«Ich habe ständig das Gefühl, ich habe jemanden überfahren»

- Zoe (24) und Michèle (30) leben mit einer Zwangsstörung, die ihren Alltag stark bestimmt.
- Zoe kontrolliert Herd und Türen und putzt täglich. Ihre Zwänge kosten sie zwei bis drei Stunden am Tag.
- Michèle erhält eine IV-Teilrente und hat wegen ihrer Zwänge Freunde und Arbeitsstellen verloren.
- Laut Psychologinnen erkranken 1 bis 3 Prozent der Menschen im Leben an einer Zwangsstörung.
Der Wecker klingelt. Zoe (24) macht sich bereit für die Arbeit. Bevor sie das Haus verlässt, kontrolliert sie den Herd, Türen und die Ordnung in der Wohnung. Doch auf dem Weg zum Zug kommen die Zweifel: «Ist der Herd wirklich aus? Habe ich die Tür abgeschlossen?» Dann der Gedanke: «Wenn ich nicht noch mal nachschauen gehe, passiert etwas Schlimmes.» Zoe steigt wieder aus, geht nach Hause und kontrolliert alles erneut.
«Meine Zwänge beeinflussen meinen Alltag sehr», erzählt die 24-Jährige gegenüber 20 Minuten. Seit ihrer Teenagerzeit lebt sie mit einer Zwangsstörung. «Mein Tagesablauf ist von A bis Z vorprogrammiert.»
Ab wann spricht man von einer Zwangsstörung?
Eine Zwangsstörung kann jeden Menschen treffen, wie die Psychologinnen Lilian Maggiori und Lorena Eisenegger erklären. «Die Wahrscheinlichkeit, im Leben an einer Zwangsstörung zu erkranken, liegt bei 1 bis 3 Prozent», so Eisenegger. Im Kindesalter seien Jungen etwas häufiger betroffen, im Erwachsenenalter Frauen.
Doch wann wird aus einer Gewohnheit eine Zwangsstörung? «Entscheidend sind Leidensdruck, Zeitaufwand und Einschränkungen im Alltag», erklärt Maggiori. Während sich Gewohnheiten meist einfach ändern lassen, ist das bei einer Zwangsstörung anders. «Es ist Betroffenen nicht möglich, aufdringliche Gedanken (Zwangsgedanken) einfach zu ignorieren oder auf Zwangshandlungen zu verzichten», erklärt Eisenegger.
Wer gelegentlich prüft, ob die Haustür abgeschlossen ist, habe nicht gleich eine Zwangsstörung. Müsse jemand jedoch ständig kontrollieren und komme deshalb regelmässig zu spät, könne eine Störung vorliegen. «Neben sichtbaren Zwängen wie Waschen oder Kontrollieren gibt es auch gedankliche Zwänge, etwa wiederholtes Zählen», erklärt Maggiori.
«Meine Zwänge nehmen etwa zwei bis drei Stunden in Anspruch»
Die 24-Jährige arbeitet im Detailhandel. Auch nach Feierabend plagen sie Zweifel: «Ist die Alarmanlage an? Sind alle Türen zu? Ist der Heizofen aus? Die Fenster?» Mittlerweile hat sie eigene Strategien entwickelt: Sie macht Fotos und Videos, damit sie nicht ständig nachschauen muss.
Obwohl sie eigentlich Feierabend hat, geht die Kopfarbeit zu Hause weiter – ihr Putzzwang beginnt. «Ich staube die gesamte Wohnung ab. Gleichzeitig mache ich die Kontrolle, ob alles in einer geordneten Reihe steht.» Niemand anderes dürfe putzen. Ihre Zwangsstörung sei ein «sehr, sehr grosser Teil» ihres Lebens, der viel Zeit koste. «Insgesamt nehmen meine Zwänge etwa zwei bis drei Stunden am Tag in Anspruch.»
«Anfangs dachten alle, ich meinte es als Witz.» Erst nach ihrer Diagnose hätten die Menschen in ihrem Umfeld Verständnis gezeigt. Zoe selbst weiss: «Mein Verhalten ist nicht normal und echt nervenaufreibend.» Mehrere Therapieversuche blieben erfolglos. Mittlerweile habe Zoe ihre Zwänge akzeptiert. «Es raubt enorm viel Energie, aber viel daran ändern kann man nicht.»
Michèle: «Jeder Tag ist für mich eine Last»
«Viele, die sagen, sie haben eine Zwangsstörung, haben vielleicht höchstens einen Tick», sagt Michèle (30). Sie selbst weiss, wie belastend die Krankheit sein kann. Seit 15 Jahren lebt sie mit einer diagnostizierten Zwangsstörung. Ihre Zwänge schränken sie so stark ein, dass sie eine IV-Teilrente erhält. «Jeder Tag ist für mich eine Last.»
Michèle erzählt, dass sie als Kind sexuell misshandelt wurde. Ihre Therapeuten vermuten darin eine Ursache ihrer Zwänge (siehe Box unten). Wenn sie durch die Stadt läuft, hat sie ständig Angst, Menschen aus ihrer Vergangenheit zu begegnen, die ihre Zwänge auslösen. Begegnet sie einer solchen Person, fühlt sie sich schmutzig und muss zu Hause duschen und alles desinfizieren. In besonders schlimmen Phasen warf Michèle sogar Geld weg. «Es hat gereicht, wenn ich in der Migros bar bezahlt habe.» Der Gedanke, jemand aus ihrer Vergangenheit könnte die Banknote berührt haben, liess sie nicht los. Also warf sie einen 50-Franken-Schein weg.
«Ich habe mehrere hundert Zwangsgedanken am Tag.» Besonders schlimm seien die ersten drei Jahre gewesen. «Ich habe jeden Tag stundenlang geduscht und mich gewaschen. In den schlimmsten Momenten habe ich pro Duschgang eine ganze Flasche Duschmittel verbraucht.» Ihr Wasserverbrauch war so hoch, dass sie einmal ein Handwerker fragte, wo denn ihr Pool stehe.
«Ich habe viele Freunde und Arbeitsstellen verloren»
Auch beim Autofahren plagten Michèle Zwänge. Für eine zehnminütige Strecke brauchte sie teils zwei Stunden. «Ich hatte ständig das Gefühl, ich habe jemanden überfahren. Also musste ich immer wieder zurückfahren und schauen, dass niemand dort liegt.»
Ihr soziales Umfeld leide stark unter der Erkrankung. Ihren Heimatort kann sie wegen ihrer Zwänge nicht mehr besuchen, zu alten Freunden hat sie den Kontakt verloren. Einmal traf sie im Ausgang mit ihrer besten Freundin eine Person aus ihrer Vergangenheit. Diese umarmte beide. «Ich musste sofort nach Hause und duschen.» Sie habe sich nicht getraut, ihrer Kollegin zu sagen, sie müsse ebenfalls duschen gehen. Bis heute löst der Kontakt zu ihr deshalb Zwänge bei Michèle aus. Mittlerweile wisse ihre Freundin aber Bescheid und zeige Verständnis.
Zahlreiche Therapien blieben bisher erfolglos. Michèle wünscht sich mehr Verständnis. «Eine Zwangsstörung ist eine ernsthafte Erkrankung.» Sie sei enorm erschöpfend und nehme ihr Leben komplett ein. «Ich habe bereits viele Freunde und Arbeitsstellen dadurch verloren und frage mich täglich nach dem Sinn – meine Lebensqualität ist enorm eingeschränkt.»
Experten erklären: Wie wird eine Zwangsstörung ausgelöst?
Die Ursachen und Auslöser für eine Zwangsstörung seien vielfältig, erklären die Psychologinnen Lilian Maggiori und Lorena Eisenegger. Laut ihnen spielen biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammen. Stress oder belastende Erfahrungen könnten die Entwicklung oder Verstärkung von Zwängen begünstigen. Auch belastende oder traumatische Erfahrungen könnten Auslöser sein. «Manche Betroffene erleben beispielsweise ein Gefühl innerer Verunreinigung, auf das sie mit zwanghaftem Waschen reagieren», erklärt Maggiori.
Warum können Betroffene ihre Zwänge nicht einfach abstellen?
«Viele Betroffene wissen, dass ihre Befürchtungen übermässig sind, empfinden dennoch starke Angst, Ekel oder Anspannung. Das verstandesmässige Wissen allein beendet diesen inneren Druck nicht», sagt Maggiori.
Zwangshandlungen bringen häufig kurzfristige Erleichterung. Dadurch steige jedoch der Drang, sie beim nächsten Mal zu wiederholen. Therapeutische Hilfe könne Betroffene dabei unterstützen, diesen Kreislauf zu durchbrechen.
Selina Keller (sek) arbeitet seit 2025 bei 20 Minuten und ist Redaktorin im Ressort Community
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