Bibliotheken im Wandel – 280’000 Klicks: Die Bibliothek Zug erfindet sich auf Tiktok neu

«Viele Leute fragen uns, was wir mit Kundinnen oder Kunden machen, die Bücher zu spät oder beschädigt zurückbringen», sagt Ursula Christen in die Kamera – und schleift im selben Moment eine in Abfallsäcke eingewickelte «Leiche» über den Boden. Was aussieht wie eine Krimiszene, ist als Witz gemeint. Es war das erste Tiktok-Video der Bibliothek Zug mit Protagonistin «Ursi» und erhielt über 280’000 Klicks.
Ursula Christen arbeitet seit drei Jahren als Quereinsteigerin in der Bibliothek Zug und wurde ganz unverhofft zur Tiktok-Figur: «Ich dachte mir anfangs: ‹Na gut, ich mache da mal mit, das ist sicher eine einmalige Sache.›» Doch dabei blieb es nicht. «S’Ursi» wurde zum Markenzeichen für die Bibliothek und brachte ihr einen kleinen Fanclub ein.
Regelmässig vor der Kamera
Der Kopf hinter den Clips ist die gelernte Fachfrau Information und Dokumentation, Alena Windlin. Sie ist neben anderen Aufgaben für die Social-Media-Kommunikation zuständig. Die Inhalte zeigen den Bibliotheksalltag auf humorvolle Weise. Sie basieren zwar auf konkreten Vorstellungen, wie die Bibliothek Zug sich auf Social Media präsentieren möchte, es wird aber auch bewusst viel Raum für Spontaneität und kreatives Ausprobieren gelassen.
Fast das ganze Team macht mit: Ursi ist zwar das bekannteste Gesicht, doch auch andere Mitarbeitende stellen sich regelmässig vor die Kamera. Im Herbst 2025 folgte die Nominierung für die Tiktok Book Awards in der Kategorie «Booktok Indie Buchhandlungen & Bibliotheken» auf der Frankfurter Buchmesse. Trotz ausbleibendem Sieg freut sich Windlin über den Anklang der Videos.
Was ist Booktok?
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Booktok ist eine globale Buch-Community auf der Plattform Tiktok, organisiert unter dem Hashtag #BookTok, der es inzwischen auf fast 67 Millionen Beiträge bringt. Nutzerinnen und Nutzer teilen dort Leseempfehlungen, Rezensionen und Buchtipps – oft kurz und visuell, ganz anders als klassische Literaturkritik.
Seit 2023 vergibt Tiktok jährlich die Tiktok Book Awards, bei denen eine Jury zusammen mit einem Community-Voting Bücher, Autorinnen und Autoren, Verlage und eben auch Bibliotheken auszeichnet.
Die Videos sollen eine Zielgruppe ansprechen, die die Bibliothek und ihr Angebot kaum kennt oder noch nicht für sich entdeckt hat. «Oft nutzen die Menschen als Kind die Bibliothek, verlieren sie ab dem Jugendalter etwas aus den Augen, haben andere Interessen und kommen erst wieder, wenn sie selbst Kinder haben», sagt Windlin. Dazu kämen die veränderten gesellschaftlichen Bedürfnisse.
Wenn man in die Bibliothek kommt, trifft man auf echte Menschen.
Entgegen der allgemeinen Auffassung, dass Bücherlesen für die meisten Schnee von gestern sei, stehen die Nutzungszahlen der Bibliothek Zug. Bibliotheksleiterin Jasmin Leuze bestätigt: «Unsere Zahlen gehen keineswegs zurück – im Gegenteil: Gerade die analoge Nutzung steigt kontinuierlich an.»
Der persönliche Austausch bleibe zentral: «Wenn man in die Bibliothek kommt, trifft man auf echte Menschen und nicht auf eine Maschine. Dieser persönliche Kontakt ist unbezahlbar.» Genau diese Menschlichkeit soll auch über die sozialen Medien transportiert werden.
Je nach Format können bis zu sechs Stunden Arbeit in ein Video fliessen, erzählt Windlin. Dafür werden in der Bibliothek Zug bewusst Ressourcen freigestellt. Der Erfolg zeige sich weniger in den Kennzahlen als im Alltag, etwa, wenn sie auf ihre Posts angesprochen würden, erklärt Leiterin Leuze: «Ein riesiger Erfolg war unser Tiktok-Video für eine neue Lehrstelle. Die Person, die die Stelle schliesslich bekam, hatte das Video gesehen und sich genau deswegen bei uns beworben.»
Trend oder Einzelfall?
In der Schweiz gab es im Jahr 2023 laut Bundesamt für Statistik genau 1498 öffentlich zugängliche Bibliotheken – ein Schnitt von 16.7 Bibliotheken pro 100’000 Einwohnerinnen und Einwohner. Nicht alle haben einen Social-Media-Auftritt, und doch gibt es einige, die ihre Online-Plattformen mittlerweile stärker bespielen.
Heike Ehrlicher ist Direktorin des Schweizer Bibliotheksverbands Bibliosuisse und nennt Zug explizit als Positivbeispiel für eine grössere Bewegung: Wenn Bibliotheken diese Kanäle konsequent nutzen, brechen sie mit dem Bild der verstaubten Einrichtung. «Wenn man das so aufzieht, wie es beispielsweise Zug macht, dann schafft das einen anderen, sehr niederschwelligen Zugang, und man erreicht so auch Menschen, die sonst vielleicht nicht den Weg in die Bibliothek finden.»
Oodi – Finnlands Bibliothek der Zukunft
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Die Bibliothek Oodi in Helsinki gilt als eine der modernsten Bibliotheken der Welt. Seit ihrer Eröffnung 2018 ist sie weit mehr als nur ein Ort zum Ausleihen von Büchern: Besucherinnen und Besucher finden dort Ton- und Filmstudios, «Makerspaces» mit 3D-Druckern, Nähmaschinen und Lasercuttern, Arbeits- und Veranstaltungsräume, ein Kino, ein Restaurant sowie zahlreiche Lern- und Aufenthaltsbereiche – alles kostenlos zugänglich.
Die Zentralbibliothek versteht sich als öffentlicher Treffpunkt und «Wohnzimmer der Stadt». Jährlich besuchen mehrere Millionen Menschen Oodi. Sie steht exemplarisch für das finnische Bibliotheksverständnis: Bibliotheken sind zentrale Orte für Bildung und Kultur, unabhängig von Alter und Einkommen.
Weil sich auch die Gesellschaft verändert habe, findet Ehrlicher, seien Bibliotheken heute wichtiger denn je. Neben der klassischen Ausleihe funktionieren sie heute als «dritte Orte» und sind wichtig für die soziale Teilhabe. Das Konzept geht auf den Soziologen Ray Oldenburg zurück und bezeichnet öffentliche Räume abseits von Zuhause und Arbeitsplatz, die kostenlos und barrierearm zugänglich sind.
Heute seien Bibliotheken auch Wohlfühlorte. Früher habe es meistens nicht mal eine Kaffeemaschine gegeben, merkt Ehrlicher an. Sie sieht darin auch eine Antwort auf einen gesellschaftlichen Gegensatz: Einerseits wächst der Drang zur Individualisierung, wie er sich etwa auf Social Media zeigt. Andererseits wird gleichzeitig das Bedürfnis nach Gemeinschaft immer dringlicher.
Boom statt Niedergang
Auch als Bildungsorte gewinnen die Bibliotheken an Bedeutung, so Ehrlicher: von früher Sprachförderung über die Zusammenarbeit mit Schulen bis zur Unterstützung beim selbstständigen Lernen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung von Informations- und Medienkompetenz: Im Umgang mit künstlicher Intelligenz könnten Bibliotheksmitarbeitende einordnen und helfen, einen kritischeren Zugang zu KI zu entwickeln.
Das gedruckte Buch ist nach wie vor sehr beliebt.
Dass immer weniger Menschen Bücher lesen, benennt Heike Ehrlicher als Mythos. Auch Leuze bestätigt: «Das gedruckte Buch ist nach wie vor sehr beliebt und hat einen festen Platz bei unserer Kundschaft.»
Stichwort «Open Library»
Für Leuze steht der Boom auch für eine hohe Nachfrage nach verlässlichen, kuratierten Informationen und nach Orten der Begegnung und des Austauschs: «Die Menschen schätzen es, dass wir eine qualitätsvolle Vielfalt und Auswahl anbieten, auf die sie sich verlassen können.» Auch auf Verbandsebene zeigt sich der Trend: Für Ehrlicher sind die Zutrittszahlen die wichtigste Kennzahl überhaupt, wichtiger noch als die Ausleihzahlen – und sie steigen: 2023 lag der Durchschnitt bei 51’000 Eintritten, 2024 bereits bei 54’000.
Ich wünsche mir, dass die Menschen gerne zu uns kommen.
Die Bibliothek Zug hat auf die Nachfrage reagiert: Aus einer Bedürfnisbefragung der Bevölkerung ging der Wunsch nach flexiblen und erweiterten Öffnungszeiten hervor. Die Antwort ist die Sonntagsöffnung und die «Open Library» – ein Angebot, das den Zutritt auch ausserhalb der personell besetzten Zeiten ermöglicht, mit Selbstbedienung bei Ausleihe und Rückgabe.
Für die Zukunft wünscht sich Ursula Christen vor allem eines: dass in den Bibliotheken weiterhin viel gelacht wird, dass man sich auf ein Schwätzchen trifft «und die Menschen gerne zu uns kommen».
Am Ende bleibt der Ort selbst der wichtigste Punkt. Die Bibliothek versteht sich heute auch als Partnerin gegen die Einsamkeit – ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, sich austauschen, lernen und sich inspirieren lassen.
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