Mitbestimmung und Alter: Wo bleibt die ausgleichende Gerechtigkeit?

Es ist das Jahr 2126, du bist 18 und willst wählen? Bitte, hier hast du 83 Stimmen! Dann klappt es auch mit der politischen Teilhabe junger Leute.
Foto: Breuel-Bild/imago
F elix und ich sehen im Fernsehen einen ausführlichen Bericht über die Ausschreitungen in Frankreich. Die zunächst friedlichen Demonstrationen von Schüler*innen und Studierenden für bessere Bildungspolitik und soziale Gerechtigkeit haben sich in wenigen Wochen zu einer landesweiten Protestwelle aufgeschaukelt, die sich in Form von Straßenschlachten, Plünderungen und Brandstiftung in die Städte ergossen hat. Tausende Verletzte, verwüstete Innenstädte und ein Premierminister, der im Fernsehen dazu aufruft, sich jetzt für eine Seite zu entscheiden.
„Das ist so bekloppt!“, bricht es aus mir heraus. „Ich verstehe die jungen Leute ja … aber die Gewalt? Das kann doch keiner unterstützen.“
Felix holt sich aus der Küche meine Lieblingsschokolade – die teure, die ich nur für mich kaufe.
Es braucht Druckmittel
„Hey, was soll das?“, rufe ich. „Gib mir wenigstens auch was ab!“ Aber mein Freund aus der Zukunft stopft sich seelenruhig ein Stück nach dem anderen in den Mund.
„Lass das!“ Er ignoriert mich.
„Jetzt reicht’s!“ Ich reiße ihm die Packung aus der Hand und esse das letzte traurige Stück. Er grinst mich kauend an.
„Das war gemein von dir“, sage ich.
„Hat es also doch was gebracht, dass du mir die Schokolade mit Gewalt weggenommen hast?“
„Das war doch keine Gewalt, das war …“
„Recht zu haben und laut zu protestieren, ändert gar nichts“, sagt Felix. „Du brauchst auch ein Druckmittel, sonst machen die Mächtigen, was sie wollen.“
„Na gut … aber in einer Demokratie muss Macht politisch gesteuert werden … und in einer alternden Gesellschaft sind die Alten eben in der Mehrheit und sagen, wo es langgeht – und das ist selten zum Wohl der Jungen. Wie sollen die bei Bildung, Klima, Verteidigung oder Rente zu ihrem Recht kommen?“
Alte Menschen sind in der Mehrheit, aber müssen weniger lang mit ihren Entscheidungen leben
„Die Demografie wird sich in den nächsten 100 Jahren nicht umkehren lassen – sie wird sich sogar noch verschlimmern, weil die Menschen immer älter werden und immer weniger Kinder bekommen. Aber die Jungen können langfristig nicht marginalisiert werden. Auch sie werden irgendwann alt und müssen die Konsequenzen der politischen Entscheidungen viel länger ausbaden als diejenigen, die sie getroffen haben. Es muss also irgendwie ein Interessenausgleich gefunden werden. Deshalb führt die EU in den 2040er Jahren ein altersgewichtetes Wahlrecht ein. Bei einem angenommenen Maximalalter von 100 und älter hat man 1 Stimme. Für jedes Jahr, das man jünger ist, bekommt man eine Stimme dazu. So hat ein 50-Jähriger 51 Stimmen, eine 18-Jähriger 83.“
„Oh, ich kann mir schon vorstellen, was dann passiert: Gesetze in Jugendsprache statt in Beamtendeutsch und jeden Tag eine Stunde früher Feierabend, um noch auf Social Media posten zu können.“
„Diese despektierliche Haltung jungen Menschen gegenüber hätte ich eher von Merz als von dir erwartet“, sagt Felix eisig.
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„Sollte ein Witz sein … ich denke mal, die werden in Nachhaltigkeit, Bildung und soziale Gerechtigkeit investieren.“
„Stimmt.“
„Alles irgendwie vorhersehbar. Was ist denn jetzt die Pointe?“, frage ich.
„Die Pointe ist, dass all das jetzt schon bekannt ist und es trotzdem noch Jahrzehnte Unterdrückung, Gewalt und Gegengewalt braucht, bis ihr endlich vernünftige Politik macht.“
Theresa Hannig Autorin/Kolumnistin
Theresa Hannig studierte Politikwissenschaft, Philosophie und VWL und arbeitete als Softwareentwicklerin, bevor sie sich hauptberuflich dem Schreiben zuwandte. Ihr Schaffen erstreckt sich über zahlreiche Romane, Kurzgeschichten, Sach- und Theatertexte und eine Kolumne in der taz. Dabei beschäftigt sie sich vor allem mit der Zukunft unserer Gesellschaft in Hinblick auf Kapitalismus, KI und Klimawandel. Seit 2021 ist sie Grünen-Stadträtin in Fürstenfeldbruck. Zuletzt erschien ihr Essayband "Über Morgen. Geschichten aus einer besseren Zukunft" im Hirnkost Verlag.
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