Klimawandel – Kraken und Kalmare erobern die Nordsee

«Tintenfische? Davon gibt es jede Menge an der belgischen Küste. Früher gab es sie hier nicht. Jetzt landen hier riesige Mengen von Tintenfischen und Kraken und weniger Krabben.» Das erzählt ein Standbesitzer auf dem Fischmarkt in Ostende, einer Hafenstadt an der belgischen Küste.
Der Grund dafür ist die Erwärmung der Nordsee, erklärt Hans Polet, wissenschaftlicher Direktor am flämischen Institut für Landwirtschafts- und Fischereiforschung: «In hundert Jahren hat sich der südliche Teil der Nordsee, der relativ flach ist, um vier Grad erwärmt.»
Krakeneier brauchen eine Temperatur zwischen 9 und 11 Grad, um lebensfähig zu sein und dann zu schlüpfen. «Früher war es viel kälter. Aber jetzt beobachten wir, dass die Eier der Kopffüsser sehr gut in der Nordsee überleben können», sagt der Direktor gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS).
Zahlreiche Nahrung für die Kopffüsser
Kopffüsser, zu denen Kraken, Kalmare und andere Tintenfische zählen, ernähren sich von unterschiedlichen kleinen Meerestieren, darunter Krabben, Krebse und Heringe, die alle zahlreich in der Nordsee zu finden sind.
Konkurrenz haben die Kopffüsser immer weniger, denn Raubtiere wie der Kabeljau verschwinden zunehmend aus der Nordsee. Für sie bringt die Erwärmung Nachteile mit sich: Sie können sich in den wärmer gewordenen Gewässern kaum noch vermehren.
Der Audiobeitrag von RTS mit deutschen Untertiteln:
«Alles ging sehr schnell», erklärt Tom Premereur, Direktor der Flämischen Fischauktion: «Vor acht oder neun Jahren noch sah man keinen einzigen Tintenfisch, keinen Kalmar bei uns. Heute machen sie den grössten Teil unserer Fänge aus. Die Kraken, die grossen, sehen wir erst seit zwei Jahren. Letztes Jahr im Winter rief mich ein Fischereipatron an, um mir zu sagen, dass er mehr als zwei Tonnen gefangen hatte.»
Vermehrte Exporte in den Süden Europas
Die flämischen Fischer wissen sich anzupassen. Sie lehnen jegliche Fangquoten für Kopffüsser ab, die derzeit für 5 bis 9 Euro pro Kilo verkauft werden. Der Markt befindet sich im starken Wachstum und die Nachfrage nimmt zu.
Ein Grossteil der Fänge wird in die Mittelmeerregionen exportiert – Italien, Südfrankreich, Spanien –, überall dorthin, wo die Überfischung die Populationen hat sinken lassen. Die in Belgien gefangenen Tintenfische, Kraken und Kalmare landen künftig also vermehrt in mediterranen Gerichten, wie zum Beispiel der Paella.
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