Buch «Über Zensur» – Ai Weiwei hält dem Westen den Zensurspiegel vor

«Zensur wirkt wie eine absolute Autorität über die Kreativität, lähmt das gesellschaftliche Denken und raubt den Menschen den Mut, Urteile zu fällen oder gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.» Dies steht am Anfang von Ai Weiweis Ausführungen.
Der Künstler schildert seine Erfahrungen mit der Überwachung in China. Er denkt über die «hohle Ideologie» von Künstlicher Intelligenz nach. Und kommt zum Schluss: «Big Data» löscht das Individuum aus, weil alles ausspioniert wird.
Zensur und Selbstzensur
«Zensur ist (…) die systematische Einmischung der Macht in die Verbreitung von Ideen», schreibt Weiwei. Um das Meinungsmonopol zu bewahren, hinsichtlich Ideologie, Religion, nationaler Selbstverständnisse und traditioneller Werte.
Aus Angst vor Strafe, sozialer Isolation und beruflichen Nachteilen regulierten Individuen freiwillig ihre Gedanken. Auch im Westen. Ai Weiwei schreibt, dass Zensur und Selbstzensur tief ins Menschsein eingreifen, das Streben nach Wahrheit und letztlich die freie, offene Gesellschaft zerstören.
Stark im Konkreten
Stark ist der Text, wenn Ai Weiwei aus dem Leben berichtet: Westliche Museen sagen seine Ausstellungen ab, weil Unternehmen als Sponsoren abspringen, um ihr China-Geschäft nicht zu gefährden. Filmfestivals loben seine Werke – und nehmen sie doch nicht ins Programm. Eine deutsche Redaktion lehnt einen Artikel von ihm ab, da dieser «Missverständnisse verursachen» könnte.
Stark ist der Text, wenn er konkret wird: wenn Regierungen und «profitgetriebene Interessengruppen» Daten zum Klimawandel unterdrücken. Wenn China Weiweis Untersuchung zum Tod von Schulkindern beim Erdbeben in Sichuan 2008 behindert und verschweigt. Wenn US-Universitäten politisch unter Druck geraten.
«Objektive Fakten werden von Manipulation und Täuschung übertönt – oder gar ausgelöscht. Dies schadet dem unabhängigen und kritischen Denken und untergräbt das Fundament von Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit in der modernen Zivilisation.»
Es fehlen die Belege
Oft aber wünschte man sich Quellenangaben, Belege. Etwa wenn Ai Weiwei berichtet, Filmemacher hätten ihm erzählt, dass «ihre Drehbücher, ihre Erzählstrukturen, Dialoge und sogar die Verwendung bestimmter Begriffe einer strengen Prüfung durch verschiedene Stellen unterzogen werden mussten».
Da wüsste man gerne, wann sich was wo zugetragen hat. Damit die Erzählung nicht im Nebulösen bleibt.
Wokeness und der Fleischwolf
Fragen kann man sich auch, ob diese Meinung über westliche Diskussionskultur zutrifft: «Durch moralischen Zwang wird Dissens als ‹Hassrede› abgestempelt, und ideologische Aussenseiter werden eliminiert. Die heutige ‹Wokeness›-Bewegung gleicht einem hocheffizienten Fleischwolf; im Namen der ‹Gerechtigkeit› zermahlt sie Ideen, die ihr nicht konform sind.»
Haben diese Kreise tatsächlich die Macht, den öffentlichen Diskurs zu bestimmen? Bezeichnet «Hassrede» wirklich eine unbequeme Aussage? Trifft nicht eher zu, was er auch schreibt: «In westlichen Gesellschaften sind die Zensoren oft die Agenten grosser Kapitalinteressen.»
Vielleicht ist «Über Zensur» gerade wegen solcher Widersprüche und Unklarheiten so interessant. Dass Vieles im Ungefähren bleibt, wirkt so bedrohlich wie die Möglichkeiten der Überwachungstechnologie, auf die Ai Weiwei eindrücklich eingeht.
Buchhinweis
Box aufklappen Box zuklappen
Ai Weiwei: «Über Zensur». Westend Verlag, 2026.
Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 22.09.2026, 07:06 Uhr
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.