Fäkalien in der Reuss: Surfer entwickeln Ampel-System

- Drei Ingenieure von Hunziker Betatech AG haben für die Reuss bei Bremgarten AG ein digitales Ampelsystem namens Aquaguard entwickelt.
- Das System zeigt Surfern und Badegästen an, ob Mischabwasser aus über 35 Entlastungsbauwerken den Flussabschnitt beeinflussen könnte.
- Die Ampel ist bereits online abrufbar. In vier Wochen sollen vier physische Informationstafeln an der Reuss folgen.
Im Sommer 2025 sorgten Krankheitsfälle unter Surfern und Badenden in der Reuss bei Bremgarten AG für Schlagzeilen. 20 Minuten berichtete damals über Surfer, die nach dem Baden in der Reuss über Übelkeit, Erbrechen und Magen-Darm-Erkrankungen klagten. 20 Minuten liess eine Wasserprobe im Labor untersuchen. Diese zeigte damals eine starke fäkale Verunreinigung an.
Die Fälle warfen eine Frage auf: Wie sollen Badegäste wissen, wann sie besser nicht ins Wasser steigen? Grünen-Nationalrätin Marionna Schlatter forderte daraufhin gegenüber 20 Minuten ein Ampelsystem. Rot sollte anzeigen, wenn Abwasser das Wasser belasten könnte.
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Ein Jahr später gibt es nun eine solche Ampel. Entwickelt wurde «Aquaguard» von drei Ingenieuren des Ingenieurunternehmens Hunziker Betatech AG: Ramun Bär (30), Florian Hitz (31) und Sebastian Bosson (39). Vorerst kann man das Ampelsystem online abrufen, in vier Wochen ist eine physische Tafel an der Reuss geplant.
«Ich weiss, wie sich das anfühlt»
Dass aus den Diskussionen tatsächlich ein Projekt entstand, hat mit persönlichen Erfahrungen der Entwickler zu tun. Das Thema beschäftigte die drei schon länger, da sie alle drei auch Wassersport treiben und gerne surfen. Entsprechend aufmerksam verfolgten sie im vergangenen Sommer die Berichte über die Reuss.
«Ich bin vor etwa zehn Jahren auch schon erkrankt, nachdem ich in der Reuss surfen ging. Ich weiss, wie sich das anfühlt», erzählt er. Als sein Arbeitskollege Sebastian Bosson auf die Berichte von 20 Minuten stiess, habe ihn das Thema ebenfalls beschäftigt.
Im Büro kam deshalb die Frage auf: «Könnte man das Fachwissen des Ingenieurunternehmens und seine Kontakte zu Abwasseranlagen nutzen, um Wassersportlern eine Entscheidungshilfe zu geben?», fragte sich Bär. Rund ein Jahr dauerte es von der Idee bis zum heutigen System.
Wieso gelangt Abwasser in die Reuss?
Aus gemeinsamem Wissen entstand eine Ampel
Die drei Ingenieure setzten sich als Ziel, Informationen sichtbar zu machen, die ein Surfer am Ufer selbst nicht hat. Die zentrale Frage war: Wird irgendwo flussaufwärts gerade Mischabwasser entlastet und könnte dieses Wasser Bremgarten erreichen? Die Herausforderung: «Die Daten lagen jedoch bei unterschiedlichen Anlagen und in verschiedenen Systemen und mussten zusammengeführt werden», erzählt Bär.
Aus den Informationen von über 35 Entlastungsbauwerken entwickelten die Ingenieure gemeinsam mit der Chestonag Automation AG eine Schnittstelle für die verschiedenen Messdaten. Das Ziel des Systems: Messen, ob Mischabwasserentlastungen entlang der Reuss den Flussabschnitt bei Bremgarten beeinflussen könnten.
So funktioniert das Ampelsystem
Was zeigt die Ampel?
Das Online-Dashboard zeigt eine geringe, erhöhte oder hohe Wahrscheinlichkeit, dass registrierte Mischabwasserentlastungen den Flussabschnitt bei Bremgarten beeinflussen. Rund 35 Entlastungsbauwerke über vier Kantone hinweg sind an das System angeschlossen. Bereits in etwa zwei Wochen sollen es mehr als 50 sein.
Wie wird berechnet?
Meldet ein angeschlossenes Entlastungsbauwerk eine Einleitung, berechnet ein hydrodynamisches Modell anhand von Abflussdaten und über 180 Querprofilen, wann verschmutztes Wasser Bremgarten erreichen könnte. Die Website wird alle 15 Minuten aktualisiert.
Wo ist die Ampel?
Derzeit nur online auf der Website von Aquaguard. Vier Informationstafeln sollen in rund vier Wochen bei Badestellen und an der Flusswelle in Bremgarten aufgestellt werden.
Grün bedeutet nicht automatisch sauberes Wasser
Für Bär soll die Anzeige den Wassersportlern die Entscheidung dabei nicht abnehmen. «Sie sollen vielmehr eine zusätzliche Information erhalten und selbst entscheiden können, ob sie ins Wasser steigen», sagt Bär.
Ganz so einfach wie «Grün gleich sauberes Wasser» funktioniert die Ampel allerdings nicht. Die Anzeige zeigt zwar Grün, Orange und Rot, Bär betont aber, dass es um Wahrscheinlichkeit gehe, nicht um eine Garantie. Denn Aquaguard misst keine Bakterien, Viren oder andere Krankheitserreger. Auch andere Belastungsquellen, wie etwa Stoffe von landwirtschaftlichen Flächen, Strassen oder Siedlungsgebieten, werden nicht erfasst. Zudem verfügen noch nicht alle Entlastungsbauwerke entlang des Flusses über die notwendige Messtechnik. Eine grüne Anzeige bedeutet deshalb ausdrücklich nicht, dass das Wasser keimfrei ist.
«Nach einem heftigen Gewitter dürfte die Anzeige wegen einer Entlastung ohnehin häufig Rot zeigen», sagt Bär. Ist einige Zeit vergangen, könne sie auf Orange und später Grün wechseln. Auch dann bleibe ein Restrisiko. «Das Risiko nehme ich bewusst in Kauf», sagt Bär über seine eigene Entscheidung beim Wassersport.
Worauf achtest du am ehesten, bevor du in einen Fluss gehst?
«Wir hoffen, der ganzen Schweiz damit helfen zu können»
Bremgarten ist zudem der erste konkrete Anwendungsfall. Finanziert wurde das System aus einem Forschungsbudget von Hunziker Betatech. Noch weiter gehen würde zudem eine direkte Messung von Krankheitserregern im Fluss. Die Entwickler hätten sich damit beschäftigt, sagt Bär. Keime laufend im Wasser zu messen, sei jedoch komplex und mit grossem Aufwand verbunden. Deshalb verzichteten sie zurzeit darauf.
Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, in Zukunft ein Prognosemodell zu erstellen, sagt Bär. «Als Surfer will man bereits im Voraus sehen, wie sich die Situation voraussichtlich entwickelt.» Ein weiterer Schritt wäre also, ein solches Modell mit Machine-Learning-, Wetter- und anderen Daten zu erstellen.
Wie es langfristig finanziert wird und ob die Ampel auch an anderen Gewässern eingesetzt werden könnte, ist noch offen. Die drei Entwickler wünschen sich jedoch, dass das System eines Tages auch in anderen Flüssen und Gewässern in der Schweiz einsetzbar ist – und gemeinsam mit Kantonen und Gemeinden weiterentwickelt wird.
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Martine Anastasiou (man), Jahrgang 2001, arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Wirtschaft.
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