Ausgezeichnete Forschung – Die Erde ist ebenso Kugel wie Scheibe – aber kein Donut

Die Welt, in der sich Susanna Zimmermann bewegt, ist eine Sphäre für sich. Während vor ihrem Bürofenster mitten in Basel das urbane Leben pulsiert, untersucht sie die Frage: «Wann sind zwei geometrische Formen wirklich gleich?» Formen wie ein Quadrat. Oder ein Dreieck. Oder eine Kugel.
Wenn wir aus der Erdkugel den Nordpol rausnehmen und sie dann zusammenpressen, bekommen wir eine Scheibenwelt – und die sind gleich für mich.
Eine Kugel wie zum Beispiel die Erde: «Wenn wir aus der Erdkugel den Nordpol rausnehmen und sie dann zusammenpressen, bekommen wir eine Scheibenwelt – und die sind gleich für mich», sagt Susanna Zimmermann.
Wandelnde Objekte, gleiche Struktur
Die Erdkugel kann also eine Scheibe sein, zumindest in der Sprache der Mathematik. Denn sie haben dieselbe tiefere Struktur. Was aber nicht gehe sei, Nord- und Südpol zu entfernen und die Löcher zu vergrössern. «Dann bekommt man einen Donut. Und der ist nicht gleich wie eine Kugel.»
Der mit 100’000 Franken dotierte Schweizer Wissenschaftspreis Latsis (früher: Nationaler Latsis-Preis) honoriert besondere Leistungen in der Grundlagenforschung. Er wird jährlich vom Schweizerischen Nationalfonds SNF verliehen, im Auftrag der in Genf ansässigen Internationalen Latsis-Stiftung. Über die Vergabe entscheidet der nationale Forschungsrat.
Die Preisträgerin 2026 ist Susanna Zimmermann, Mathematikerin und Professorin an der Universität Basel. Sie erforscht, wie sich geometrische Formen verändern lassen, ohne dabei ihre Struktur zu verlieren.
Das Gebiet, das Susanna Zimmermann erforscht, nennt sich «birationale Geometrie». Für digitale Verschlüsselungsverfahren etwa sind deren Methoden wichtig.
Susanna Zimmermann gehört darin zur Weltspitze.
Wir lösen das Problem von seinem Zusammenhang weg, abstrahieren es und versuchen, abstrakt eine Lösung zu finden.
Ihre Forschung, erklärt die gebürtige Glarnerin, sei oft von Problemen aus dem realen Leben inspiriert. Doch dies führe sie dann in die Abstraktion. «Wir lösen das Problem von seinem Zusammenhang weg, abstrahieren es und versuchen, abstrakt eine Lösung zu finden. Wenn das gelingt, dann ist in mir Party.»
Es ist Grundlagenforschung, die Susanna Zimmermann betreibt. Die Fragestellungen sind per se interessant – auch ohne praktische Anwendbarkeit.
Doch genau diese Art Forschung erlebt zurzeit ein Waterloo: durch künstliche Intelligenz. Die KI-Systeme der grossen Tech-Unternehmen haben 2026 ein Niveau erreicht, auf dem sie selbst schwierigste Mathe-Probleme im Handumdrehen lösen können. Probleme, an denen sich Mathematiker die Zähne ausgebissen haben.
Anfang Oktober stellte das Tech-Unternehmen OpenAI buchstäblich über Nacht mehr als 700 Fachartikel online, generiert mit ChatGPT. Seither ist die Community in Aufruhr.
Auch den sogenannten Millennium-Problemen der Mathematik haben sich KI-Systeme angenommen. Dabei handelt es sich um mathematische Fragestellungen, die aus Sicht der Fachwelt besonders bedeutend und dringlich sind und bis heute als ungelöst gelten.
Das amerikanische Clay Mathematics Institute formulierte im Jahr 2000 sieben Millennium-Probleme und setzte für deren Lösung jeweils ein Preisgeld von einer Million US-Dollar aus.
- Eines dieser Probleme betrifft die sogenannte Navier-Stokes-Gleichung, die beschreibt, wie sich Flüssigkeiten und Gase bewegen. Generationen von Mathematikerinnen und Mathematikern haben sich fast ein Jahrhundert lang vergeblich an ihr versucht. Im September wurde bekannt, dass eine noch unveröffentlichte KI von OpenAI das Problem gelöst haben soll. Das Clay Mathematics Institute hat die Lösung bislang weder anerkannt noch das Preisgeld ausbezahlt.
- Inzwischen soll KI auch bei der sogenannten Riemannschen Vermutung entscheidende Fortschritte erzielt haben. Diese beschäftigt sich mit der Verteilung von Primzahlen und gilt als das bedeutendste ungelöste Problem der Mathematik.
Susanna Zimmermann indes sieht das Ganze gelassen. Den Husarenstreich von OpenAI wertet sie als reine Werbeaktion: «Es ging ihnen darum, zu demonstrieren, dass man mit KI in der Mathematik alles lösen könne.»
Fortschritt passiert nicht im stillen Kämmerlein, sondern, indem man mit Kolleginnen und Kollegen kollaboriert. Das ist ein schöner, sehr kreativer Prozess – eine Maschine kann das nicht.
Ihr selbst bedeutet das Finden von Lösungen zwar viel – aber bei weitem nicht alles. Der Weg dorthin sei oft viel wichtiger. «Fortschritt passiert nicht im stillen Kämmerlein, sondern, indem man mit Kolleginnen und Kollegen kollaboriert», erzählt sie. Beim Austausch ergäben sich oft die verrücktesten Fragen, man entdecke neue, unkonventionelle Wege – und komme so voran. «Es ist ein schöner, sehr kreativer Prozess», sagt sie. Eine Maschine könne das nicht.
«Ende der Mathematik» nicht in Sicht
Natürlich werde zurzeit die Mathematik durch KI auf einschneidende Weise beeinflusst, sagt Susanna Zimmermann. Aber ein «Ende der Mathematik», wie manche ihrer Kolleginnen und Kollegen es prophezeien, sieht sie nicht.
Sie plädiert dafür, KI sinnvoll zu integrieren – und dabei das Wichtigste nicht aus den Augen zu verlieren, nämlich das Menschliche.
Susanna Zimmermann vergleicht das mit der Kunst: «Kunst ist nicht einfach das Produkt von grafischem Design», sagt sie, «sondern wir wollen das Menschliche in der Kunst.» In der Mathematik sei es ähnlich: «Es geht darum, Dinge zu verstehen. Dass wir sie verstehen.»
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