«Die vielen Einwanderer waren zu viel für diesen kleinen Ort»

- In Springfield, Ohio, fürchten Haitianer nach dem Ende ihres Schutzstatus TPS Festnahmen und Abschiebung.
- Die Regierung von Donald Trump hat den Schutz zum 27. Juli 2026 aufgehoben.
- Pastor Julio Dumano kehrt nach zwei Monaten in ICE-Haft zu seiner Gemeinde zurück.
- Der rasche Zuzug brachte die Stadt bei Wohnraum, Schulen und Behörden an Grenzen.
Sie singen inbrünstig, und sie jubeln und klatschen, als der Pastor den Mann mit den glitzernden Cowboystiefeln auf die Bühne zieht: «Endlich, Halleluja, endlich!» Ein kollektives, glückliches Stossgebet geht gen Himmel. Der Grund dafür ist Julio Dumano, der jetzt mit Tränen in den Augen vor der haitianischen Gemeinschaft in Springfield, Ohio, steht.
Die US-Einwanderungsbehörde ICE hat den Assistenzpastor der Première Eglise Evangélique Haïtienne de Springfield vor zwei Monaten mitgenommen. Nun begrüsst er die überraschte Gemeinde, und es fällt schwer, sich den Emotionen des haitianischen Gottesdienstes zu entziehen.
Gut 100 Menschen haben sich an diesem Sonntag in den Kirchenräumlichkeiten eingefunden. Die Frauen tragen farbenfrohe Kleider, Hüte und High Heels, die sie später auf dem Parkplatz gegen bequeme Slipper tauschen. Auch die Kinder sind herausgeputzt, die Mädchen tragen Zöpfe mit bunten Mäschchen, die Buben und Männer Anzüge.
«Meine Familie hat sehr gelitten»
«Noch vor einem Jahr kamen zwischen 400 und 500 Leute in die Kirche», sagt Dumano, den hier alle Pastor Julio nennen. Viele seien weggezogen, andere wagten sich auch am Sonntag zum Gottesdienst nicht mehr aus dem Haus. Die Menschen haben Angst, abgeschoben zu werden.
Seit 2021 lebt der Lehrer hier im Mittleren Westen der USA. Gemeinsam mit Hauptpastor Reginald Silencieux kümmert er sich um die Sorgen der Gemeinde.
Über seine Festnahme kann Dumano wenig sagen. «Ich weiss nicht, was der Grund war.» Er sei mit einem Visum eingereist und habe eine Arbeitserlaubnis. «Wir arbeiten, zahlen Steuern und tun nichts Unrechtes.» Gewalt habe er in der Haft nicht erlebt. Aber: «Meine Familie hat sehr gelitten. Zwei Monate konnte ich nicht mit ihnen kommunizieren oder sie anrufen. Niemand konnte mich besuchen.»
Erst Arbeitskräfte, jetzt unerwünscht
Arbeit und günstige Wohnungen zogen viele Haitianer nach Springfield. Sie durften legal in den USA leben und arbeiten. Viele erhielten den vorübergehenden Schutzstatus TPS. Er schützt vor einer Abschiebung, wenn eine sichere Rückkehr etwa wegen bewaffneter Konflikte oder Naturkatastrophen nicht möglich ist. Ein dauerhaftes Bleiberecht ist er nicht.
Donald Trumps Regierung hob den Schutz zum 27. Juli 2026 denn auch auf. Wer keine andere Aufenthaltsgrundlage hat, muss eine Abschiebung fürchten. Manche haben allerdings weitere Bewilligungen oder laufende Verfahren.
«Manche Haitianer müssen nun elektronische Fussfesseln tragen – wie Verbrecher», empört sich Margery Koveleski (58). ICE überwache damit ihren Aufenthaltsort, während ihre Einwanderungsverfahren laufen. «Aber immerhin müssen sie nicht in ein Abschiebegefängnis.»
Koveleski hat ihr Büro im Hinterzimmer eines haitianischen Supermarkts an der South Limestone Street. Ihre Besucher wollen wissen, welche Papiere noch gelten und welche Anträge nötig sind. Manche hätten keinen Computer oder keinen Internetzugang. «Andere verstehen schlicht nicht, was sie für ihre Aufenthaltsbewilligung tun müssen.»
414 Nachrichten, über 120 Anrufe
«Ich bin keine Anwältin», unterstreicht Koveleski, die Französisch, Kreolisch und Spanisch spricht und Teilzeit als Übersetzerin in einem Anwaltsbüro arbeitet. In ihrer Freizeit hilft sie kostenlos. Das spricht sich herum. Manche kommen vorbei, rufen an oder schreiben ein SMS. «Die letzten Tage habe ich 414 Nachrichten erhalten und allein heute über 120 Anrufe. Es ist ziemlich verrückt.» «Soeur Marjorie», Schwester Marjorie, nennen die Leute sie.
Dass Haitianer als illegale Einwanderer dargestellt werden, ärgert Koveleski. Viele hätten Papiere gehabt, seien überprüft worden und hätten arbeiten dürfen. Dann habe die neue Regierung ihnen diesen Status genommen.
«Für Alteingesessene schlicht zu viel»
Seit rund 25 Jahren lebt sie in Springfield. Früher seien Wohnungen billig gewesen, es sei wenig los gewesen. Dann kamen Zuwanderer, fanden Arbeit und eröffneten Geschäfte. «Für manche Alteingesessene war das schlicht zu viel.»
Eine Einwohnerin, die namentlich nicht genannt werden will, sagt denn auch: «Die Leute aus Haiti waren einfach zu viel für diesen kleinen Ort. Sie können nicht Auto fahren, sie trugen dazu bei, dass die Hauspreise unerschwinglich und Schulen und das Gesundheitssystem völlig überfordert wurden.»
2024 lebten nach Behördenschätzungen zwischen 12’000 und 15’000 Haitianer in Springfield und dem umliegenden Clark County. Die Stadt selbst hatte bei der Volkszählung 2020 rund 58’700 Einwohner gezählt. Im Schulbezirk stieg die Zahl der Kinder, die Unterstützung beim Englischlernen brauchten, innerhalb von zwei Jahren von rund 250 auf 1200.
Koveleski bestreitet nicht, dass der rasche Zuzug Probleme brachte. Aber Unternehmen wie Amazon hätten in Ohio billig Land gekauft und Arbeitskräfte gebraucht – etwa zum Sortieren und Verpacken von Waren. «Sie waren der Anker für viele Unternehmen», sagt sie über die Haitianer.
«Vielleicht macht Hass sie blind»
Inzwischen fehlen den Betrieben die Arbeitskräfte und Geschäften die Kundschaft. Beim Besuch wirkt die Downtown am Wochenende fast wie ausgestorben. Manche Gegner der Einwanderung nähmen lieber wirtschaftliche Einbussen in Kauf, als ihre haitianischen Nachbarn zu behalten, sagt Koveleski.
Von den Zwischenwahlen im November erhofft sie sich andere Mehrheiten im Kongress, die der Regierung unter Donald Trump Grenzen setzen könnten. Den verlorenen Schutzstatus dürfte ein Wahlsieg der Demokraten allein allerdings nicht wiederherstellen.
«Wir essen keine Hunde und Katzen, das sind auch bei uns in Haiti geliebte Haustiere.»
Trumps unbelegte Behauptung, Haitianer würden Haustiere von Anwohnern verspeisen, hatte 2024 Folgen: Neonazis marschierten durch Springfield, Schulen und öffentliche Gebäude erhielten Bombendrohungen.
«Wir essen keine Hunde und Katzen, das sind auch bei uns in Haiti geliebte Haustiere», sagt Pastor Dumano. «Wie die Leute auf so etwas kommen… vielleicht macht Hass sie blind.»
Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
