«Freunde halten mich für Gotthard-süchtig»

- Weil Fabrizio (57) der staufreien Fahrt hinterherjagt, verbringt er viele Stunden mit der Analyse des Gotthardtunnels.
- Seit Anfang Juli hat er rund 19’000 offizielle Verkehrsmeldungen ausgewertet.
- Freunde nennen den Zuger Manager bereits «König des Gotthardtunnels».
- Seine Erkenntnis: An 73 von 74 Tagen stockte der Verkehr. Zwischen 11 und 18 Uhr stockt der Verkehr fast immer.
Wenn andere Feierabend machen, beschäftigt sich Fabrizio Bacchin mit dem Gotthard. Der 57-jährige Manager aus Zug fährt jobbedingt vier- bis fünfmal pro Monat durch den Tunnel – und will deshalb genau wissen, wann sich die Durchfahrt lohnt. Was als praktische Notwendigkeit begann, entwickelte sich mit der Zeit zu einer regelrechten Faszination.
19’000 Verkehrsmeldungen ausgewertet
Seit Anfang Juli wertete Bacchin rund 19’000 offizielle Verkehrsmeldungen aus. Alle fünf Minuten speichert sein System für beide Fahrtrichtungen die vom ASTRA gemeldete Wartezeit in Minuten und die Staulänge in Kilometern ab. Dazu kommen offizielle Verkehrsmeldungen, etwa zu Unfällen, Sperrungen oder Dosierungen.
Das Resultat: Seit dem 11.Juli staute es an 82 von 83 Tagen vor dem Tunnel. Der Höhepunkt fiel auf Samstag, 18. Juli. Richtung Süden erreichte die Kolonne 20 Kilometer, die Wartezeit betrug 200 Minuten. Doch auch abseits der Ferienwochen zeigt seine Auswertung ein klares Bild: Im September bildete sich an jedem Werktag Stau.
Zwischen 11 und 18 Uhr sei der Verkehr praktisch immer gestockt. «Am besten kommt man meistens am frühen Morgen oder späten Nachmittag durch», sagt Bacchin. Das hänge aber vom Wochentag ab: «Ich schaue auf die Grafik und sehe, wann die Kolonne kürzer wird.»
«Die Daten machen sichtbar, was jeder ahnt, aber niemand genau weiss», sagt Bacchin. Ihn faszinieren vor allem die wiederkehrenden Muster: die Zeiten, in denen sich fast sicher Kolonnen bilden – und jene Fenster, in denen die Fahrt meist frei bleibt
«Ich verbringe fast jede freie Stunde damit, den Gotthard zu analysieren und jage der staufreien Fahrt hinterher», sagt der gebürtige Italiener. Freunde und Bekannte nehmen es mit Humor: «Sie halten mich für Gotthard-süchtig.» Einer habe sogar vorgeschlagen, ihn zum «König des Gotthardtunnels» zu krönen und seinen Wohnsitz kurzerhand in die Tunnelmitte zu verlegen.
Eigene App entwickelt
Aus seiner Beschäftigung entstand die Gratis-App «Gottardo Live». Sie nutzt offizielle Daten und meldet, wenn sich ein Stau bildet, verlängert oder auflöst. «Es gibt zwar schon eine, aber sie war voller Werbung, und den Stau musste man darin erst suchen», sagt Bacchin.
«Verglich einzelne Tage und suchte nach Mustern»
Für seine Faszination investierte er zu Beginn manchmal bis zu fünf Stunden pro Tag. «Zuerst musste ich meine App so programmieren, dass sie die Daten alle fünf Minuten zuverlässig abholt». Er verglich sie mit den Webcams und der tatsächlichen Verkehrslage, suchte Fehler und stellte die Push-Mitteilungen so ein, dass sie zum richtigen Zeitpunkt kommen – «nicht zu früh, nicht zu oft».
Daneben verglich Bacchin einzelne Tage miteinander und suchte nach Mustern: «Wann bildet sich der Stau? Wann löst er sich wieder auf?» Inzwischen sei das System stabiler. Heute kontrolliere er die Zahlen täglich, ausser bei starken Staus brauche er dafür aber noch mindestens eine halbe Stunde.
Bacchin hat jedenfalls seine eigene persönliche Schmerzgrenze klar definiert: «Zehn bis 20 Minuten Stau sind akzeptabel, mehr ist für mich zu viel. Dann fahre ich über den Pass.»
Wie gehst du mit dem Stau am Gotthard um?
Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.
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