbst bewertet, sondern der Polizei möglichst früh zur Verfügung gestellt werden. Eigene Schlüsse oder die öffentliche Verbreitung von Beweismaterial können die Ermittlungsarbeit erschweren.
Wie wichtig ist die Mithilfe der Bevölkerung bei der Suche?
Sehr wichtig, aber man muss aufpassen: Wir Menschen unterliegen alle gewissen Wahrnehmungsfehlern. Je länger ein Ereignis zurückliegt, desto schwieriger wird es, gesicherte Tatsachen wiederzugeben. Informationen aus den Medien können die eigene Wahrnehmung und damit auch die Zeugenaussage ebenfalls beeinflussen.
Eine grosse Fahndung bedeutet nicht unbedingt, dass eine Person innerhalb weniger Stunden festgenommen werden kann.
Ich habe einmal als Zivilist ein Fluchtauto beschrieben. Das Auto war grün, aber ich hätte jeden Eid darauf geschworen, dass es rot war. Das zeigt, wie fehleranfällig unsere Wahrnehmung sein kann. Zeugenaussagen sind per se also sehr wichtig, aber sie sollten möglichst frisch aufgenommen werden.
Die Polizei versucht auch via Social Media an Informationen zu gelangen. Kann das kontraproduktiv sein?
Wenn sich jemand in Szene setzen möchte und auf diversen Social-Media-Kanälen wie Tiktok versucht, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzielen, kann das durchaus kontraproduktiv sein. Denn dadurch könnten für die Ermittlungsarbeit wichtige Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. Und das kann weitere Spekulationen auslösen.
Information ist noch keine Erkenntnis. Jede Information muss zuerst geprüft werden, bevor daraus ein belastbarer Ermittlungsansatz wird. Und weil die Polizei jedem Hinweis nachgehen muss, kann das ihre Arbeit verzögern.
Wie viel schwieriger wird es, die Täterschaft zu finden, je länger eine Fahndung andauert?
Eine grosse Fahndung bedeutet nicht unbedingt, dass eine Person innerhalb weniger Stunden festgenommen werden kann. Geschwindigkeit spielt eine grosse Rolle, aber die verschiedenen Erkenntnisse müssen trotzdem auf ihre Belastbarkeit überprüft und zusammengeführt werden. Ein falscher Schluss kann erhebliche Auswirkungen auf den Ermittlungsverlauf haben.
Für die Bevölkerung fühlen sich 24 Stunden vielleicht sehr lange an. Für die Ermittlungsarbeit ist das in komplexen Fällen aber sehr kurz.
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