«Man zwang mich eigentlich, in der Sozialhilfe zu bleiben»

- Drei Monate hielten Menschenhändler in Libyen Shewit Tekie gefangen, bevor sie das Mittelmeer überquerte und die Schweiz erreichte.
- Trotz zweimaliger Asylablehnung und jahrelangem Arbeitsverbot kämpfte sie sich durch – heute zahlt sie Steuern und ist vollständig integriert.
- Der Dokumentarfilm «Freedom – Le Destin de Shewit» zeigt ihre Geschichte neu in Schweizer Kinos.
Mit 13 flieht Shewit Tekie allein aus Eritrea und erreicht nach einer Odyssee mit 15 Jahren die Schweiz – in der Hoffnung auf Sicherheit und ein selbstbestimmtes Leben. Doch auch Jahre später bleibt ihre Zukunft unsicher: Ohne Aufenthaltsbewilligung droht ihr die Abschiebung. Sie muss darum kämpfen, in der Schweiz zu bleiben und ihr Leben selbst gestalten zu können.
Der Dokumentarfilm «Freedom – Le Destin de Shewit» begleitet ihren Weg vom Teenager zur jungen Frau während zehn Jahren. Im Interview mit 20 Minuten erklärt die heute 27-jährige Shewit, warum sie trotz allem wieder von Eritrea in die Schweiz auswandern würde.
Im Film sagst du: «Das ist nicht das Leben, das ich mir wünsche.» Welches Leben hast du dir denn gewünscht?
Shewit Tekie: Ich sage diesen Satz, als mir zum zweiten Mal das Asyl verweigert wird. Wegen dieser Ablehnung war ich total blockiert: Ich hatte nicht das Recht zu arbeiten, man zwang mich eigentlich, in der Sozialhilfe zu bleiben, und gleichzeitig konnte ich nicht in ein anderes europäisches Land gehen, da es mich in die Schweiz zurückschicken würde. Das Leben, das ich wollte, war die Sprache und einen Beruf zu erlernen, um anfangen zu können zu arbeiten und meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich hätte mir überhaupt nicht vorgestellt, dass ich mich noch sieben Jahre lang abmühen müsste, um eine Arbeitsbewilligung zu bekommen. Das hätte ich mir nicht vorgestellt.
Heute können Geflüchtete schneller arbeiten gehen
Am 1. Mai 2019 trat die Integrationsagenda Schweiz in Kraft. Bund und Kantone haben damit verbindliche Ziele und Prozesse festgelegt, um Geflüchteten und vorläufig aufgenommene Personen schneller in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft zu integrieren als Shewit Tekie. Dazu gehören eine früh einsetzende Sprachförderung, die Abklärung individueller Fähigkeiten und eine gezielte Begleitung. Eines der erklärten Ziele ist, dass sieben Jahre nach der Einreise mindestens die Hälfte der erwachsenen Geflüchteten und vorläufig aufgenommenen Personen nachhaltig in den ersten Arbeitsmarkt integriert ist.
Anerkannte Geflüchtete und vorläufig aufgenommene Personen dürfen grundsätzlich in der ganzen Schweiz arbeiten. Voraussetzung ist, dass die Erwerbstätigkeit der zuständigen kantonalen Behörde gemeldet wird. Unter bestimmten Voraussetzungen ist auch ein Wochenaufenthalt ausserhalb des Wohnkantons möglich. Ein dauerhafter Wechsel des Wohnkantons bleibt hingegen bewilligungspflichtig.
Was erzählen sich die Menschen in Eritrea über die Schweiz?
Nicht viel. Ich wusste eigentlich nichts, nur ein bisschen was von Europa. Man muss dazu sagen, dass ich mein Land sehr jung verlassen habe – mit 13 Jahren –, in einem Alter, in dem ich nicht viel von der Welt wusste.
Wie konntest du dein Land im Alter von 13 Jahren verlassen und bis in die Schweiz kommen?
Alleine zu reisen, ist schwierig und sehr riskant, wenn man eine so junge Frau ist. Ich musste mich auf das Schlimmste vorbereiten, auf Gewalt, auf Missbrauch. Aber ich musste dieses Risiko eingehen, ich hatte keine Wahl. Ich war zuerst im Sudan, wo ich fast zwei Jahre lang gearbeitet habe, um den Rest meiner Reise zu bezahlen. Danach habe ich die Route nach Libyen genommen, wo mich Menschenhändler drei Monate lang eingesperrt haben. Dann habe ich das Mittelmeer auf einem Boot überquert, das fast gesunken wäre. Schliesslich bin ich von Italien hinauf in die Schweiz gefahren, nach Genf. Es hat mehr als zwei Jahre gedauert, um von Eritrea in die Schweiz zu gelangen.
Mit allem, was du heute weisst, würdest du noch einmal in die Schweiz aufbrechen?
Die Reise ist wirklich hart und riskant und die ersten Jahre in der Schweiz waren wirklich eine Qual. Aber jetzt, da ich als Landschaftsgärtnerin arbeite, ein Gehalt habe, meine Steuern zahle und in die Gesellschaft integriert bin, finde ich die Schweiz wirklich ein tolles Land.
Wie stehst du dazu, dass Geflüchtete in der Schweiz oft jahrelang auf eine Arbeitsbewilligung warten müssen?
Du wolltest als Frau frei leben können und bist darum in die Schweiz gekommen. Hat sich diese Hoffnung erfüllt?
Es war hart, ich musste viel kämpfen, aber heute kann ich sagen, dass ich die freie Frau geworden bin, die ich sein wollte. Ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen, ich habe eine Arbeit, eine Wohnung, ich bin vollkommen autonom und unabhängig.
Der Film «Freedom – Le Destin de Shewit» läuft neu in den Schweizer Kinos.
Dario Aeberli (dae), Jahrgang 1995, arbeitet seit Oktober 2023 als People-Redaktor bei 20 Minuten. Zuvor war er Lokaljournalist und beim «Migros-Magazin».
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