Dokumentarfilm «Unshatter» – Linkin Park möchten nicht über ihren ehemaligen Sänger sprechen

Die Rückkehr von Linkin Park sieben Jahre nach dem Suizid ihres Sängers Chester Bennington ist eine Erfolgsgeschichte: Das Comeback-Album «From Zero» landet in zahlreichen Ländern auf Platz 1 der Albumcharts – auch in der Schweiz. Die neue Sängerin Emily Armstrong wird von der Fangemeinde sofort ins Herz geschlossen, und auf der «From Zero World Tour» spielt die US-amerikanische Band während fast zwei Jahren rund 100, grösstenteils ausverkaufte Konzerte.
Natürlich wurde dieses vor einigen Jahren noch für undenkbar gehaltene Rock-Märchen auch mit Kameras begleitet. Wobei Linkin Park hier einen Schritt weiter gehen: Regie bei «Linkin Park: Unshatter» führt mit Joe Hahn ein Bandmitglied selbst.
Der unmögliche Neustart
Bei Drehstart 2022, fünf Jahre nach Benningtons Tod, sieht die Welt noch nicht so rosig aus. «Es war einfach alles beschissen», sagt Hahn gleich zu Beginn des Films. Und auch Mike Shinoda erklärt, dass er lange damit haderte, seiner Band ein neues Gesicht zu geben.
Mit Shinoda ist der primäre Songwriter der Band zwar nach wie vor mit von der Partie – aber ein Aushängeschild wie Bennington ersetzt man nicht so einfach. Nach einer Scheidung würde man ja auch nicht sofort in eine Bar gehen und sagen: «Ich suche eine neue Ehefrau», meint Shinoda.
Doch plötzlich ist Emily Armstrong da. Und die Band merkt, dass etwas Besonderes entsteht. Wie und warum die Wahl genau auf die Sängerin der Band Dead Sara fällt, wird nicht erklärt. «Wir haben uns an verschiedene Leute gewandt», heisst es dazu. Einblicke in einen Castingprozess gibt es jedoch keine.
Die neu zusammengesetzte Chemie funktioniert jedenfalls prächtig. Nach und nach entstehen Songs, irgendwann ist auch Gitarrist Brad Delson, der dieser Reunion zunächst skeptisch gegenübersteht, wieder mit von der Partie und veredelt die neuen Tracks.
Bald wird die Albumkampagne geplant und in einem Livestream die neue Sängerin vorgestellt. Dieser nah begleitete Blick hinter die Kulissen ist, was man von einem Dokumentarfilm dieser Art bestens kennt. Und er dürfte Fans der Band, die vor einem riesigen Stadion in São Paulo erzählen, wie froh sie sind, dass ihre Lieblingsband wieder da ist, viel Freude machen.
Der Elefant im Raum
Und trotzdem: Während es Rock-Dokus über erfolgreiche Bands mittlerweile wie Sand am Meer gibt, wäre ein Dokumentarfilm über eine erfolgreiche Stadionrockband, die eine nach dem Suizid ihres Sängers zum Stillstand gekommene Maschinerie wieder auf Volltempo hochfährt, eigentlich eine ziemlich spannende Ausgangslage. Eine, der der Film nicht gerecht wird.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, dass Linkin Park den Tod ihres Freundes und Bandkollegen für die Kameras ausschlachten müssten. Im Gegenteil: Dass ein solcher Verlust für die Hinterbliebenen niemals einfach abzuhaken ist, versteht sich von selbst. Nur ist Bennington in «Unshatter» derart konsequent abwesend, dass seine Abwesenheit selbst irgendwann auffällt.
Es gibt keine Bilder, keine Videoaufnahmen, keine Anekdoten über ihn. Bennington ist in diesem Film wie ein unsichtbarer Geist, der mit im Raum schwebt und über den niemand sprechen möchte.
Bis man ihn am Schluss doch noch sieht: Über dem Abspann laufen plötzlich uralte Proberaumaufnahmen, die die Band mit Chester zeigen. Da ist er also doch noch. Nur reden möchte man nicht über ihn.
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