„Warten auf’n Bus“ am Berliner Ensemble: Hier sind die letzten Stimmen aus dem Osten

Die Erfolgsserie „Warten auf’n Bus“ kommt nach fünf Jahren Pause mit zwei neuen Folgen ans Berliner Ensemble. Macht das Spaß?
Mitten in der Pandemie kam eine TV-Serie heraus, die bei vielen ziemlich beliebt war. Sie hieß „Warten auf’n Bus“, und im Prinzip passierte auch nicht viel mehr. Zwei Männer, beide seit der Wende arbeitslos, saßen in einer Haltestelle in Brandenburg und schlugen die Zeit tot. Sie philosophierten über das Leben, gestanden sich ihre Liebe für die Busfahrerin und manchmal tanzten sie auch miteinander, weil einer das früher in der Kreisliga getan hatte.
Die Serie war eine Mischung aus „Dittsche“ und „Braunschlag“, weil darin das Assoziative einer Hamburger Imbiss-Plauderei mit österreichischer Skurrilität kombiniert wurde. Sie war herzerwärmend, drollig und bitter und stammte von dem Theater- und Drehbuchautor Oliver Bukowski. In Cottbus geboren und damit selber ostsozialisiert, gab er dem ostdeutschen Mann, der gewöhnlicherweise ja gerne irgendwo zwischen Loser und Wutbürger eingeordnet wird, ein menschliches Gesicht.
Die Kritik geizte damals nicht mit lobenden Worten, und die erste der beiden vom RBB produzierten Staffeln brachte ihr eine Nominierung für den Deutschen Fernsehpreis ein. Nun sind nach fünf Jahren Pause zwei gänzlich neue, an die TV-Serie angelehnte Folgen im Berliner Ensemble uraufgeführt worden. Geschrieben haben sie Bukowski selbst und seine Drehbuchkollegin Hannah Zufall. Man fragt sich ja schon, was das soll: Planen die zwei etwa ein TV-Comeback? Oder wollen sie die beiden Originale noch mal zu Wort kommen lassen, jetzt wo die AfD am Osten klebt wie Scheiße am Schuh?
Im neuen Haus des BE steht eine Bushaltestelle aus verrostetem Blech. Daneben eine DDR-Straßenlaterne. Außerdem gibt es einen Apfelbaum mit echten Früchten und originalgetreue Bodenplatten, zwischen denen wie im echten Leben Gras wächst. Es braucht einen Moment, bis man sich daran gewöhnt hat, dass Hannes und Ralle nicht vom üblichen Cast gespielt werden. Peter Moltzen und Gabriel Schneider machen das trotzdem gut. Sogar den Dialekt kriegen sie, die gebürtig gar nicht aus Berlin oder Brandenburg kommen, ganz passabel hin. Man kann nur erahnen, wie intensiv sie das mit Regisseur Max Hopp geprobt haben müssen.
Zwei Männer und ein Podcast
In der ersten Folge, die eine knappe Stunde dauert, wollen die beiden Männer einen Podcast produzieren: Alle Welt spricht über sie, jetzt möchten sie auch mal zu Wort kommen. Der Slapstick funktioniert. Die beiden steigern sich rein und vergessen dabei, dass sie längst auf Sendung sind. Auch der Schlagabtausch ist lustig: „Ick hab wat zu verliern“ – „Wat denn?“ oder ihr Galgenhumor: „Hello Bello, hier sind die letzten Stimmen aus dem Osten.“ Denn die Lokalpresse ist weg, und sie, die explizit keine Nazis sind, fühlen sich allein gelassen.
Ihre Diskussionen drehen sich um Zensur und Cancel-Culture und inwieweit das nicht dasselbe sein könnte wie die Stasi in Mutters Stehlampe. Hannes (Moltzen), der eine wandelnde Zitatschleuder ist, zitiert C. G. Jung und Marx, Ralle (Schneider) regt sich regelmäßig darüber auf. Im weiteren Verlauf geht es darum, ob der Mensch nun gut sei oder schlecht und warum sich Linke immer gegenseitig zerfleischen müssen, während Rechte Geschlossenheit demonstrieren.
Vieles, von dem, was Ralle und Hannes da diskutieren, hat man nur leider schon oft gehört, der Erkenntnisgewinn ist deshalb nicht so enorm. Störend ist auch, dass der politische Diskurs nicht häppchenweise in den Alltagsdialog einfließt, so wie es in der Serie der Fall war, sondern viel Raum einnimmt und dadurch konstruiert wirkt. Hier wollte man offensichtlich seinen politischen Beitrag leisten und die Figuren nicht Figuren sein lassen.
Die zweite Folge ist besser. Darin sprechen Ralle, der vergebens auf seinen Sohn, einen erfolgreichen Sachbuchautor und Osterklärer, wartet, und Hannes über vertane Chancen, Einsamkeit und Scham. Das schrammt bisweilen am Klischee, ist aber auch berührend, solange die beiden nicht zum Mikro greifen und rappen. Einen funkelnden Moment gibt es dann aber doch, und zwar, als Moltzens Figur sich von der Seele redet, wie sie sich fühlt. „Ich bin doch auch irgendwer!“, ruft er ins Publikum. Das bringt es auf den Punkt.
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